DRAFI DEUTSCHER
„Drafi Deutscher – Der Teufelskerl“: Christian Bruhn erinnert sich!

Gemeinsam und mit Günter Loose (1927 – 2013) schrieben sie mit „Marmor, Stein und Eisen bricht“ DEN deutschen Beat-Schlager überhaupt!

 

 

Silberstaub im Haar und Pickel im Gesicht – (nicht ich, sondern er) – so lernten wir uns kennen. Mir war sofort klar: Dieser siebzehnjährige Junge hat mit seiner Stimme und seiner Musikalität eine große Karriere vor sich. Über Drafis Sangeskunst und schöpferischer Musikalität viele Worte zu verlieren, hieße Eulen nach Spree-Athen, also Berlin, zu tragen, wo Drafi herkommt. Wenn der Ausdruck „Musik im Blut“ je auf jemanden zutraf, dann auf ihn.

1963 – bei einem Gesangswettbewerb in Berlin – trat Drafi Deutscher auf. In der Jury saßen Peter Meisel und ich, seine zukünftigen Produzenten. Es hat sich also zu den heutigen Verhältnissen bei Deutschland sucht den Superstar nicht viel geändert (der Juror ist gleichzeitig Musikproduzent). Nur dass damals zwar keine Millionen-Umsätze bzw. Clicks garantiert waren, aber auch kein Absturz ins Nichts, wie heute manchmal.

Wir produzieren den Achtungserfolg Teeny (80.000 – Achtungserfolg) und Drafis ersten Hit Shake Hands, den ich bei meinem Freund Heino Gaze aufgestöbert hatte.  Dann die erste LP Shake Hands and Keep Smiling, und dann die zweite, die sogenannte Ketten-LP, heute eine Rarität für Sammler.

So viel zur Vorgeschichte. Und nun zum Stein aus Marmor, der seit zig Jahren nicht gebrochen ist, und zum Eisen, das sich nicht verbogen hat: Eines sonnigen Nachmittags im Jahre 1965 erscheint Jungmeister Drafi im Berliner Verlagsbüro, wo ich schon erwartungsvoll am Kleinklavier sitze, schnappt sich die Gitarre und legt los:

 

 

làlala-lalà-làlala,  dam-dàm,  dam-dàm
làlala-lalà-làlala,  dam-dàm,  dam-dàm…

 

 

Dann hört er auf. „Das fängt ja gut an“, meine ich, „und wie geht’s weiter?“ – „Det machst du“, sagt Drafi. Und so geschieht’s. Ich also füge nach kurzem Nachdenken die Refrain-Melodie hinzu und schlage für den Vers-Anfang die Worte Weine nicht wenn der Regen fällt vor. Das dam- dam erinnert mich nämlich an die alte Nummer Schnürlregen von Heino Gaze, die mit da-dim-da-dom beginnt. Nun kommt die verzweifelte Suche nach einer guten Refrainzeile. Es soll so etwas sein wie The Concrete And The Clay, meint Peter Meisel. Schließlich schlage ich den (offenbar nur mir) bekannten Albumblatt-Vers Marmor, Stein und Eisen bricht (aber treue Liebe nicht) vor. Peter ist begeistert. Dann gestalten Drafi und ich noch den double-time-Teil, und ein Hit ist geboren, da sind wir uns ziemlich sicher.

Mit dem kundigen Co-Produzenten Peter Meisel und Drafis Band, den Magics, entsteht dann die Aufnahme. Zwar behaupten die Magics heute, das ganze Arrangement wäre von ihnen, und es stimmt ja auch, dass Lothar eine aus den USA entlehnte schnittige Gitarren-Figur im Refrain beigesteuert hat (die Vers-Begleitung  mit der Solo-E-Gitarre stammt ja von Drafi). Aber die Aufnahme enthält auch Bläser und einen Chor. Und: Ich habe noch die Noten, aus denen die Magics spielten. Nein, eigentliche Noten sind es nicht, es sind eher so Kästchen auf einem DIN-A4-Blatt mit den betreffenden Akkord-Symbolen. Denn mit Noten hatten es die vier Herren nicht so. Na ja, aber beigetragen zum Erfolg haben sie gewiss. Man muss diese einmalige Produktion heute weder entrümpeln, entschlacken oder ent-zicken. Es bedarf auch keines aktuellen Dance-Mixes, der Song ist so frisch wie am ersten Tag.

