UWE HÜBNER
Das Ende von „Immer wieder sonntags“ könnte auch den „ZDF-Fernsehgarten“ treffen!
Was wie das Aus einer ARD-Show aussieht, könnte 2027 zum Problem für das ZDF werden – denn vielleicht waren beide Sendungen über Jahrzehnte stärker miteinander verbunden, als wir dachten …:
Ich muss heute bitte ein Thema ansprechen, das mich inzwischen wirklich umtreibt. Als bekannt wurde, dass „Immer wieder sonntags“ nach mehr als 30 Jahren eingestellt wird, war ich vor allem traurig über das Ende einer erfolgreichen und traditionsreichen Sendung. Was ich damals überhaupt nicht auf dem Schirm hatte: Dieses Aus könnte Folgen haben, die weit über „Immer wieder sonntags“ hinausgehen.
Bei meinem kürzlichen Besuch im „ZDF-Fernsehgarten“ wurde ich hinter den Kulissen erstmals mit einer Sorge konfrontiert, die mich zunächst wirklich überrascht hat. Dort beschäftigt man sich offenbar mit einer Frage, über die ich bis dahin nicht nachgedacht hatte: Was passiert mit dem „ZDF-Fernsehgarten“, wenn ihm am Sonntagvormittag „Immer wieder sonntags“ nicht mehr vorausgeht?
Zunächst hielt ich diesen Gedanken für ziemlich weit hergeholt. Inzwischen nicht mehr. Denn nur eine Woche später wurde ich bei unserem Sommerfest unabhängig voneinander von zwei weiteren Kollegen genau auf dieses Thema angesprochen. Einer von ihnen war zuvor bei der Giovanni-Zarrella-Show im ZDF gewesen und berichtete mir, dass auch dort diese Frage offenbar sehr ernsthaft diskutiert wurde. Und so langsam frage auch ich mich, ob wir möglicherweise einen Zusammenhang übersehen haben, der über Jahrzehnte ganz selbstverständlich funktioniert hat.
Vielleicht waren „Immer wieder sonntags“ und der „ZDF-Fernsehgarten“ nämlich viel weniger Konkurrenten, als wir immer angenommen haben. Vielleicht waren sie für einen Teil des Publikums Bestandteil ein und desselben sonntäglichen Fernseh-Rituals. Um 10 Uhr begann „Immer wieder sonntags“ im Ersten: Musik, Schlager, Live-Unterhaltung, Sommerstimmung. Um 12 Uhr war Schluss – und ziemlich genau dann begann im ZDF der „ZDF-Fernsehgarten“. Millionen Menschen waren zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Stunden in genau dieser Art von Unterhaltung zu Hause. Und möglicherweise wechselte ein Teil dieses Publikums anschließend ganz selbstverständlich vom Ersten zum ZDF.
Ich habe deshalb angefangen, mir die Zahlen anzusehen. Und ich hoffe sehr, dass meine Recherche richtig ist, aber das, was ich dabei gefunden habe, lässt mich zumindest aufhorchen. Grundlage solcher veröffentlichten Quoten sind in der Regel die Messungen der AGF Videoforschung, also jener Organisation, die in Deutschland die Fernsehnutzung erfasst und daraus die bekannten Zuschauerzahlen und Marktanteile ermittelt.
Am 12. Juli 2026, als beide Sendungen regulär liefen, erreichte „Immer wieder sonntags“ 18,7 Prozent Marktanteil, der anschließend ausgestrahlte „ZDF-Fernsehgarten“ kam auf 19,2 Prozent. Am 26. Juli hingegen, als „Immer wieder sonntags“ nicht lief, erreichte der „ZDF-Fernsehgarten“ nur 16,6 Prozent. Und am 16. August, ebenfalls ohne „Immer wieder sonntags“ davor, waren es sogar nur 15,7 Prozent und rund 1,36 Millionen Zuschauer – zu diesem Zeitpunkt der niedrigste Marktanteil der „ZDF-Fernsehgarten“-Saison.
Und es gibt noch ein weiteres Beispiel, das mich nachdenklich macht: Am 6. September lief „Immer wieder sonntags“ noch einmal ausgesprochen stark. 1,59 Millionen Menschen sahen zu, der Marktanteil lag bei 22,0 Prozent – laut veröffentlichten Auswertungen der höchste Marktanteil der Sendung seit 2013. Direkt im Anschluss erreichte der „ZDF-Fernsehgarten“ 1,66 Millionen Zuschauer und ebenfalls sehr starke 19,9 Prozent Marktanteil. Auch das beweist natürlich keinen direkten Zuschauerfluss von der ARD zum ZDF. Aber wenn eine Sendung unmittelbar vor dem „ZDF-Fernsehgarten“ ein Millionenpublikum versammelt und der „ZDF-Fernsehgarten“ anschließend ebenfalls stark läuft, während er an zwei Sonntagen ohne „Immer wieder sonntags“ zuvor deutlich schwächer abschneidet, dann darf man zumindest anfangen, Fragen zu stellen und Befürchtungen ernst zu nehmen.
