„EUROVISION SONG CONTEST“
smago! top-exklusiv: Die Einschätzung von FRANK EHRLACHER zum „Eurovision Song Contest 2026“!
Der „ultimative Chart Show“ Experte
Der Zirkus ist wieder in der Stadt – oder genauer gesagt: Nach 2015 ist Wien zum dritten Mal Gastgeber des Eurovision Song Contests. Nachdem man 2015 den 60. Song Contest feiern konnte, ist es nun dieses Jahr – durch den Ausfall 2020 – der 70. Das Jubiläum hatte man sich vielleicht ein bisschen unbeschwerter vorgestellt – neben den Diskussionen um die Teilnahme Israels gab es auch ein Erdbeben beim gastgebenden Sender ORF – dort sind seit wenigen Wochen der Intendant und mehrere Führungskräfte nicht mehr an Bord, was aber eigentlich nichts mit dem ESC zu tun hatte…
Starten wir das Finale am Samstagabend mit Dänemark: Sören Torpegaard Lund ist mit dem Titel “ Før vi går hjem“ („Bevor wir heimgehen“) seit der Vorentscheidung ein kleiner Fanfavorit – eine Uptempo Nummer, die gut nach vorne geht, aber auch ein paar Ecken und Kanten hat. Sicher kein Zufall, dass die EBU das an den Anfang gestellt hat, um das Publikum in Stimmung zu bringen. Am Ende dürfte das sogar für die Top Ten reichen.
Schon mit Startnummer 2 darf oder muss der Beitrag aus Deutschland ran: Sarah Engels singt „Fire“. Sarah gab sich in den Tagen hier in Wien recht entspannt, war auf jeder Veranstaltung und Party der ESC-Fan Szene zu sehen und man merkt, dass ihr der Contest richtig Spaß macht. Der Auftritt ist im Vergleich zur Vorentscheidung leicht verändert, sie startet nun mit einem langsamen Piano-Teil im Liegen singend, um dann auf einem Würfel tanzend das Kostüm zu wechseln. Das ist alles ganz professionell – aber leider auch schon tausend Mal gesehen und vor allem gehört. Meine Prognose ist dann eher eine Platzierung um Platz 20.
Über Israel wurde viel diskutiert, so dass ich das an dieser Stelle nicht wiederholen möchte, nur so viel: Der ESC ist ein Wettbewerb zwischen Komponisten und Fernsehsendern und der israelische Sender KAN ist im Land eine kritische Gegenstimme zur Politik von Ministerpräsident Netanyahu und damit in keinem Fall mit der Politik Israels gleichzusetzen. Der israelische Sänger Noam Bettan hat in seiner Heimat eine Castingshow gewonnen, deren Sieger ein Ticket für den ESC erhielt. Sein Song „Michelle“ ist ein leicht verdaulicher Pop Song mit einem Text, der neben englischen auch hebräische und französische Passagen enthält. Diesen Text schrieb er übrigens zusammen mit Yuval Raphael, die im Vorjahr als Interpretin Platz 2 beim ESC erreichte. Mein Tipp: Top 5, mit etwas Glück singt er um den Sieg mit.
Eine Überraschung für uns Journalisten hier in Wien war, dass sich Essyla für Belgien ins Finale kämpfen konnte. „Dancing On The Ice“ ist eine nette Popnummer mit Dance-Einflüssen, aber auch nicht mehr. Ich bleibe skeptisch und sehe sie am Ende zwischen Platz 20 und 25.
Mit einem wuchtigen Intro kommt Alis aus Albanien am Beginn seines Loblieds auf die Mutter, „Nan“ (nein, dabei handelt es sich nicht um das indische Fladenbrot) daher. Das fällt auf und macht Eindruck, erzeugt aber auch eine Erwartung, die der Song im weiteren Verlauf nicht erfüllen kann. Ein Platz im Mittelfeld dürfte das Ergebnis sein.
