„EUROVISION SONG CONTEST“
smago! top-exklusiv: „Ahoy ESC!“ – Frank Ehrlacher über das 1. Semifinale 2021 heute Abend (18.05.2021)!

„Der ultimative Chart Show“ Experte hat längst hinreichend bewiesen, dass er „Prognosen kann“ …:

 

 

 

Ahoy ESC!

Seit einigen Jahren umgibt den ESC immer ein mediterranes Flair: 2018 begrüßte die Seefahrer-Nation Portugal den ESC-Tross mit dem Slogan „All Aboard!“, 2019 ging es in den israelischen Badeort, ok, eher: Badestadt, Tel Aviv, 2020 fiel der ESC komplett ins Wasser und dieses Jahr geht es in das von der Maas durchzogene Rotterdam, von wo aus die Auswanderer im vergangenen Jahrhundert auf ihre Reise übers Meer nach New York starteten. Und passend dazu heißt der Veranstaltungsort für 2021 auch noch „Ahoy Arena“.

Moderiert wird das 65. Finale des Eurovision Song Contest aka Grand Prix Eurovision de la Chanson sowie die Halbfinals von Chantal Janzen und Nikkie Tutorials, zwei niederländischen TV-Moderatorinnen, Sängerin Edsilia Rombley, die 1998 für die Niederlande 4. beim ESC wurde, sowie Jan Smitden wir auch hierzulande als Solist und als ein Drittel von KLUBBB3 sehr gut kennen.

Für alle, die es nach dem Jahr Pause vergessen haben, noch mal kurz zum Reglement: Seit 2007 müssen die Teilnehmer zuerst durch zwei Halbfinals, aus denen sich die jeweils 10 besten für das Finale am Samstag qualifizieren. Die 5 größten Beitragszahler der veranstaltenden EBU (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien) sind fürs Finale automatisch gesetzt. Hinzu kommt als 26. Land der Gastgeber und Sieger des Vor-(Vor)jahres, in diesem Fall eben die Niederlande, die 2019 mit Duncan Laurence und „Arcade“ gewannen. Das Ergebnis der Abstimmung setzt sich zur Hälfte aus einer 5-köpfigen Fachjury pro Teilnehmerland und zur Hälfte aus dem Ergebnis des Televotings zusammen.

39 Länder machen in diesem Jahr mit, nachdem Armenien aufgrund „organisatorischer Probleme“ – das Land liegt im Krieg mit Nachbar Aserbaidschan, das fatalerweise auch beim ESC am Start ist – noch Anfang des Jahres zurückgezogen hatte und der Beitrag aus Weißrussland/Belarus aufgrund seiner politischen Botschaft auch nach einer Nachbesserung nicht zum Wettbewerb zugelassen wurde.

Viele Interpreten, die bereits für 2020 ausgewählt wurden, bekommen dieses Jahr eine zweite Chance, teilweise, weil sie von der jeweiligen Fernsehanstalt wieder direkt nominiert wurden, teilweise, weil sie sich erneut in den jeweiligen Vorentscheidungen durchsetzen konnten. Für alle gilt aber: Das Lied muss neu sein, denn zum ESC zugelassen sind nur Songs, die nach dem 1. September des Vorjahres (2020) veröffentlicht wurden – und da waren die geplanten Teilnehmersongs für 2020 ja längst bekannt.

Hier der ultimative Guide für den TV-Fernsehabend beim 1. Semifinale am Dienstag, in Deutschland zu sehen ab 21 Uhr auf ARD ONE – am besten diesen Guide neben die Chips, Mettigel und Käsewürfel vor den Fernseher legen und Stück für Stück (mit-)lesen und voten – denn Deutschland ist am Dienstagabend stimmberechtigt:

Den Anfang macht die Band The Roop aus Litauen – eine derjenigen Teilnehmer, die für 2020 ausgewählt worden waren und nun eine 2. Chance erhalten. 2020 galten sie bei vielen – auch bei mir – mit ihrem Song „On Fire“ als eine der absoluten Top-Favoriten – und das vom NDR in der Elbphilharmonie am ESC-Abend ausgetragene kleine deutsche Finale mit Televoting gewannen sie auch. Für dieses Jahr wurden sie aber nicht direkt nominiert, sondern mussten sich über die litauische Vorentscheidung erneut qualifizieren – was ihnen mit 86,5 % der Zuschauerstimmen (bei immerhin 6 Teilnehmern ein Riesen-Ergebnis) souverän gelang. Ihr Song „Discoteque“ bringt genau das, was der Titel verspricht: Disco-Sound, eher im Retro-Stil der 1980er und 1990er Jahre. Auf der Bühne erkennen werdet ihr sie sofort: Sie tragen kanarienvogelknallgelb – nicht nur auf der Bühne, sondern auch im gesamten Umfeld des Contests und bei den Proben hinter der Bühne. Selbst ihre Koffer hier sind leuchtend gelb.

