TONY MARSHALL
Tony Marshall ist tot! DOCH: “‘Der letzte Traum’ lebt immer noch in Farbe”!

Vor wenigen Tagen noch konnte er seinen 85. Geburtstag feiern!

 

Seinen 85. Geburtstag durfte er vor wenigen Tagen noch – am 03.02.2023 – im engsten Familien- und Freundeskreis feiern. Doch am gestrigen Donnerstag (16.02.2023) schloss der “Fröhlichmacher der Nation” für immer die Augen.

Dem smago! Award Team war die große Ehre zuteil geworden, den letzten Videoclip von TONY MARSHALL drehen zu dürfen.

 

 

Biografie TONY MARSHALL (Autor: Stephan Imming für www.smago.de, im Februar 2015)

 

 

 

Am 03.02.1938 kam TONY MARSHALL in seinem Elternhaus in der Baden Badener “Große Dollenstraße” als Herbert (“Herbel”) Anton Bloeth zur Welt; seinen Namen änderte er vor der Geburt seines ersten Sohnes Marc in “Hilger” (, das war der Geburtsname der Mutter). Er war der dritte Sohn seiner Eltern, die einen Kolonialwarenladen betrieben.

“Herbel” wuchs in einer musikalischen Familie auf. Der Mandoline spielende Vater war allerdings in Kindertagen während der Kriegswirren selten zu Hause, da er 1939 zum Militär eingezogen wurde und erst 1947 aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist. So war die Mutter die musikalisch treibende Kraft, so dass “Herbel” zunächst Klavier, später auch Geige (auf einer “echten Matthias-Klotz-Geige”) zu spielen lernte. Außerdem wurde er von seiner Mutter im kirchlichen Knabenchor angemeldet, dem er lange Jahre angehörte.

Nach Beendigung der Schulzeit, in der er seine spätere Frau Gaby kennen lernte, mit der er seit 1962 bis heute verheiratet ist, begann der spätere Tony eine Lehre als Großhandelskaufmann bei einem Bäckereinkauf in Baden-Baden. In diesem Beruf fühlte er sich nicht wohl und hielt sich später mit verschiedenen Jobs über Wasser. Besonders gern erinnert er sich an seine Zeit als Croupier beim Spielcasino Baden-Baden, bei dem er 1959 anheuerte.

Eine musikalische Karriere war aber immer Ziel von Herbert Anton Hilger. Bereits im Dezember 1956 hatte er seinen ersten Auftritt bei einer Adventsveranstaltung im Baden-Badener Kurhaus. Sein Gesang überzeugte den damals anwesenden Münchener Musikkritiker Heinz Rosenberger derart, dass er ihm dringend eine musikalische Stimmausbildung empfahl. Zu der Zeit hatte “Herbel” aber noch andere Pläne. Er wollte mit seinem Cousin nach Kanada auswandern – in letzter Sekunde ist dieser Plan aber gescheitert, so dass man ein Jahr später an Herrn Rosenberger herantrat.

Mit Hilfe eines Stipendiums, das ihm gewährt wurde, weil Tony beim Kultusministerium die Arie “Und fortiva…” aus dem Liebestrank Donizetti perfekt vorsang, begann der Sänger im Sommersemester 1957 in der Staatlichen Hochschule für Musik in Freiburg ein Musik-Studium  (Hauptfach Gesang bei Professor Harlan, Nebenfach Klavier). Nach acht Semestern wechselte er zur Musikhochschule nach Karlsruhe zu Dozent Scipio Colombo, um heimatnäher von Baden Baden studieren zu können – u. a., um den elterlichen Kolonialwarenhandel mit zu unterstützen.

Im Jahr 1965 – nach Beendigung des Studiums als Opernsänger, das er mit der Abschlussnote “gut” abgeschlossen hatte,  – wurde Herbert Anton Hilger von einem Freund überredet, bei einem Schlagerfestival teilzunehmen, das unter dem damals beliebten Motto “Jekami” (“jeder kann mitmachen”) stand. Der Sänger begleitete sich auf der Gitarre und gab “Hava nagila” und “Cucurrucucu Paloma” zum besten und erntete einen großen Applaus, wie er das von seinen Auftritten mit klassischer Musik nicht kannte. (Das hat ihn wohl so beeindruckt, dass er diese Lieder später auf Tonträger aufnahm und immer wieder im Repertorie hatte).

