RALPH SIEGEL
smago! top-exklusiv: Dieser „ZEPPELIN“ kann fliegen oder: „Die Welt braucht mehr Staubsauger“ …!

Lesen Sie HIER die ausführliche Kritik von Frank Ehrlacher zu RALPH SIEGELs Lebenswerk „Zeppelin – Das Musical“ …:

 

 

 

5 Jahre hat es gedauert – wenn man genau nachdenkt, sogar nahezu 38 Jahre seit seinen ersten Entwürfen zu „Corrida“ und „Clowns“/“Clowntown“, bis mit „Zeppelin“ das erste große und durchkomponierte Musical von Ralph Siegel den Weg auf die große Bühne fand. Viele wussten vor der Premiere am vergangenen Samstag in Füssen vielleicht nicht, was sie erwarten würde und ob das gut geht. Kann der Mann, der Evergreens wie „Fiesta Mexicana“, „Du kannst nicht immer 17 sein“, „Feierabend“, „Dschinghis Khan“, „Moskau“, „Theater“, „Papa Pingoouin“ „Johnny Blue“, „Der Papa wird’s schon richten“, „Ein bisschen Frieden“, „Lass die Sonne in dein Herz“ und viele, viele mehr geschrieben hat Musical – oder ist es eine pure Aneinanderreihung von Mitschklatsch-Polkas?

Mit einem Wort – pardon, zwei: ER KANN.

Er kann es nicht nur musikalisch – er kann es auch textlich, denn fast alle Liedtexte stammen komplett aus seiner Feder. Er und sein Team und sein großartiger Cast können es stimmlich und tänzerisch und das gesamte Kreativ-Team auch choreographisch sowie mit detailverliebten Kostümen und großartigen Bühnenbildern und Kulissen. Wie die Germanisten wissen, FLIEGEN Ballons und Zeppeline gar nicht, sie FAHREN. Das ist bei diesem Zeppelin anders: Er hebt ab und kann fliegen und nimmt den Zuschauer mit auf seine Reise. In Kurzform: „Zeppelin“ ist Musik-Theater at its best, das auf allen Ebenen überzeugt.

À propos Ebenen:

Die Handlung vollzieht sich auf zwei Ebenen, die miteinander verwoben werden. Auf der einen Seite die Lebensgeschichte des Erfinders Graf Ferdinand von Zeppelin von seinem 10. Geburtstag 1848 bis zu seinem Tod 1917 – auf der anderen Seite die verhängnisvolle Überfahrt der LZ 129 nach New York, die mit der Explosion bei der Landung in Lakehurst 1937 endete und die Geschichte der Passagiere – teils real, teils fiktiv – die diese Reise erlebten. Und an Bord gibt es die ganze große Bandbreite des Lebens mit Liebe und Trennung, den Armen und Reichen, Künstlern und Nazis, Lebenskünstlern und Akrobaten (gespielt von dem immer beweglichen Claus Kupreit) – und einem schwedischen Staubsaugervertreter.  Buch-Autor Hans Dieter Schreeb verwebt die beiden Geschichten gut dosiert miteinander und schafft es, die Charaktere im Verlauf des Stückes so herauszuarbeiten, dass sie Tiefe bekommen – die einen liebt man, die anderen hasst man. Anders als durch diesen Kunstgriff wäre die Geschichte auch kaum erzählbar gewesen, starb Graf von Zeppelin doch viele Jahre bevor die Luftschiffe ihre Blütezeit erlebten und bis in die USA flogen und wer möchte schon die Hauptperson eines Musicals bereits vor der Pause sterben sehen.

Aber „Zeppelin – Das Musical“ erzählt nicht nur das Leben des Grafen Zeppelin – es erzählt auch in nahezu jeder Sekunde das Leben seines Komponisten und Schöpfers Ralph Siegel. Jeder Takt trägt seine Handschrift– wer nun glaubt, hier reihen sich rund dreieinhalb Stunden seine Erfolgs-Schlager der vergangenen 50 Jahre oder seine ESC-Hits aneinander, der irrt. Und wer glaubt, dreieinhalb Stunden „typisch Siegel“ klänge nach Langeweile und Einheitsbrei, der irrt ebenso und für den lohnt sich ein Blick in das, was Ralph Siegel die vergangenen – inzwischen fast 60 – Jahre geschrieben hat.