Prognose: Trotz ungünstiger Start-Nr. 1 sicher im Finale.

Ein altes rotterdamer Sprichwort sagt „Das ist so sicher wie das Amen beim ESC“ – um diesem Sprichwort Genüge zu tun, gibt es gleich zwei Songs mit dem Titel „Amen“. Den zweiten hören wir am Donnerstag im 2. Halbfinale aus Österreich, das erste Amen betet Ana Sokolic aus Slowenien. Der Song ist eine klassische Ballade – sie steht im weißen Hosenanzug mit langem, ebenfalls weißen Umhang auf der Bühne, der Hintergrund strahlt mindestens genauso wie sie und ihre blonden Haare. Und doch: Sie wirkt auf die Dauer etwas verloren und so können 3 Minuten trotz ihrer großartigen Stimme und Gospel Touch am Ende lang werden. Da hilft es auch nichts, dass Slowenien sich einen ESC-Sieger mit an Bord holte: Der Amerikaner Charlie Mason verpasste dem englischen Text von „Amen“ den letzten Schliff in der Muttersprache – und das machte er schon bei einigen ESC-Songs, u.a. beim 2014er Sieger „Rise Like A Phoenix“ für Conchita Wurst.
Prognose: Wird eng fürs Finale, die meisten werden den Song beim Televoting schon wieder vergessen haben.
 

Bunt und modern wird es beim Beitrag aus Russland: Die Sängerin und Rapperin Manizha gewann eine kuriose russische Vorentscheidung mit nur 3 Teilnehmern, bei der mehr der russische Impressario Philip Kirkorov, der damals schon als Produzent für Moldau (2. Semifinale) ausgewählt war und sich mit seiner Interpretin lässig in der ersten Reihe räkelte, im Mittelpunkt stand als die Interpreten. Das etwas sperrige „Russian Woman“ hinterlässt aber auf jeden Fall Eindruck – zum einen, da es sicherlich einer der modernsten Beiträge des diesjährigen Wettbewerbs ist, zum anderen, da die Russen auf große Show setzen. Manizha beginnt ihren Auftritt Matrjoschka-like (ihr wisst, die legendären „Puppen in der Puppe“) in einem bunt-folkloristischen Kleid und schält sich dann in einem roten Overall heraus. Da bleibt einiges im visuellen Gedächtnis hängen.

Prognose: Sicher im Finale und wird am Samstag auf die Top Ten schielen und vielleicht für eine Überraschung sorgen.

Schweden ist mit 6 Siegen eines der erfolgreichsten Länder beim ESC und würde so gerne den Rekord von Irland mit dem 7. Sieg zumindest einstellen. Darauf wird man wohl noch ein Jahr warten müssen. Der 19-jährige Tusse – sein Geburtsdatum wird offiziell mit dem 01.01.2002 angegeben – kam 2015 als Flüchtling aus dem Kongo nach Schweden und gewann dort die Talentshow „Idol“, die schwedische Variante von „Deutschland sucht den Superstar“. Im März setzte er sich dann auch im Melodifestivalen, der wie immer aufwändigen schwedischen Vorentscheidung, die über 6 Wochen geht, durch und gewann das Ticket nach Rotterdam. Normalerweise ein gutes Zeichen, denn wer so viel Konkurrenz bereits im eigenen Land hinter sich gelassen hat, weiß auch auf der internationalen Bühne zu überzeugen. Allerdings ist sein Song „Voices“ eher belangloser Radio-Pop und auch er wirkt in seinem roten Anzug – der zweite in Folge – teilweise etwas allein auf der Bühne. Dazu trägt auch bei, dass seine Tänzer alle komplett in schwarz gekleidet sind, was dem Song einen eher düsteren Ausdruck verleiht. Immerhin hatte Tusse im Hotel – die Interpreten müssen alle in den Niederlanden in eine „Arbeitsquarantäne“ und verlassen das Hotel nur für definierte Interview-Termine und die Proben und Shows – Zeit, für sein Abitur zu lernen.