Die Jury, der u. a. Michael Kudritzki von der Hansa Musik Produktion Berlin angehörte, kürte nicht etwa ebenfalls seinerzeit teilnehmende attraktive Sängerinnen, sondern Herbert Anton Hilger zum Sieger des Schlager-Wettbewerbs. Der erste Platz beinhaltete eine Einladung nach Berlin zum Vorsingen am berühmten Hansa-Standort in der Wittelsbacher Straße.

Das Vorsingen war offensichtlich überzeugend – und so kam es zum ersten Plattenvertrag Herbert Anton Hilgers, der von der Plattenfirma den Namen “Tony Marshall” bekam – ein Name, der eigentlich nicht so recht zum damaligen musikalischen Konzept passte, das man sich für ihn ausgedacht hatte – er sollte so etwas wie ein deutscher Charlez Aznavour, Adamo oder Gilbert Becaud werden. Übrigens hieß Becaud mit bürgerlichem Namen “Silly” -übersetzt dumm bzw. “blöd”. Im Gegensatz zu Tony ließ er sich aber nie offiziell umbenenen.

Man dachte sich extra einen passenden Lebenslauf aus: “Tony Marshall verleugnet sein internationales Elternhaus nicht: die Mutter Französin, der Vater Deutscher. Geboren in Nancy, verbrachte er die ersten Kinderjahre in Frankreich und kam nach dem Krieg erst nach Baden-Baden“. – So gesehen ist sein späteres Lied “In Baden-Baden bin ich geboren” so etwas wie eine Gegendarstellung dieser “getürkten” Biografie – auch hinsichtlich seines Geburtstages wurde gerne geschummelt (es wurde 4 Jahre nach hinten gelegt).

Passend zum “frankophilen” Ansatz war Tonys im Jahre 1966 erschienene erste Single der Welthit “Aline” des Sängers Christoph, den Tony standesgemäß mit französischem Akzent einsang. Zu Tonys Leidwesen (bis heute liebt er diesen Song) entpuppte sich die Schallplatte trotz recht guter Rundfunk-Einsätze als Flop. Auch Folge-Aufnahmen wie “C’est la vie” und “Love Me Please Love Me” wurden keine Erfolge, obwohl sie vom damals sehr umtriebigen und erfolgreichen Henry Mayer produziert wurden. Immerhin gelang aber ein erster TV-Auftritt im SWF-Fernsehen und eine “Neuvorstellung” im “Musik aus Studio B.”, bei dem er sich aber später Howard Carpendale mit dessen “Lebenslänglich” geschlagen geben musste.

Da auch die Songs “Nur ein Wort“, “Wer kennt ihren Namen” und “Komm zu mir” keine Erfolge waren, beschloss Tony, seinen Plattenvertrag 1968 auslaufen zu lassen und eröffnete zur Sicherung des Lebensunterhaltes in Baden-Baden in der Fürstenbergallee 6 ein Szene-Lokal namens “Club 68”. Nebenbei nahm er bei einem kleinen Plattenlabel eine einzelne Single namens “Married Woman” auf, die er selber (u. a. mit Peter Drischel, der auch als Pete Tex bekant ist,) komponierte – auch das ein kapitaler Flop.

Im Jahre 1969 nahm er an der Vorrunde zum deutschen Schlager-Wettbewerb teil mit einem Lied namens Venusmädchen, der es nicht in den Wettbewerb schaffte und auch nie auf Tonträger erschienen ist.

Im “Club 68” tauchte eines Tages ein junger Discjockey namens Horst Nußbaum (Künstlername Jack White) auf, der Tony sagte, dass ihm dessen “Aline” sehr gut gefalle – er müsse den Song auch immer auflegen – aber er empfehle ihm, fröhlichere Lieder zu singen.