„Zeppelin“ enthält viele große Musical-Nummern, wie man sie auch in den Bühnenstücken von Andrew Lloyd Webber, Stephen Sondheim oder Leonard Bernstein findet – aber schon das ist „Typisch Ralph Siegel“, denn viele seiner ESC-Hits waren Mini-Musicals, die sich zum Ende der dort vorgeschriebenen 3 Minuten steigerten und veränderten. Aber auch das ist nur EINE Facette von Ralph Siegel und daher auch nur eine Facette von „Zeppelin – Das Musical“.

Wenn Emmy Berg, eine der Hauptdarstellerinnen, recht zu Anfang des ersten Akts die typische Wiener Heurigen-Nummer „Wiener Roulette“ mit sehr viel Schmäh in einem Berliner Kabarett singt, ist das eine Reminiszenz an Siegels Anfänge im Show-Geschäft, als er – teils noch zusammen mit seinem Vater, dem erfolgreichen Musikverleger und Textdichter Ralph Maria Siegel – Wienerlieder schrieb; seine ersten Kompositionen, die Anfang der 1960er Jahre aufgenommen wurden. Und wenn das am Anfang so leicht-beschwingte „Wiener Roullet“ ein wenig später im Musical erneut aufgenommen wird, sich dann aber schnell zu einer modernen und atemberaubend-modernen Nummer entwickelt, symbolisiert auch diese die Weiterentwicklung Siegels und seiner Musik, der nie stehen geblieben ist und längst nicht mehr nur das macht, was man in Deutschland oft abschätzig „Schlager“ nennt.

Wenn kurz darauf der junge Graf Zeppelin – dort gespielt von Münchener Freiheit-Sänger Tim Wilhelm –  mit „Wozu sind denn Kriege da“ über den Sinn des Krieges philosophiert, wurzelt auch das in den Anfängen von Siegels Karriere Mitte der 1960er Jahre, als er gemeinsam mit Michael Kunze, der übrigens auch bei der Premiere anwesend war, Protest-Songs gegen den Krieg für Inga Rumpf und die City Preachers schrieb. Songs wie „Die Felder von Verdun“ oder „Der unbekannte Soldat“ waren später sogar in internationalen Schulbüchern abgedruckt.  Auch das ist ein wichtiger Teil des Lebens und Schaffens des Komponisten.

An zwei Stellen zitiert sich Siegel dann auch mal selbst – und das gut eingewoben. So enthält das Liebesduett „Lass uns einfach fliegen (Lilli und Paul)“ 16 Takte seines deutschen ESC-Beitrages von 1997 „Zeit“ für Bianca Shomburg – der damals bereits eine Reminiszenz an einen seiner eigenen Lieblingskomponisten, George Gershwin, war, dem er somit auch in seinem Musical Referenz erweist. Ebenso wie mit einem Instrumental, das bei einer Sprechszene scheinbar-unscheinbar im Hintergrund läuft. Dieses hieß im Original „Liebe und Sonnenschein“ und wurde 1975 von Conny Jahn gesungen – Conny Jahn war eigentlich kein Sänger, sondern über viele Jahrzehnte und bei den meisten großen Hits Ralph Siegels Tontechniker, der nach seinem Ausscheiden 2018 zu früh verstarb.  Auch er fand so einen Platz in dem Musical, das man wohl zu Recht als Ralph Siegels Lebenswerk bezeichnen darf.

Nebenbei: Das Haupt-Thema der Hindenburg, das sich durch das gesamte Musical zieht, enthält eine Anleihe aus dem Song „Crisalide (Vola)“, den viele ESC-Fans und Insider für seinen schönsten Beitrag zum weltgrößten Musikwettbewerb halten.

