RALPH SIEGEL
‘N bisschen Frieden und ‘n bisschen viel mehr …:

Ein Gast-Beitrag von Frank Ehrlacher zur neuen Musical-Premiere von Ralph Siegel!

 

 

Nachdem Ralph Siegel als Komponist längst Legenden-Status hat und in ganz Europa als “Mr. Grand Prix” (oder neudeutsch: Mr. ESC) gefeiert wird, hat er es mit seinem vielumjubelten “Zeppelin” im vergangenen Jahr auch geschafft, eindrucksvoll im Musical-Geschäft Fuß zu fassen. Nach der Wiederaufnahme des Stückes im vergangenen Frühjahr läuft derzeit schon der Kartenvorverkauf für das Frühjahr 2023.

Aber Siegel wäre nicht Siegel, wenn er sich darauf ausruhen und erst einmal genießen würde – und doch ist es selbst für sein Tempo erstaunlich, dass er bereits ein Jahr später nun sein neues Musical “N bisschen Frieden – Rock ‘n’ Roll Summer in Duisburg präsentierte. Für den 77-jährigen Münchner aber nichts Außergewöhnliches – schließlich hatte er ja nicht nur in der Pandemie, in der alle Theater geschlossen waren, viel Zeit zum Schreiben und so hat er auch schon weitere Stücke in der Pipeline.

“N bisschen Frieden” feierte am vergangenen Donnerstag im Duisburger Theater Am Marientor glanzvolle Premiere – und viele kamen, die Siegel seit Jahren begleiten – und umgekehrt. Mit Bianca Shomburg, Dorkas Kiefer, Lou Hoffner, Andreas Zaron oder Laura Pinski war eine illustre Auswahl an ESC- und Vorentscheidungsteilnehmern angereist. “N bisschen Frieden” klingt ja auch auf den ersten Blick nach viel Grand Prix. Auf den zweiten mag man ein Juke Box Musical mit seinen größten Hits a la “Ich war noch niemals in New York” oder über das Leben von Nicole a la “Hinterm Horizont” erwarten. Beides ist das Stück nicht, sondern ein eigenständiges Musical mit einer gut durchdachten Geschichte, die auf mehreren Ebenen funktioniert. Für den Zuschauer zunächst als spannende Kriminal-Story mit Ost-West-Hintergrund. Für den Musikfan aber auch als Lebensreise des Komponisten selbst.

Zuerst zur Handlung, die ich hier nur anreißen möchte, um dem Erst-Zuschauer noch ein bisschen mehr Spannung zu gönnen: 1979 hatte die aus West-Berlin stammende Elisabeth Jünger (gespielt von Madeleine Haipt als junges Mädchen und von Sonja Farke als “Oma”) eine kurze aber heftige Liebesaffäre mit dem DDR-Musiker Richard Steiner (grandios gespielt und gesungen von Münchener Freiheit-Frontmann Tim Wilhelm). Ihrem Glück stehen allerdings die Mauer, Richards eher westlicher Idealismus und der Stasi-Mann Walter Krause (eiskalt gespielt von Benjamin Heil) im Weg. So bleibt Richard irgendwann nur noch die Flucht über die Ostsee – die offensichtlich misslingt und nach der er als verschollen gilt…  40 Jahre später sieht Elisabeth ein Foto eines englischen Straßenmusikers namens “Rick Stone” (ebenso toll gespielt von Dan Lucas) in der Zeitung – und ist überzeugt, bei ihm handelt es sich um ihren Richard. Aber warum hat er sich nie bei ihr gemeldet? Zusammen mit ihrer Enkelin Nina Bauer (zauberhaft: Jennifer Siemann) macht sie sich auf die Reise nach Brighton, um ihre Vergangenheit aufzuarbeiten…

