JERRY RIX
Sehr persönliche Gedanken zu Jerry Rix (†) – von Holger Stürenburg!

Jerry Rix war u. a. auch Mitglied der Formation „Love Generation“! 

Und schon wieder hat uns ein „alter Held“ aus vergangenen Zeiten verlassen. Kurz nach dem Ost-Berliner Original Achim Mentzel, starb einen Tag später, nur 68jährig, der in Amsterdam geborene Popsänger Jerry Rix. Dieser spielte, obschon er allgemein nicht unbedingt zu den unantastbaren Superstars gerechnet wurde, zumindest in meinem eigenen „Musikleben“, zugegebenermaßen gerade mal Dank zweier Titel, eine nicht unbedeutende Rolle. Beide Gesangsbeiträge von Jerry Rix, an die ich gleich einwenig erinnern mag, haben es mir gleichwohl bis heute sehr angetan und lassen mich seit ca. 34 Jahren nicht mehr los. Von diesen beiden persönlichen Allzeit-Favoriten abgesehen, bewegte sich der Holländer bei mir, dies gestehe ich ganz subjektiv ein, jedoch nur unter „ferner liefen“.

„Bad, Bad Leroy Brown“ kannte ich bereits als Kind, Dank meines Vaters. Allerdings ausschließlich von Frank Sinatra, auf Englisch. Dass die wundervoll-spritzige Parodie auf einen obskuren Großstadtmogul mit Halbweltkontakten dem Fundus des US-Singer/Songwriters Jim Croce entstammte, war mir nicht geläufig; solche „Hippiemusik“ irgendwelcher „Langhaariger“ goutierte mein Herr Papa wahrlich nicht 😉

Am 15. Oktober 1981 hörte ich die vom saarländischen Schlagertexter Carl. J. Schäuble geschriebene, deutsche Textversion  von „Bad, Bad Leroy Brown“ erstmalig im Leben, gesungen von Rex Gildo, in dessen (genialer, aber leider bis heute weder auf CD, geschweige denn auf DVD, neu aufgelegter) ZDF-Personality-Show „Gestatten, Rex Gildo“ – und da ich mich ja zu jener Zeit in erster Linie besonders deshalb überwiegend mit deutschsprachiger Popmusik anfing zu beschäftigen – noch als reiner Fan, ohne spätere berufliche Absichten in diese Richtung -, weil ich mit neun, zehn Jahren natürlich noch gar nicht des Englischen mächtig war, mochte ich nur allzu oft weitaus mehr die legendären „Deutschen Originalaufnahmen“ jener Tage, als die anglo-amerikanischen Originale – weil ich ja erst per muttersprachlicher Textdeutung erfahren konnte, was der Sänger uns lyrisch primär sagen wollte, worum es sich in dem jeweiligen Lied inhaltlich drehte.

So versuchte ich zum Ausklang der Herbstferien 1981, in einem utrateuren (und folglich übertrieben „vornehmen“) Plattenladen in Hamburg namens „Sonnenberg“, so kindlich, wie altklug, zu eruieren, wer denn die allererste „Deutsche Originalaufnahme“ von „Bad, Bad Leroy Brown“ in Gänze – bei „Sexy Rexi“ waren nur Fragmente dieses Titels in ein Medley im „Las Vegas Style“ eingebaut worden – überhaupt hierzulande veröffentlicht hatte. Dieser (nicht zu Unrecht) längst verblichene Plattenladen in der Mönckebergstraße 21, in dessen Gebäude sich heutzutage der Schicki-Micki-Modegeck-Treff „Thomas I. Punkt“ befindet, dürfte seinerzeit in der Hauptsache für die Soziologen unter uns interessant gewesen sein (und hätte von linksgestrickten Exponenten dieser Berufsgruppe eigentlich aufs Schärfste bekämpft werden müssen). Denn in den Heiligen Hallen von „Sonnenberg“ herrschte ein „Klassensystem“ extremster Ausprägung: Der Kunde betrat den Laden und musste, wollte er aktuelle, zeitnahe Pop- Disco- oder New Wave-Scheiben erstehen, sogleich gen Untergrund, ins dunkle Untergeschoss abtauchen, wo die Ladengestalter „fürs einfache Volk“ das Popressort eingerichtet hatten. Diese profanen Musikrichtungen für die „Hienie-Biene-Teeny-Queens“ („Cats TV“) und „Sandkastenrocker“ jener Ära waren den „Sonnenberg“-Verantwortlichen offenbar zu wider und entsprachen keinesfalls ihrer elitären Auffassung von Musikkultur. Manchmal glaube ich heutzutage, diese „besseren“, „sonnenbergigen“ Kreise wollten Pop, New Wave oder Disco gar nicht verkaufen und hatten diese Stilistik wohl ausnahmslos nur ob des kommerziellen Wertes derselben in ihr Repertoire aufgenommen. Die Goldene Mittelschicht traf sich, wie der Name schon sagt, im Mittelgeschoss des mehrstöckigen Altstadtbaus. Dort fand der interessierte Mittelschichtler Oldies, Rock‘n’Roll, Jazz und Schlager – und ganz oben, im dritten Stock – dort durfte der Normalbürger kaum eintreten – griffen die über einen spitzen Stein stolpernden Edelhanseaten aus Winterhude, Blankenese oder Nienstedten auf klassische Musik zu – alles andere war denen viel zu wenig mondän, urban und standesgemäß.