Prognose: Es ist schwer zu glauben, dass ein schwedischer Beitrag im Halbfinale scheitert (das passierte zuletzt 2010 und war ein nationales Desaster – ich erinnere mich an enttäuschte Schweden, die mir vor der Arena in Oslo ihre Finalkarten nahezu schenken wollten) – es wird auch dieses Jahr enger als gewohnt, aber am Ende reicht es.
 

Australien ist das einzige Land, das wir bei den Proben nicht sehen konnten. Der Grund ist so einfach wie offensichtlich: Die Australier sind nicht da. Aufgrund der Quarantäne-Bestimmungen und Ein- und Ausreiseregelungen entschieden sie sich im April, nicht nach Rotterdam zu kommen. Für solche Fälle musste jedes Land im Vorfeld eine unter Live-Bedingungen und Aufsicht der EBU aufgezeichnete „Stand-In-Performance“ einreichen – die auch zum Tragen kommt, falls ein in Rotterdam anwesender Teilnehmer im Laufe dieser Woche noch in Quarantäne müsste und bei Halbfinale oder Finale nicht auf der Bühne stehen könnte. Am Montag durfte die Presse ihre Perfomance dann erstmals vorab sehen. Die Sängerin Montaigne versteht sich und ihre Arbeit als Gesamtkunstwerk, ihre bunten Haare fallen auf, ihr Outfit und die Latex-Anzüge ihrer Tänzer auch. Was weniger auffällt ist der Song: „Technicolour“ ist 08/15-Pop, für den sich die Reise nach Rotterdam wohl auch kaum gelohnt hätte.

Prognose: Vielleicht gut, dass die Australier nicht gekommen sind, denn es muss bitter sein, nach nur einer Performance im Halbfinale die fast 15.000 Kilometer lange Heimreise wieder antreten zu müssen. Bisher ist ihnen das auch noch nie passiert seit sie ab 2015 im Wettbewerb mitmachen dürfen – aber einmal ist immer das erste Mal und dieses Jahr halte ich aber eine Final-Teilnahme der Delegation vom Kontinent Down Under für nahezu ausgeschlossen.

„Here I Stand“, „hier steh ich nun“, singt Vasil aus Nord-Mazedonien, der sein Land auch 2020 schon vertreten sollte. Viel mehr, als dass er „da steht“, passiert bei seinem Auftritt auch nicht. In einen eher klassischen schwarzen Anzug gekleidet bemüht er sich, alle Theatralik seiner Stimme in diesen musical-artigen Song zu legen und wird vom Lichtdesign wunderbar fokussiert. Und doch: Die opulent-arrangierte Ballade vermag mich und die meisten meiner Kollegen nicht zu packen – und ich fürchte, ähnlich wird es auch den Fernsehzuschauern ergehen. Aufregender waren da die Diskussionen im Vorfeld innerhalb Nord-Mazedoniens, ob Vasil überhaupt starten darf. Man erkannte nämlich in seinem offiziellen Musik-Video die Landesfarben Bulgariens – ein Land, zu dem die Beziehungen nicht unkompliziert sind. Vasil gestand auch ein, dass das kein Zufall sei und er neben der nord-mazedonischen auch die bulgarische Staatsbürgerschaft besitzte. Es folgten lange Diskussionen, ob man nicht lieber einen anderen Teilnehmer schicken solle – und einigte sich nachher darauf, dass er fahren darf, die entsprechende Szene aber aus dem Video schneiden muss…

Prognose: Nord-Mazedonien konnte sich seit 2008 nur zwei Mal in den Halbfinals für das große Finale qualifizieren. Auch 2021 ist nach dem ersten Abend Endstation.