Noch mehr Erwartungen weckt der Beitrag aus Griechenland, der bei den Buchmachern teilweise auf Platz 2 lag. Akylas singt in bester Videospiel-Optik „Ferto“ („Bring es“), was auf mich in etwa wirkt wie die griechische Variante des „Gangnam Style“. Die Mütze mit den lustigen Ohren, die er trägt, war hier in Wien unter Fans und Journalisten ein begehrtes Souvenir. In den Top 5 sehe ich ihn am Ende auch, glaube aber nicht, dass es ganz zum Sieg reicht.
Mit Viktoria Leleka, die die Ukraine in Wien vertritt, konnte man sich wunderbar auf Deutsch unterhalten – sie lebt seit 12 Jahren in Berlin, wo sie als Jazzmusikerin arbeitet, möchte aber gerne nach Ende des Ukrainekriegs wieder in ihre Heimat zurück. In Ridnym besingt sie ihre Verwandten. Das ganze ist eher unauffällig, wird nach meiner Prognose dann auch eher im hinteren Drittel landen.
Australien feierte 2015 in Wien seine ESC-Premiere – bei der „Rückkehr“ nach Wien schickt der 5. Kontinent einen der Topstars des Landes: Delta Goodrem, die 2003 mit „Lost Without You“ schon mal einen Welthit hatte. Ihre Professionalität merkt man in jeder Sekunde, da war eine Probe wie die andere, auch wenn sie im Halbfinale stimmlich am Anfang vielleicht etwas „wackelte“, war sie am Ende wieder bombensicher. „Eclipse“ („Verdunkelung“) ist ein Pop-Song, den sie zusammen mit schwedischen Musikern schrieb und der hier um den Sieg mitspielen wird.
Die einzige Hard Rock Nummer des Abends kommt aus Serbien: Die Band Lavina singt „Kraj meine“ („Neben mir“), das kommt wuchtig, aber nicht unmelodisch daher und wird unter Metal-Liebhabern seine Fans finden. Ein guter Mittelfeldplatz ist drin, ein zweites Lordi werden sie nicht.
Sehr sympathisch trat auch Aidan aus Malta auf. Sein Song „Bella“ erinnert nicht nur aufgrund seines Titels an italienische Canzoni und seine Performance dazu ist auf den Punkt. Aber, die Konkurrenz ist stark, daher wird’s auch für ihn nur für eine mittelmäßige Platzierung reichen.
Das „Dark Horse“ des diesjährigen ESC ist Daniel Zizka aus Tschechien. Er besingt „Crossroads“ („Kreuzungen“) und am Song scheiden sich die Geister. Ich sehe ihn eher im hinteren Mittelfeld, für viele ESC-Fans ist er ein Favorit auf die Top Ten, wenn nicht sogar mehr. Eine Nummer, die vielleicht bei den Jurys ihre Fans findet, bei der ich aber im Televoting schwarzsehe. Einigen wir uns auch hier aufs Mittelfeld? Mal sehen…
Dara aus Bulgarien durfte mit dem Banger „Bangaranga“ das 2. Semifinale eröffnen und sorgte direkt für Stimmung in der Halle. Das ist wohl auch der Sinn des Songs, mit dem Bulgarien nach einer Pause wieder zurück in die ESC-Familie gekommen ist. Am Samstag muss sie mit Startnummer 12 mittendrin ran und bekommt sicher nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie als Opener. Ich fürchte, das endet dann eher im hinteren Mittelfeld.
Und ja, das scheint der Block der „Mittelfeldaspiranten“ zu sein, denn auch Lelek aus Kroatien traue ich nicht mehr zu. Die 5 Damen der Ethno-Pop-Band besingen den Andromeda Nebel – am Anfang mit choralen Einflüssen, das Lied hat aber leider ein Problem: Es steigert sich nicht und ist am Ende einfach im Andromeda Nebel versunken. Ich denke, das geht dann am Ende sogar in Richtung hinteres Drittel.