Und auch textlich ist der Bezug zu seinem eigenen Leben nicht von der Hand zu weisen. Wenn der lebenserfahrene Graf Zeppelin im 2. Akt kurz vor seinem Tod (und damit mögen die Parallelen aber auch bitte enden!) in „Ich hab gelebt“ singt „Ja, ich folgte meinem Traum, den ich faszinierend fand“, ist damit sicher auch Ralph Siegel selbst und seine 5-jährige Arbeit an SEINEM Traum Zeppelin gemeint – oder im folgenden mit „Nur eine Frau hat diesen Mut und die Sehnsucht tief in mir gesehn. Und ohne sie, ich muss gestehen, wäre so vieles nicht geschehen“ ist sicher nicht nur Isabella, die Frau des Grafen Zeppelin, gemeint sondern auch Siegels Ehefrau Laura, die mit viel Kraft und Ausdauer ganz sicher maßgeblichen Anteil daran hatte, dass „Zeppelin“ nun endlich auf die Bühne gekommen ist. Es ist nicht der erste Augenblick in diesem Stück, wo der Zuschauer feuchte Augen bekommt, aber vielleicht einer der bewegendsten.

Man kann all diese Aspekte und „Indizien“ suchen, sehen und daran Spaß haben – muss man aber nicht zwingend. „Zeppelin“ ist auch für Nicht-Siegel-Kenner großes Musik-Theater und bis in die kleineren Rollen hochkarätig besetzt. Wenn Stars der Musical-Szene wie Uwe Kröger, Patrick Stanke und Kevin Tarte oder gestandene Schauspieler wie Sigmar Solbach an einem solchen Projekt mitwirken, zeugt das nicht nur von Qualität – sondern auch davon, dass sie das Potenzial von „Zeppelin“ erkannt haben und mithelfen wollen, es umzusetzen. Die stimmige und abwechslungsreiche Choreographie von Stefanie Gröning, die Kostüme, das Bühnenbild … all das macht die Inszenierung von Theaterleiter Benjamin Sahler zum absoluten Hingucker. Es ist fast unfair jemanden aus dem großen Team, das Ralph Siegel liebevoll „meine Zeppelin-Familie“ nennt, nicht zu erwähnen. Sie alle sorgen dafür, dass der Zuschauer (mit Pause) vier unvergessliche Stunden im Festspielhaus Neuschwanstein verbringt und zu guter Letzt mit ein paar Ohrwürmern mehr nach Hause geht. Denn auch wenn es kein klassischer Schlager ist: Ganz viele Melodien sind eingängig und bleiben lange im Ohr hängen…

A propos Ohrwurm: Einen kleinen Kritikpunkt hätte ich doch noch. Den zweiten Akt eröffnet Singer-Songwriter Mave O` Rick als schwedischer Staubsaugervertreter Sigge Caspar Eklund mit dem auch textlich originellen „Was wär die Welt ohne Staubsauger?“ – aber wenn das Publikum gerade angefangen hat, fröhlich mitzuklatschen und vielleicht auch schon mitzusingen, ist der Song nach gut einer Minute bzw. einer Strophe bereits wieder vorbei. Das schreit unbedingt nach einer „Extended Version“ durch mindestens eine weitere Strophe, spätestens zur Wiederaufnahme im Mai 2022.

Die Welt braucht mehr Staubsauger!

PS: Wer Lust bekommen hat, sich selbst zu überzeugen ob der Autor dieses Artikels nicht übertreibt (und ich meine hier nicht nur bezüglich des „Staubsauger-Songs“) kann sich noch bis zum 07.11.2021 und dann wieder ab 19.05.2022 im Festspielhaus Neuschwanstein in Füssen selbst überzeugen. Rest-Tickets gibt es noch für einige Vorstellungen in diesem Jahr oder schon als Weihnachtsgeschenk oder zum Selbst-Schenken fürs kommende Jahr HIER …:

 

 

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