Eine weitere Wiederholungstäterin ist Leslie Roy aus Irland. Im Vorjahr wurde ihr gute Laune-Pop „Story Of My Life“ von den Verantwortlichen vollmundig als „Hymne, zu der wir auf ESC Partys noch in 20 Jahren tanzen werden“ angekündigt. Ob es so gekommen wäre, werden wir nie erfahren. Bei ihrem diesjährigen Beitrag „Maps“, der unter anderem von schwedischen Songschreibern stammt, bin ich aber recht sicher, dass die ESC-Gemeinde ihn schnell wieder vergessen haben wird.  Das erinnerungswürdigste dürfte noch die Virtual Reality-Performance sein, in der sie durch Häuserfluchten stolpert – wenn das denn beim TV-Auftritt mal klappt. In den Proben war es noch meist eher unsynchron – ebenso unsynchron, wie Leslies Gesang zu den Tönen, die sie eigentlich wohl zu treffen beabsichtigte… Schließlich gewinnt nicht jeder, der wie Sandie Shaw (1967) und Loreen (2013) barfuß auftritt, damit den ESC.

Prognose: Auch bei Rekord-Sieger Irland wird dieses Jahr kein weiterer Sieg hinzu kommen – was schon alleine daran scheitert, dass sie am Samstag im Finale mit einem Kilkennys vorm Monitor sitzen werden, statt auf ihren Auftritt in der Ahoy Arena zu warten.

Mit Startnummer 8 kommt dann zur Halbzeit der Teufel  – der trägt zwar nicht Prada, sondern eher Glitzer, wusste aber im Vorfeld schon für Aufregung zu sorgen. Denn Elena Tsaringou aus Zypern – genauer gesagt: aus Griechenland, die für Zypern antritt – singt „I gave my heart to El Diablo“. Das rief in Zypern ein paar sehr bibeltreue Christen auf den Plan, die ein paar Tage lang den heimischen TV-Sender belagerten und bedrängten, diesen Akt satanischer Teufelsanbetung doch vom ESC zurückzuziehen. Einer der Stürme im Wasserglas, für den ich den ESC liebe – denn wenn man sich den Text mal anschaut, lässt sie eigentlich offen, wen sie damit meint. Vielleicht tanzt sie auch nur wie der Teufel oder El Diablo ist ihr neuer Liebhaber, dem sie höllisch verfallen ist. Musikalisch ist das ganze weniger aufregend und klingt, als sei es ein Song, den Lady GaGa eigentlich für ein Album geplant hat – dabei ist anderes überliefert, denn neben ein paar schwedischen Autoren schrieb die Drag Queen Oxa an dem Song mit. Oxa stand 2019 in Deutschland im Halbfinale von „The Voice Of Germany“ und Menschen, die in der deutschen ESC-Jury 2021 saßen, beschwören, dass „El diablo“ zunächst ihnen als möglicher deutscher Beitrag vorgespielt und dann abgelehnt wurde. Auch eine der Geschichten und Mysterien, für die wir den ESC lieben.

Prognose: Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn dieser Song nicht ins Finale kommt.

Tix aus Norwegen ist ein Pop Star – in Norwegen sowieso, denn mit seinen Songs kam er in den vergangenen 3 Jahren 14 mal in die Top Ten und hatte 4 Nr. 1-Hits. Unter anderem mit „Uta v mörket“, wie der Song im Original heißt, den er im Halbfinale in der englischen Version „Fallen Angel“ präsentiert. Und eigentlich kennt man ihn auch weltweit in der Popmusik, denn aus seiner Feder stammt u.a. der Welt-Hit „Sweet But Pyscho“ für Ava Max, der nicht nur in Deutschland und Großbritannien wochenlang auf Platz 1 der Charts stand, sondern auch in den USA in die Top Ten kam. Da freut sich das Konto.

Andreas Andresen Haukeland, wie Tix im wirklichen Leben heißt, leidet am Tourette Syndrom, was ihn in seiner Kindheit zu einem Eigenbrötler machte und ihm im Freundeskreis seinen Spitznamen „Tix“ (ja, genau, abgeleitet von den „Ticks“) einbrachte.

Sein Auftritt in Rotterdam ist recht extravagant, mit dicker Sonnenbrille und plüschigem weißen Engelskostüm schwingt er seine Flügel und wird von 4 weiteren schwarzen Engeln umgarnt, umtanzt und gefangen genommen.  Musikalisch ist auch sein Song deutlich weniger spektakulär und guter Radio-Pop – nicht mehr, nicht weniger.
Mehr machte er mit zwei Treffen abseits der Bühne auf sich aufmerk

sam. Zum einen traf er sich mit Kindern, die ebenfalls am Tourette-Syndrom erkrankt sind, um ihnen Mut zu machen, mit ihrer Krankheit umzugehen. Und zum anderen flüsterte der Amor der Eurovision, dass Tix sich in Efendi, die Vertreterin Aserbaidschans verliebt hat und sie – natürlich komplett corona-konform – virtuell gedatet hat und ihr über Social Media ihre Zuneigung gestanden…

Prognose: Song bleibt im Ohr, Performance im Auge, ohne komplett in selbiges zu gehen. Reicht fürs Finale.