Natürlich beweisen einzelne Sonntage noch überhaupt nichts. Quoten hängen vom Wetter, vom Konkurrenzprogramm, von Sportübertragungen, Ferien, den jeweiligen Themen einer Sendung und vielen anderen Faktoren ab. Ich möchte deshalb ausdrücklich keinen Zusammenhang zur Tatsache erklären, solange wir ihn nicht belegen können. Aber ich finde, wir sollten verdammt genau hinschauen. Denn wenn ausgerechnet das Programm wegfällt, das seit Jahrzehnten unmittelbar vor dem „ZDF-Fernsehgarten“ ein Millionenpublikum mit einer erstaunlich ähnlichen Interessenlage versammelt, dann muss zumindest eine Frage erlaubt sein: War „Immer wieder sonntags“ über all die Jahre vielleicht das erfolgreichste Vorprogramm des „ZDF-Fernsehgartens“ – obwohl es in der ARD lief?
Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger absurd finde ich diesen Gedanken. Wir reden hier schließlich nicht über eine Sendung, deren Publikum längst verschwunden wäre. Ganz im Gegenteil. „Immer wieder sonntags“ verabschiedet sich als erfolgreiches Format. Und genau deshalb macht mir diese Entwicklung Sorgen. Fernsehgewohnheiten entstehen nicht isoliert. Menschen entscheiden nicht um Punkt 12 Uhr vollkommen neu, ob sie jetzt eine bestimmte Sendung einschalten. Fernsehen besteht auch aus Gewohnheiten, Ritualen, Vorläufen und Zuschauerbewegungen. Menschen bleiben dran, sie wechseln nach einer Sendung zu einer anderen, und wenn sich so etwas über Jahre oder sogar Jahrzehnte etabliert hat, kann daraus eine Zuschauerbewegung entstehen, die kein Programmplaner einfach per Knopfdruck ersetzen kann.
Vielleicht haben wir deshalb die Tragweite des Endes von „Immer wieder sonntags“ unterschätzt. Mit dieser Sendung verschwindet womöglich nicht nur eine traditionsreiche Unterhaltungsshow. Möglicherweise wird damit eine seit Jahrzehnten bestehende Kette des Sonntagvormittags durchtrennt – und ausgerechnet der „ZDF-Fernsehgarten“ könnte das zu spüren bekommen.
Ein kleiner Hoffnungsschimmer könnte dabei das Gerücht sein, das derzeit kursiert: Aus dem Umfeld des SWR soll zu hören sein, dass man sich vorstellen könne, im kommenden Jahr Wiederholungen von „Immer wieder sonntags“ auszustrahlen. Sollte das tatsächlich so kommen, wäre zumindest interessant zu beobachten, ob dadurch ein Teil dieses gewohnten Zuschauerflusses erhalten bleibt. Allerdings habe ich auch da meine Zweifel. Eine Wiederholung ist eben keine neue Live-Ausgabe. Ob sie tatsächlich noch einmal ähnlich viele Menschen am Sonntagvormittag vor den Fernseher holt und anschließend möglicherweise zum „ZDF-Fernsehgarten“ weiterführt, weiß niemand.
Ich wünsche mir wirklich sehr, dass die Sorge unbegründet ist. Der „ZDF-Fernsehgarten“ ist selbst eine Institution und stark genug, Millionen Menschen aus eigener Kraft zu erreichen. Aber 2027 wird in dieser Hinsicht zu einer Bewährungsprobe. Dann erleben wir zum ersten Mal eine komplette „ZDF-Fernsehgarten“-Saison, ohne dass Stefan Mross zuvor mit neuen Ausgaben ein Millionenpublikum im Ersten versammelt. Und dann werden wir sehr genau auf die Zahlen schauen müssen.
Sollte sich tatsächlich zeigen, dass die Quoten des „ZDF-Fernsehgartens“ dauerhaft niedriger liegen, müssten wir rückblickend möglicherweise feststellen, dass ARD und ZDF an diesen Sommer-Sonntagen viel stärker voneinander profitiert haben, als wir alle gedacht haben. Zwei Sender. Zwei Sendungen. Aber vielleicht über Jahrzehnte ein gemeinsames Publikum. Und genau deshalb sehe ich dem Sommer 2027 inzwischen mit erheblich mehr Sorge entgegen als vor kurzer Zeit noch.


