„OFFIZIELLE DEUTSCHE CHARTS“ (Gfk Entertainment)
Frank Ehrlacher erläutert uns das Prinzip der Single Charts!

Und das am Beispiel der Nr. 1-Single „Living In A Ghost Town“ von The Rolling Stones!

 

 

Die Rolling Stones stehen auf Platz 1 der deutschen Single-Charts!

Zum ersten Mal seit 52 Jahren – man könnte auch sagen, zum ersten Mal, seit ich auf der Welt bin.

Und viele reiben sich verwundert die Augen, was denn da passiert ist und ob der deutsche Jogginghosen-Musikfreak nun Capital Bra und dem Apachen abgeschworen hat…?

Die Sache ist komplizierter und wer mag, dem mache ich mal kurz den „Chart Experten Erklärbär“: Die deutschen Charts (ähnlich wie die amerikanischen und englischen) basieren auf Verkäufen. Frei nach der Annahme „Wenn jemand für etwas Geld ausgibt, dann muss es ihm auch etwas wert sein“. Nicht umsonst waren die Vorläufer der heutigen Charts Jukebox-Charts, auch da sagte man, wer um einen Song zu hören einen Nickel in die MusikBox wirft, der muss den Song wirklich mögen. Damit wollte man das Problem in den Begriffe bekommen, dass die von Rundfunksendern und Zeitungen veröffentlichten Charts ihrer Hörer und Leser über Fanclubs zu einfach manipulierbar waren (was ja heute im Internet-Zeitalter noch „besser“ ginge).

Das funktionierte auch jahr(zehnt)elang ganz gut. Man legte 5 Mark für eine Single, später 10 Mark oder 5 Euro für eine Maxi-CD auf den Tisch und die Verkäufe machten die Charts.

Problematisch wurde das, als der Download in unser Leben trat. Denn der kostete ja nur noch rund 1 Euro. Wie sollte man also nun die physisch verkauften Singles ins richtige Verhältnis zu den digitalen Downloads setzen? Der Königsweg schienen die „wertebasierten“ Charts – jeder Kauf geht mit dem durchschnittlichen Preis ein, vereinfacht gesagt, der Kauf einer CD zählt genauso viel wie 5 Downloads. (Auch wenn das damals schon einen Hasenfuß hatte, der suggerierte, dass einem ein Song 5-mal mehr „wert“ sei, wenn man bereit ist, die Single zu kaufen, statt den Song zu downloaden – was meistens aber nur eine Frage war, wie man Musik konsumierte).

Aber auch das funktionierte… – bis der Herr Stream in unser Leben trat. Hier zahlt man ja üblicherweise 10 Euro im Monat „für alles“. Es ist also nicht mehr so einfach feststellbar, wofür der Kunde sein schwer verdientes Geld ausgegeben hat. Zuerst ignorierte man die Streams und sah sie vergleichbar mit dem Radio: Da zahlt man auch 17,50 Euro im Monat für alles, was man hört und kann das auch nicht auf einzelne Titel verteilen. Bis eben Streaming zur bevorzugten Konsumform für Musik wurde – inzwischen macht der Umsatz durch Streaming 55 % der gesamten Umsätze aus, die man einfach aus den Charts „ausgeklammert“ hätte und nur noch die kläglichen 45 % berücksichtigt hätte, die noch downloaden oder CDs kaufen. Also brauchte es auch da einen Schlüssel, nach dem Motto: Wenn 1.000 Euro für Streaming ausgegeben werden und 1.000.000 Songs gestreamt werden, dann zählt jeder Stream 0,001 Euro (in Wirklichkeit sind die Summen natürlich höher, insgesamt wird für Streaming inzwischen in Deutschland über 1 Mrd. ausgegeben).

Und damit begann die muntere Rechnerei: Wenn nun ein Download 1 Euro wert ist und ein Stream 0,001 Euro – heißt das, man muss 1.000 Streams erzeugen, um genau so stark in die Charts einzufließen, wie mit einem Download. Es halten sich ja Gerüchte, dass einige Künstler Bots engagieren, die den ganzen Tag ihre Songs streamen…

Man kann aber auch den anderen Weg gehen – man veröffentlicht hochwertige Boxen (für die Album-Charts), die dann noch T-Shirt und sonstiges enthalten und statt 10 Euro für den Download 40 Euro kosten und – Ihr ratet es – mit dem 4-fachen Weg in die Charts einfließen.

Ungefähr so hat es jetzt auch bei den Stones funktioniert: Sie haben von ihrem Track „Living In A Ghost Town“, der schon seit April zum Download verfügbar ist, in der vorigen Woche eine Vinyl-Single veröffentlicht, die für rund 12 Euro in den Handel gegangen ist. Das heißt auf der einen Seite zählt jede verkaufte Single wie 12 Downloads oder wie (beispielhaft) 12.000 Streams – andererseits hat man darauf gesetzt, dass die Stones-Fans – und davon gibt es auch nach fast 60 Jahren noch einige – das neue Stück lieber als Vinyl zu Hause im Schrank stehen lassen, statt als Download auf der Festplatte oder als „Berechtigung“ im Spotify-Account. Einem Capital bra-Fan wäre es vermutlich egal gewesen, frei nach dem Motto „Warum soll ich meinen Account auf ein Stück Plastik brennen, Bruder?“

Von daher gebe ich mich keinen Illusionen hin: Nächste Woche wird wieder der neuste „gedroppte Track“ von AK Ausserkontrolle oder Bonez MC die Stones ins Charts-Nirvana befördert haben – schön war es trotzdem und zeigt gleichzeitig, in welchem Dilemma die Branche und die Charts-Ermittlung steckt.

Und falls einer fragt: Nein, eine Patentlösung habe ich auch nicht, ich finde das aktuelle System „eigentlich“ trotzdem ganz gerecht und dass der Musikgeschmack der Kids nicht unbedingt der meine ist – damit muss ich halt leben. Es war schon immer so, dass die Single-Charts eher von den Jüngeren bis Jüngsten bestimmt wurde. Die Frage ist: Wäre es jetzt nicht auch fair, die Radio-Einsätze wieder in die Charts aufzunehmen? Da kann ich zwar nicht 1:1 einen Titel auswählen wie bei Spotify – bei der Vielzahl an Sendern (und Webradios) kann ich das aber durch Umschalten annähernd auch…

Wir von der Chart Show haben uns da was ausgedacht – aber das nur als Teaser für den November… 😉


Textquelle/Bildquelle:
Facebook-Seite von Frank Ehrlacher (Textvorlage) - Mit freundlicher Genehmigung von Frank Ehrlacher

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