Eine der wichtigsten Übungen des diesjährigen ESC ist es „Tick-Tock“ von „Loco Loco“ zu unterscheiden. ESC-erprobte Fans haben darin aber schon jahrzehntelange Erfahrung, können sie doch auch im Schlaf fehlerfrei „Drip Drop“ von „La La La“, „Boom Bang A Bang“ von „Ding-A-Dong“ und „Diggi Loo Diggi Ley“ von einem überzeugten “ Hupa hule hule hule“ unterscheiden. So belanglos wie die Titelzeile ist auch der Song aus Kroatien. Da muss das ganze dann optisch etwas mehr aufgepeppt werden, mit Glitzergarderobe, die auch ein bisschen Haut durchkommen lässt, bei Weiblein (Sängerin Albina) wie Männlein – 4 männlichen Tänzern, die optisch wohl was für Mann und Frau sein sollen. High Heel trifft Sneaker, hier wird fast jedes Klischee bedient.

Prognose: Einer der Wackelkandidaten, die am Ende knapp drin oder knapp draußen sein könnten, in meinen Augen und Ohren kein Verlust. Mein ESC-Gefühl sagt mir aber: Wir sehen den kroatischen Beitrag am Samstag im Finale noch einmal.

Und nun zu…: Musik! Die Männer (plus Frau) von Hooverphonic aus Belgien sind ohne despektierlich zu sein, wohl die etabliertesten – und ältesten im Feld. Seit über 25 Jahren machen sie zusammen Musik – allerdings mit wechselnder Sängerin. Geike Arnaert verließ die Band 2008, um eine Solo-Karriere zu starten und so hatten Hooverphonic ihren Beitrag für 2020, „Release Me“, mit dem sie bereits vom belgischen Fernsehen für den Contest nominiert waren, mit der damals 19-jährigen Luka Cruysberghs als Sängerin aufgenommen. Im November 2020 erklärte dann Geike ihre Rückkehr zur Band und Luka musste Platz machen – wie man hört, nicht ganz freiwillig. Und statt Lukas Lolita Charme steht nun wieder eine gefühlt-gewachsene Band auf der Bühne. Ganz in schwarz gekleidet mit schwarz-weißen Lichteffekten steht hier in einer intimen Inszenierung eindeutig die Musik und der Song im Vordergrund. Und der ist gut.

Prognose: Ein guter Song ist wichtig für den ESC – aber leider manchmal nicht alles. Für Belgien wird es mehr als eng und mein Tendenzometer sagt mir, Hooverphonic sind passend zu ihrem Song-Titel am Samstag in „The Wrong Place“ – nämlich maximal backstage statt auf der Bühne.

Wenn man in diesen Tagen von Rotterdam über Israel spricht, ging es oft weniger um die Musik und den israelischen Beitrag als um die politische Lage im Land und den Konflikt mit der Hamas. Die EBU schritt sehr früh ein und stellte klar, dass bei Pressekonferenzen und offiziellen Terminen nur Fragen zur Musik oder zur Person, aber keine Fragen politischen Inhalts zugelassen sind. Was auf den ersten Blick wie ein Maulkorb oder eine Zensur wirkt, macht beim zweiten Hinsehen Sinn: Denn die israelische Sängerin Eden Alene, die einen Tag vor Beginn der Proben 21 wurde, hat sich nunmal als ESC-Vertreterin und nicht als Außenministerin beworben und die meisten akkreditieren Medien entstammen auch nicht dem Lager von Spiegel, SZ und FAZ, sondern von ESC-Fanzines und Blogs (mein neues Lieblingsmedium, alleine vom Namen her, ist übrigens der hier anwesende „Gayly Mirror“). Einen Mehrwert bringen daher politische Fragen und Diskussionen nicht. Also kommen wir zum Beitrag und … da gibt es dann leider wenig aufsehenerregendes zu berichten. Durchschnitts-Pop einer – zumindest am Ende ihres Auftritts – eher leicht bekleideten Sängerin und ihrer 5 Tänzer. Immerhin: Hier ist er, der legendäre „Kleidertrick Of Eurovision“, wenn die Tänzer Eden beim letzten Refrain den Fummel vom Leib reißen. Zuhause solltet ihr aufpassen, dass eure Gläser im Schrank heil bleiben, denn bei dem ein oder anderen schrillen Ton, könnten sie sonst schneller springen als der israelische Beitrag ins Finale hüpft.