Gesagt – getan – mit Jack White als Produzent wurden für die Ariola die Lieder “Hans im Glück” und “Zwischen heute und morgen” im “Happy Sound” produziert, die freilich genau so floppten wie die deutschen Chansons und die beiden ersten von “SNB” (Studio Nord Bremen, dahinter dürfte sich “Ronny” Wolfgang Roloff verbergen) produzierten Ariola Singles “Hey – ist das Leben so schön” und “Sweet Caroline“.

In dieser schwierigen Zeit lernte Tony einen Kripo-Beamten namens Herbert Nold kennen, der im Sommer 1970 Tony davon überzeugen konnte, sein Management zu übernehmen. Nolds Entscheidung, sich als Manager selbständig zu machen und den sicheren Beruf des Kripo-Beamten an den Nagel zu hängen, sollte sich als richtig herausstellen. Zielsetzung war, an Tonys Image als ausgebildeter Sänger der gehobenen Güteklasse zu festigen.

Fast zeitgleich stellte Jack White Tony einen “Südsee-Song” aus Tahiti (“Nau Haka Taranga”) vor, dem er den Text “Schöne Maid” gegeben hatte. Tony war entsetzt, weil er den Text schrecklich fand. (Das sah Autor Tom Wolf viele Jahre später im Buch “Schlager, die wir nie vergessen” übrigens wohl anders – dort analysierte er den Song auf 6 1/2 Seiten unter der Überschrift “Verabredungsversuch vor Apokalypse”).  Der Plattenvertrag zwang Marshall  aber, die Aufnahmen in Berlin anzufertigen. Tonys Plan, Jack White von der Aufnahme abzubringen, indem er alkoholisiert nach dem Genuss einiger Chianti-Wein-Gläser im Studio erschien, um möglichst indisponiert zu sein, scheiterte – offensichtlich kam das “hojahojaho, hopsasa, trallala, jappadappadu” dank des Alkohol-Pegels erst recht überzeugend rüber. Jack White war begeistert, der “Kitchen-Sound” war mit der Aufnahme geboren.

Hinter Jack Whites Rücken versuchte Herbert Nold gemeinsam mit Tony, das vermeintlich Schlimmste zu verhindern, indem er im Spätherbst 1970 den damaligen Produktionschef der Ariola, Georg Ehmke, aufsuchte, um die Single-Veröffentlichung zu verhindern, da man eine schwere Image-Schädigung befürchtete. Ehmke lehnte ab, weil er das Hit-Potenzial des Songs offensichtlich erkannte.

Es kam, wie es kommen musste – die “Schöne Maid” wurde ein Riesen-Hit, der sich in Deutschland 1 Mio. mal verkauft hatte und sogar in den Niederlanden 100.000 mal über die Ladentische ging, wobei ein TV-Auftritt im Dezember 1971 in der Rudi-Carrell-Show dem Verkaufserfolg noch mal einen gewaltigen Schub gab.

Fortan war Tony Marshall der “Stimmungsmacher der Nation”. Einerseits war er darüber glücklich, weil damit komplette finanzielle Unabhängigkeit erreicht war, die ihm als verheirateten Familienvater (zu dem Zeitpunkt hatte er zwei Söhne, Marc (der von “Marshall und Alexander”)  und Pascal, gelegen kam. Er konnte sich sogar ein Haus mit Swimmingpool leisten – dort waren an der Wand die Noten des Liedes großformatig künstlerisch gestaltet, die das ermöglicht hatten – so wurde es zumindest in der ARD-Dokumentation “Ein Star im Festzelt” dargestellt, die am 02.10.1978 ausgestrahlt wurde.  Andrerseits ist es für einen Opernsänger sicher unerfreulich, wenn man mit einer klassischen Musikausbildung im Festzelt singen muss und auf Schallplatten stimmlich im allgemeinen Chorgesang fast untergeht. Im Gegensatz zu einigen anderen Schlagerkollegen hat Tony sich aber mit dieser Situation arrangiert.

