CHRISTIAN ANDERS
„Der Göttliche“ wird heute (15.01.2020) 75 Jahre jung!

Lesen Sie HIER noch mal „Die ultimative Lobhudelei“ von Thomas Herrmanns auf „Das verkannte Genie“, Christian Anders …:

 

Es ist erstaunlich, dass bis heute das Werk eines Künstlers, das so vielschichtig ist wie das von CHRISTIAN ANDERS, immer nur einer kleinen Gruppe von Verschworenen bekannt und vertraut ist. Mancher kennt sicherlich den einen oder anderen Popsong aus der Zeit, als jene noch abfällig „Schlager“ genannt wurden, aber wer erwähnt das schriftstellerische, wer das filmische Werk dieses Multitalents?

Christian Anders hat vor keiner Form und keiner Thematik haltgemacht. Dramatische Großstadtschicksale und Todesfälle („Der letzte Tanz“, 1974), die Leiden junger Mädchen („Verliebt in den Lehrer“, 1975) und die existenzialistische Leere („Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“) werden interessant kontrastiert von der nachsichtigen Güte seines schriftstellerischen Ouevres („Der Brief“, Bravo Roman 1975) und er komponiert eine Malibu Symphonie.

Überraschend in seiner Konsequenz ist jedoch der gnadenlose Realismus seines filmischen Werkes.

Ganz „Auteur“ im Sinne des Avantgardekinos der 70er Jahre, führt er in der Personalunion von Regisseur, Autor und Hauptrolle in Filmen wie „Brut des Bösen“ (1978) das Leben vor wie es ist. Liebhaber des Filmes werden nie die Szene vergessen, in der Dunja Raiter sich als heroinsüchtige Prostituierte auf Ibiza den Goldenen Schuss setzt – unter dem zynischen Blick ihres pygmäischen Zuhälters. Da bedarf es schon der moralischen Integrität von Frank Mertens (C.A.), dem deutschen Karatelehrer aus Frankfurt, um diese Hölle der Luxusinsel unbeschadet zu überstehen. Das Inselthema wird wieder aufgegriffen in Anders’ opulentester und freizügigster Arbeit „Die Todesgöttin des Liebescamps“ (1980), von Fans auch liebevoll „Die Liebesgöttin des Todescamps“ genannt. Hier arbeitet Anders erstmals mit einer internationalen Starbesetzung – nach harten Verhandlungen war es ihm gelungen, Laura Gemser, die kurz zuvor in „Black Emanuelle“ weltweit triumphiert hatte, zu gewinnen. Zypern ist hier das Stichwort, wieder eine Insel der Sünde, der Lust und der fehlgeleiteten Sektenanhänger, die Spiritualität suchen und doch nur die Leere finden. Bis zum heutigen Tag ist Anders’ filmisches Werk chronisch unterschätzt, und in Retrospektiven sucht man seinen Namen vergebens unter den Kluges, Fassbinders und Wenders.

Lieder wie „Violence“, „Jane“ oder „Das Schiff der großen Illusionen“! Die grandiose Coverversion des Elvis Klassikers „In the Ghetto“ – „In Chicago“! Beliebte Schauspieler, die seinen Texten die Stimme leihen wie Friedrich Schütter! Und eine Handlung, in der alle Anders Themen fast exemplarisch noch einmal auftauchen: Liebe, Sex, Hass, Gewalt und – Musik!

Ein Kritiker hat mal geschrieben, Christian Anders wäre der deutsche Elvis. Ich möchte hinzufügen, Anders ist Elvis und Andy Warhol, Musikalität und Konzept in einem, ein Künstler, der ein einzigartiges, oft verstörendes, aber nie kompromissbereites Gesamtkunstwerk hinterlassen hat.

Thomas Hermanns


Textquelle/Bildquelle:
Thomas Herrmanns (Textvorlage)

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