Ein Kultsong ist entstanden, nur wissen wir das damals noch nicht. Als ich Freund und Textdichter Georg Buschor bei Gelegenheit die fertige Aufnahme vorspiele, meint er: „Wenn ihr den double beat-Teil weggelassen hättet, wo Drafi so laut und falsch singt [er meinte die blue note], wär es vielleicht ein Erfolg geworden.“ Si tacuisses – philosophus mansisses. Oder zu Deutsch: Keiner steckt in der Materie drin.

Drafi war natürlich auch ein hochbegabter und mit ungezählten Erfolgen gesegneter Komponist: Jenseits von Eden, Boogie-Woogie-Baby, Belfast, Mama Leone, Silver Bird, Tief unter meiner Haut und viele, viele andere Hits stammen aus seiner Feder, oder besser: aus seiner Gitarre. Und mit der Gruppe Mixed Emotions feierte er einen Erfolg nach dem anderen. Aber leider waren manchmal nicht alle Noten von ihm selbst, denn wenn ihm mal nix einfiel, was selten genug vorkam, erinnerte er sich an die Stücke, die ihm in seinen jungen Jahren gut gefielen, wie z.B. Here It Comes Again seine Neider von den Fortunes. Auf einem Album von Camouflage hatte er – so erzählen seine Neider  – bei zwölf Titeln elf Plagiatsklagen. Besser gut geklaut als schlecht erfunden, heißt es ja.

Drafis Heirat mit Isabell Varell soll hier nur kurz erwähnt werden, eben weil ich (sonst nicht der beste Menschenkenner) dieser Ehe nur eine kurze Dauer vorhersagte. Aber wie sagt man: Lieber ein Ende mit Schrecken (sic!) als ein Schrecken ohne ende.

Drafi und ich waren seit Anbeginn seiner Karriere trotz gänzlich verschiedener Naturelle irgendwie doch sehr befreundet. „Du warst mein Lehrer,“ sagte er gern zu mir. Und ich habe ihn durch Höhen und Tiefen begleitet. Wir haben uns im Leben immer wieder getroffen und immer wieder zusammen Lieder gemacht. Einer unser letzten Hits war Amen. – Einmal spielte ich Drafi meine Mireille-Mathieu-Produktionen Der Rheinund Das Lied von der Elbe vor. Diese klassisch-sinfonisch instrumentierten, jedoch melodisch meist im Volkston à la Friedrich Silcher gehaltenen Liedfolgen rührten ihn zu Tränen. Und das rührte mich.

„Du hast doch einen Tresor“, sagte Drafi, als er in München mal wieder bei mir wohnte. „Kannste mir 30.000 Mark aufheben?“ – „Gern“, meinte ich. Am Abend verschwand Drafi in die Stadt. Am nächsten Tag bat er mich, ihm 10.000 wieder herauszugeben. Und das wiederholte sich noch zweimal. Wie gewonnen, so zerronnen.

Ja – er hatte ein unruhiges Dasein, in welchem das einzig Stetige seine Musik war. „Du bist ein Bürger, ich nicht“, sagte er immer zu mir. Am Ende machte sein durch das raue Leben geschwächte Herz dann nicht mehr mit: Gerade mal 60 Jahre alt, verließ der große Künstler, dieses einmalige Genie unsere Erden- und Musikwelt. Er und seine Musik aber leben in uns weiter – unvergessen.

Prof. Christian Bruhn – Frühjahr 2021

 

 

Drafi Deutscher and his Magics

Foto-Credit: Intro Archiv

 

 

 

 

Foto-Credit: Esser & Strauss für Electrola; Meisel Archiv

 

 

 

 

Foto-Credit: Karl Kramer, München

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