Gleich der nächste von Jack White geschriebene Tony-Hit “Komm gib mir Deine Hand” (bekannt auch durch die Textzeile “Heute hau’n wir auf die Pauke”) wurde sogar ein Nummer-Eins-Hit in Deutschland, der auch in der ZDF-Hitparade zur Nummer 1 avancierte (, nachdem die “Schöne Maid” in Hecks Show nicht stattfand). Zeitweise war Tony Marshall sogar gleichzeitig auf Platz 1 und Platz 3 der deutschen Verkaufshitparade.

Der große Erfolg Tonys führte dazu, dass Tony 1972 für die ZDF-Sitzung des Mainzer Karnevals-Klassikers “Mainz bleibt Mainz” engagiert wurde. In der von Otto Höpfner damals moderierten Sendung war Tony Marshall Stargast, was zu Unmut führte, weil z. B. damit Ernst Negers “Humba Tätärä” nicht genügend gewürdigt wurde und vor allem Tony Marshall kein Mainzer ist. Tony Marshall war somit letztlich dafür verantwortlich, dass aus “Mainz wie es singt und lacht” (SWF) und “Mainz bleibt Mainz” (ZDF) der spätere TV-Klassiker “Mainz bleibt Mainz wie es singt und lacht”.

Der Riesen-Erfolg von Tonys Tonträgern wurde zum Anlass genommen, sogar einen Schlager-Film namens “Heute hau’n wir auf die Pauke” zu drehen, der am 08.02.1973 in den “Lifa-Lichtspielen” Offenburg  “Welt-Premiere” hatte. In dem Film dreht es sich um die Lebensgeschichte des Schlager-Produzenten Jack White und seinen Künstlern: Neben Tony Marshall “spielten” auch Jürgen Marcus, Renate und Werner Leismann,  Nina und Mike, Tanja Berg, Lena Valaitis, Severine, Peggy March in dem Streifen mit. Die Berliner RIAS-Radio-Legende Nero Brandenburg übernahm eine Rolle als DJ. Trotz des Star-Aufgebots wurde der Film ein Misserfolg, was Film-Kritiker vermutlich nicht sonderlich frustriert hat. Entsprechend wurde auch der gleichnamige Soundtrack kein Erfolg.

Jack Whites “Happy-Schiene” schlug auf dem Tonträgermarkt allerdings voll ein – die nächsten Schlager, “Ich fang’ für Euch den Sonnenschein”,  “…und in der Heimat” und “Junge, die Welt ist schön” waren drei weitere große Top-20-Hits. Interessanterweise wurde zwischendurch auch der auf Tonys “Schöne Maid”-LP befindliche  Song “Majka” als reine Rundfunk-Promo-Single veröffentlicht, offensichtlich ist der Song aber durchgefallen, so dass man sich für “Junge, die Welt ist schön” als Single entschieden hat.

Auf der LP “Ich fang für Euch den Sonnenschein” ist in der Biografie übrigens die Rede von einer Tochter namens “Isabel”. Stella, die wirklich Tonys Tochter ist, kann zum Erscheinungstermin der LP noch nicht gemeint sein. Im Internet finden sich Hinweise, dass es sich um eine vermeintliche uneheliche Tochter Tonys handelt und Tony 14 Jahre fälschlicherweise als Vater angesehen wurde – erst ein Vaterschaftstest brachte demnach ans Licht, dass Tony nicht der Vater war.

Die nächsten Platten, “Onkel Golle“, “Tätärätätätätä” und das von Jack White komponierte und von Fred Jay getextete “Wir trinken Brüderschaft mit der ganzen Stadt” waren zwar auch noch recht erfolgreich, allerdings nicht mehr solche Riesen-Hits wie man das vorher kannte. Vielleicht liegt das daran, dass diese drei Lieder es nicht nach Berlin in die ZDF-Hitparade geschafft haben. Kleines Schmankerl am Rande: Die B-Seite von “Onkel Golle” war “In Baden-Baden bin ich geboren“. Auf der Rückseite des Covers hingegen wird pikanterweise erneut das Märchen erzählt, Tony sei “im französischen Nancy zur Welt” gekommen.

 

 

Foto-Credit: Dagmar Ambach
Textquelle: Andy Tichler, Chefredakteur www.smago.de

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