Prognose: Auch hier wird es eng und auch wenn ich die Überzeugung vertrete, dass der ESC weit weniger politisch ist als es weithin angenommen wird, könnten ein paar Sympathiepunkte das Zünglein an der Waage sein, die den Israelis den Finaleinzug bescheren – wie bei den vergangenen 6 ESC-Ausgaben auch.

Beim Beitrag aus Rumänien bin ich dann persönlich definitiv raus – zu belanglos und pseudo-modern der Song und auch bei der Performance weiß ich nicht, was Roxen und ihr Team mir sagen wollen. Die 21-jährige wirkt auf mich wie eine Mischung aus Ghetto Kid in Doc Martens, Jamie Lee (das ist die, die uns 2016 mit „Ghost“ auf den letzten Platz gesungen hat) und Loreen-Imitatorin, so richtig zusammen passt da für mich nichts. Die einen bemerken bei ihrem Song „Amnesia“ Deep House-Anleihen (ich nicht), die anderen Ähnlichkeiten mit Billie Eilish (ich so gar nicht) oder mit Dua Lipa (na ja, macht halt auch Musik…). Immerhin bringt sie etwas Grün in den diesjährigen Contest.

Prognose: Auch hier eine Wackel-Kandidatin, bei der ich glaube, dass sie sich rauswackelt.

Aserbaidschan steht seit seiner ersten Teilnahme 2008 für Glamour und Protz, Selbstbewusstsein, Nationalstolz und Skandale – und meistens schwedische Autoren. Das war bei ihrem Sieg 2011 in Düsseldorf so, das war voriges Jahr beim geplanten Beitrag „Cleopatra“ so und das ist dieses Jahr bei „Mata Hari“ nicht anders. „Cleopatrrrrra“ war aufgrund des lange gerollten „r“ im Vorfeld der Kult-Hits des ausgefallenen Song Contests – und darauf spielt die Sängerin Efendi dann auch an, wenn sie in diesem Jahr singt „Just like Cleopatrrra“ – aber: Es ist halt nur ein Abklatsch und in meinen Ohren nicht halb so eingängig wie im Vorjahr. Und à propos „alle schon mal dagewesen“:  Es ist auch nicht das erste Mal, dass die sagenumwobene niederländische Tänzerin und Vielleicht-Spionin Mata Hari beim ESC besungen wird: 1976 besorgte das Anne-Karine Ström für Norwegen und wurde damit 18. und letzte. Besser erging es da der Band namens „Hari Mata Hari“ aus Bosnien und Herzegowina, die 2006 beim ESC gute 3. wurde. Irgendwo dazwischen dürfte sich wohl Efendi in diesem Jahr einreihen.

Prognose: Der vierte Wackel-Kandidat in Folge, hier schlägt mein Pendel nicht nur Dank der hypnotisierenden Schlange im Bühnenbild aber Richtung Final-Einzug – dem Gesetz der Serie folgend, denn bei 11 Halbfinal-Teilnahmen schaffte Aserbaidschan 10 Mal den Einzug ins Grand Final. Nur 2018 reichte es mit Platz 11 haarscharf nicht.