Irgendwie glaubt Großbritannien jedes Jahr, den großen Wurf zu landen und wird am Ende bitter enttäuscht – nur Sam Ryder bildete da 2022 in Turin mit seinem zweiten Platz eine Ausnahme. Dieses Jahr schicken sie den Musiker Sam Battle alias „Look Mum No Computer“ mit dem Song „Eins, zwei, drei“, der aber nur im Titel deutschsprachig ist, auch wenn manche in der zweiten Zeile „Dalli Dalli Rucki Zucki“ verstehen. Und obwohl mit Thomas Stengaard ein Autor des Siegertitels von 2014 („Only Teardrops“) mit an Bord ist, ist es für mich einer der heißesten Favoriten auf den letzten Platz.
Genau wie die Briten ist Frankreich als Land der Big 5 (die diesmal nur die Big 4 sind, da Spanien einmal mit Würfeln aussetzt) automatisch fürs Finale qualifiziert. Die Aussichten sind aber ganz andere: Die 17-jährige Monroe, die in den USA aufgewachsen ist, gewann im vergangenen Jahr im französischen Fernsehen eine Casting-Show für Nachwuchs im Bereich der klassischen Musik. So bietet ihr Song „Regarde!“ („Sieh her!“), der wie ein Chanson von Edith Piaf beginnt, auch Koloratursopran-Passagen, die Monroe eine starke Bühnenpräsenz verleihen. Es wäre zwar ein bisschen erstaunlich, wenn zum 3. Mal nach Nemo und JJ „Operneinlagen“ in einem ESC-Sieger zu finden sind – aber gut möglich. „Regarde!“ ist für mich ein heißer Favorit auf den Sieg.
Das erste Halbfinale und damit den Wettbewerb hier in Wien eröffnete am Dienstag die Republik Moldau mit „Viva Moldova!“. Ist vielleicht einen Hauch zu patriotisch für ganz Europa, macht aber gute Laune und die Truppe um den Sänger Satoshi kommt sympathisch rüber. Aber wird man in ganz Europa für ein Lied anrufen, das nur ein einziges Land feiert? Ich glaube nicht und sehe die Nummer daher allenfalls im Mittelfeld.
Zwei Favoriten habe ich schon benannt, der 3. kommt aus Finland und ist bei den Wettbüros DER Top-Favorit. „Liekinheitin“ oder auf Deutsch „Flammenwerfer“ ist ein Duett für eine Geige, gespielt von der renommierten Violinistin Linda Lampenius, und dem Sänger Pete Parkkonen. Das ganze ist super inszeniert und wenn die beiden im Finale so performen wie bei den Proben, wird der Sieg nur über sie gehen. Vielleicht sehen wir uns dann nächstes Jahr alle in Helsinki oder Tampare wieder.
Eine Mischung aus R&B, Gospel und Soul präsentiert Alija aus Polen in ihrem Gebet „Pray!“. Das ist stimmstark und unter diesem Aspekt vielleicht eine der besten Performances des Abends – allerdings wirkt es nach einer Minute etwas monoton und leblos und dann können die 3 Minuten, die ein ESC-Song dauern darf, quälend lang werden. Ab ins hintere Drittel…
Nicht viel besser dürfte es der Drag Queen Tomas Alencikas alias Lion Ceccah aus Litauen ergehen. Sein/Ihr „Solo quiero mas“ („Ich will mehr“), das er selbst geschrieben hat, kommt in Klaus Nomi-Optik daher, bleibt aber am langen Ende austauschbar. Auch hier sehe ich einen Platz im letzten Drittel als realistisch an.
Felicia ging mit „My System“ bereits bei der Vorentscheidung in Schweden durch die Decke und sammelte über 4 Millionen Votes. Sie war bis vergangenes Jahr Sängerin eines Dance-Projekts, das seine und ihre Identität geheim hielt – und auch nach dem Ausstieg tritt sie weiterhin mit einem Dreieckstuch um den Mund auf, angeblich, um ihre Privatsphäre zu schützen. Wenn ihr mich fragt, aber sicher auch, um in Erinnerung zu bleiben. Der Song alleine taugt nämlich nicht viel. Das Ergebnis ist etwas schwer einzuschätzen – nicht ganz vorne und nicht ganz hinten, trotzdem ist zwischen Platz 6 und 20 viel vorstellbar.