Spannend genug die Handlung, toll genug der Cast. Der Musikfan findet aber in der Geschichte und in den Songs auch einen Großteil des Lebenswerks von Ralph Siegel wieder – und eben abgesehen vom titelgebenden “Ein bißchen Frieden” eben NICHT die großen Hits wie “Theater”, “Dschinghis Khan”, “Johnny Blue”, “Moskau”, “Du kannst nicht immer 17 sein”, “Feierabend”, “Lass die Sonne in dein Herz”, “Der Papa wird’s schon richten” oder “Babicka”, um nur einige zu nennen, sondern eher unbekannte Perlen, die ihm besonders am Herzen lagen. Wenn die “Richard Steiner Combo” im Osten Protestsongs wie “Uns’re Welt” oder “Wo ist das Land” spielt, dann sind das genau die Songs, die er als Student 1966 zusammen mit Dr. Michael Kunze – der auch zur Premiere gekommen war – für die City Preachers, damals noch mit Inga Rumpf, geschrieben hat. Wenn Richard die Liebeserklärung “Ein Buch ohne Seiten” anstimmt, dann ist das eben jener Titel, der mit Heidi Brühl eine der ersten namhaften Veröffentlichungen des damals 21 Jahre jungen Komponisten in Deutschland war.

Versteckt finden sich weitere heimliche Lieblingssongs – teilweise in neuen Text-Versionen -, wie der im Untertitel enthaltene “Rock ‘n’ Roll Summer”, den er 1987 für ein Album der Gruppe “Wind” schrieb, und der auch einer der Lieblingssongs des Renzensenten ist. Oder aber Titel wie “Rivers Of Silence”, mit dem er 2010 in der irischen Vorentscheidung antrat und der hierzulande nie veröffentlicht wurde, “Für die Seele”, der erste Song des damals noch unbekannten Sebastian Hämer, bis zu 2 ESC-Beiträgen, die im Musical immer wieder aufgenommen werden, aber bisher nicht den Bekanntheitsgrad seiner großen Erfolge hatten: “Wenn wir alle ‘n bisschen geben” (2006 für die Schweiz am Start) und “Frei zu leben”, das Deutschland 1990 beim ESC in Zagreb in die Top Ten – heute ein fast unerreichbarer Traum für deutsche Beiträge – brachte. Dan Lucas singt diesen Song auf Deutsch und Englisch und wird ihn in Kürze auch als erste Single aus dem Musical veröffentlichen.

Dazu gibt es neue Songs von Siegel, die die Verbindungselemente zwischen den Ausschnitten aus seinem nun fast 60-jährigen Schaffen bilden. Und nebenbei: Auch, dass der 2. Akt der Story in Brighton spielt, ist sicher kein Zufall, denn hier trat Siegel 1974 zum ersten Mal beim ESC an und belegte beim legendären Sieg von ABBA im englischen Badeort mit Ireen Sheer für Luxemburg einen grandiosen 4. Platz.

Genauso bemerkenswert wie die Songs ist das Ensemble: Bei der Bühnenpräsenz von Tim Wilhelm fragt man sich, wann er endlich Solo-Karriere macht, Madeleine Haipt und Jennifer Siemann sind stimmlich und schauspielerisch brillant, Stefanie Black überzeugt mit Stimmgewalt, ebenso der charmante Michael Thurner und NDW-Star Markus “Ich will Spaß” Mörl. Und selbst die Sprechrollen sind mit Benjamin Heil, Mave O’Rick und Tom Barcal herausragend besetzt (ab Dezember kommt – so der Plan – der jüngst Vater gewordene Heinz Hoenig noch dazu).  Es wäre schon fast unfair, hier jemanden besonders herauszuheben… doch, vielleicht eine Performance: Henriette Schreiner schmettert als “Leichtes-Stasi-Verbindungsmädchen” Moni den Song “For You” (im Original von Lou) mit einer solchen Inbrunst und sächsischem Akzent, dass sie Szenenapplaus bekam und das Publikum sich vor Lachen schüttelte – inklusive der anwesenden Original-Interpretin.

Bei “N bisschen Frieden” bekommt der Zuschauer eine Menge geboten für sein Geld – nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ, gibt es 3 Stunden bewegende Musik. Und eine Story von Autor Ronald Kruschak, die mit ihren Wendungen am Ende die meisten Zuschauer krimi-esque überraschen dürfte…

 

 

 

Foto-Credit: Eugen Shkolnikov

 

 

 

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Foto-Credit: SCHROEDEMAR GmbH
Textquelle: Frank Ehrlacher

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