Ist euch etwas aufgefallen? Bisher hatten wir nur Beiträge in englischer Sprache oder die zumindest teilweise (Russland, Kroatien) in englisch gesungen werden. Als vorletzter kommt dann (endlich) ein Beitrag komplett in einer nicht-englischen Landessprache: Die Ukraine sorgt dafür, wenngleich ihr Song „Shum“ (auf Deutsch: „Geräusch“) auch in einer Fantasie-Sprache gemurmelt werden könnte. Sehr folkloristisch anarchisch kommt das ganze daher und sie bringen auch den ersten Flöten-Schlumpf dieses ESC-Jahrgangs mit. Wohltuend anders, wenngleich „wohltuend“ darüber hinwegtäuscht, dass der Song wohl auch den größten Nervfaktor des Abends hat. Eine Armee von Hologrammen, zahlreiche weiße Bäume und Verästelungen: Ein Fest für die Sinne oder eine Belastungsprobe für eben jene. Eine Belastungsprobe anderer Art hat die ukrainische Delegation schon hinter sind, denn Sängerin Kateryna Kondratenko, die sich selbst „Katya Chilly“ nennt, fühlte sich vor der 2. Probe am Mittwoch nicht gut und blieb dem Reglement entsprechend in Isolation. Eine niederländische Ersatzsängerin sprang als Dummy ein – am Donnerstag gab es dann aber Entwarnung, ein vorgenommener PCR-Test war negativ und so steht der Teilnahme am 1. Halbfinale hoffentlich nichts im Wege.

Prognose: Die Ukraine ist neben Australien – bis heute – das einzige Land, das noch nie im Semifinale ausgeschieden ist. Das ändert sich auch dieses Jahr nicht. Der Finaleinzug ist so sicher wie das „Shum“, pardon: Ommmm beim Yoga…

Stell dir vor, du reist zum ESC an und bist der haushohe Favorit bei den Buchmachern – und rechnest dann mal durch, was es für deine kleine Insel Malta finanziell und logistisch bedeutet, den nächsten Song Contest ausrichten zu müssen (Schätzungen liegen meist so bei 20 Mio. Euro aufwärts). Was machst Du? Du steckst Deine Sängerin, immerhin eine ausdrucksstarke Persönlichkeit, Typ Weather Girl mit Soul-Stimme, in einen quietschpinken Jumpsuit und lässt sie so die erste Probe bestreiten. Und schwupp, ist es mit dem Favoriten-Status und dem Hype erst mal dahin. So geschehen mit Destiny Chukunyere, gerade mal 18 und 2015 Siegerin des Junior ESC. „Je me casse“ – auf deutsch: „Ich bin raus“ – ist eine ziemlich poppige Nummer mit Soul- und Swing-Einflüssen und Anklängen an die 1920er Jahre. In Probe 2 warf man Destiny dann ein silbernes Glitzer-Jäckchen über, das mit den pinken Suits ihrer Tänzerinnen und ihrer nach wie vor getragenen pinken Hose nun einen krassen Kontrast erzeugt. Auch nicht viel besser. Aber bei der 1. Generalprobe am Montag dann der komplette Revamp: Statt dem pinken Cindy-aus-Marzahn-Jogger nun silberne Platform-Overknees und eine Motown-Supremes-Gedächtnis-Perücke. Man erkennt Destiny zwar kaum wieder – aber es passt zur Performance und verleiht ihr deutlich mehr Soul-Touch. Und irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, als wollte uns die maltesische Delegation eine Woche lang an der Nase herumführen, um die Erwartungshaltung nicht allzu hoch werden zu lassen und nimmt am Ende doch einen Sieg „in Kauf“…?

Prognose: Natürlich reicht das fürs Finale, da es einerseits ge-fällig, andererseits auf-fällig ist. Mehr sehen wir dann am Samstag…

Die ultimative Prognose für das 1. Semi-Finale:

Litauen, Russland, Zypern, Norwegen, die Ukraine und Malta brauchen sich keine all zu großen Sorgen um den Finaleinzug machen und dürfen sich auf die nächsten Proben am Freitag vorbereiten.

Für Schweden, Kroatien, Israel und Aserbaidschan wird es enger – am Ende dürfen aber auch sie am Samstag mitspielen.

Slowenien, Australien, Nord-Mazedonien, Irland, Belgien (snief!) und Rumänien droht dagegen für Samstag die Komplett-Isolation – und das Hoffen auf 2022.

… und wer nun nach dem deutschen Beitrag und möglichen Siegern für dieses Jahr fragt: Während die Stimmen im 1. Halbfinale ausgezählt werden, gibt es die Proben der Gastgeber Niederlande, von Deutschlands Jendrik und von Italien zu sehen – und einer davon ist mein heißer Favorit auf den Sieg. Aber dazu mehr vor dem Finale am Samstag, hier auf SMAGO.de.

Foto-Credit: Facebook-Seite von Frank Ehrlacher

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