Den in meinen Augen und Ohren besseren Party-Song liefert Antigoni aus Zypern, mit dem Latin angehauchten „Jalla“ (übersetzt etwa „Mehr“ oder „Auf geht’s“). Sie singt davon, dass sie auf dem Tisch tanzt – genau das macht sie auf der Bühne auch und passt perfekt zu dem Mitsing-Song. Aber… stimmlich ist sie leider live nicht halb so dynamisch wie auf der Studio-Aufnahme, da muss das Publikum sie durch tragen. Daher sehe ich auch keine Top-Platzierung, eher etwas am hinteren Ende der Top Ten.
Eher etwas für die Freunde das Old-School-Grand-Prix ist der Neapolitaner Sal Da Vinci, der Sieger des Sanremo-Festivals in Italien. Obwohl sein Song „Per sempre si“ („Für immer Ja“) von einem recht jungen Autorenteam geschrieben wurde, ist es ein klassischer Italo-Melody-Pop-Song. Und das italienische Fernsehen weiß, wie man einen Song inszeniert. Ich sehe ihn daher in den Top Ten – wenn auch hier eher zwischen den Plätzen 6 und 10.
Musikalisch etwas schwerer einzuordnen, irgendwo zwischen Rock- und Pop mit Ethno-Einflüssen, ist auf Startnr. 23 (bald ist es geschafft) der Beitrag aus Norwegen. Jonas Lovv singt sein selbstgeschriebenes „Ya Ya Ya“ und bringt die Halle zum Tanzen. Ob die Zuschauer danach auch zum Telefon tänzeln bleibt abzuwarten. Im Korridor zwischen Platz 11 und 15 könnte er seine Nische finden.
Kurz vor Schluss wird es noch mal rockig mit Alexandra Capitanescu aus Rumänien, neben Moldau und Bulgarien der dritte Rückkehrer in diesem Jahr. Ihr Songtitel „Chocke me“ (auf Deutsch „Würg mich!“) stand wegen Textzeilen wie „Ich möchte, dass du mich würgst“ in der Kritik, umstrittene sexuelle Praktiken zu glorifizieren. Alexandra stritt das aber ab und erklärte, es ginge hier um die Metapher, sich im Leben eingeengt zu fühlen… Daher ließ die EBU den Text durchgehen. Solider Rock mit einer tollen Startnr., kratzt an den Top Ten.
Und zum Schluss dann der Gastgeber: Das ist keine Höflichkeit, sondern das Gastgeberland ist immer das einzige, dessen Startnummer schon Wochen vor dem Contest ausgelost wird und da zog Österreich eben die 25. Ein schöner Dance-Pop-Song, der – endlich mal wieder – auf Deutsch gesungen wird. „Tanzschein“ handelt vom ersten Besuch des erst 19-jährigen Benjamin Gedeon alias Cosmo in einem Klub und seiner Beobachtung, dass die Männer da gar nicht tanzen wollen, sondern Frauen anbaggern und gipfelt in der Zeile „Sie brauchen einen Tanzschein, da muss ich streng sein, weil ohne Tanzschein, lass ich sie nicht rein“. Statt das aber entspannt lässig a la Falco mit Hand in der Hosentasche in Türsteher-Manier zu singen… tanzt er selbst über die Bühne und nimmt dem Song das Flair, das er haben könnte. Die letzten werden… die letzten sein, denn ich fürchte, Österreich kämpft wie beim vergangenen Heim-ESC 2015 gegen den letzten Platz. Vielleicht sind da aber die Briten gnädig (oder doch die Belgier) und lassen ihnen nachher den Vortritt auf Platz 23 oder 24…
Viel Spaß allen smago! Lesern bei einer bunten Show, moderiert von Victoria Swarowski und Michael Ostrowaksi, bei der es in der Abstimmungspause auch ein Wiedersehen mit vielen ESC-Teilnehmern der vergangenen Jahre gibt – u. a. auch mit Max Mutzke …

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