Meine Eltern und ich waren stets im mittleren Stockwerk anzutreffen. Mein Vater wegen Oldies und Jazz, ich wegen Schlagern und meine Mama als unser persönlicher „Begleitschutz“, der penibel darauf aufpasste, dass Gatte und Sohn nicht zu viel Geld für Platten aller Art ausgaben.

Ich erinnere mich, „als wenn et jestern wöör“, dass ich in diesem penetrant großbourgeoisen Plattenladen bei meiner Fahndung nach dem Urinterpreten der teutonischen Auslegung von „Bad, Bad Leroy Brown“ schnell auf den Namen Jerry Rix stieß – was dazu führte, dass ich mir jene, 1974 bei WEA/WARNER erschienene Kleine Schwarze umgehend zulegte und dieselbe von jenem Augenblick an auf meinem DUAL-Plattenspieler bis auf Weiteres zur Dauerrotation verdonnerte. Was wir den „Sonnenberg“-Schnösels nicht so alles verdanken… ;- )

Von Harald Juhnkes Interpretation dieses fetzig-aufwiegelnden Ewigkeitshymnus, diesmal mit ‚Berliner Schnauze‘ vorgetragen, erfuhr ich erst im Rahmen einer ZDF-Fernsehshow des glücks-trunkenen Entertainers 1984. Und dass zusätzlich sogar seitens des von mir schon 1980/81 zutiefst verehrten Howard Carpendale eine deutsche Aufnahme dessen – im drallen Big-Band-Sound massiv aufgedonnert von Arrangeur Werner Twardy – vorlag, war mir – jetzt bitte nicht lachen!!! – bis nach dem Millennium (!) völlig unbekannt, da mir die dazugehörige LP „Howard Carpendale ´77“, der offensichtlich kein besonderer kommerzieller Erfolg beschieden war, und die außerdem keinen spezifischen Howard-Singlehit beinhaltete, tatsächlich – mea Culpa, mea Maxima Culpa – erstmals in einem Hamburger Zweite-Hand-Plattenladen in die Hände fiel und ich somit überhaupt zum ersten Mal von der Existenz dieser per se ja sehr anspruchsvollen und vielseitigen, klanglich recht disco-beeinflussten LP erfuhr.

Ach ja, die von Komponist Jim Croce selbst eingesungene Originalversion entdeckte ich erst in den Sommerferien 1985, auf einem zum Sonderangebot ausgerufenen (degradierten?) Greatest-Hits-Sampler von Jim, die mir aber ohne die zickigen Bläser-Riffs bzw. den damit erzeugten, prickelnden, jazzigen Groove, jedoch niemals so enorm aus dem Herzen sprach, wie die teutonische Jerry-Rix-Sichtweise, deren musikalische Auskleidung (ausbaldowert übrigens von Peter Kirsten, der später zig Topaufnahmen mit Gitte Haenning, „Hoffmann & Hoffmann“ oder sogar Konstantin Wecker produzierte und diese verlegte) auf Sinatras Swing-Arrangement beruhte bzw. an dieses angelehnt war.

Kurz nach Neujahr 1982, am 04. Januar, konnte der aufgeschlossene Musikfreund in Ilja Richters Kultshow „ZDF-Disco“ ein schier phantastisches, äußerst stimmungsvolles Lied genießen, das indessen niemals ins Deutsche transferiert wurde. Dieses hieß „Saturday Night“ und wurde dargeboten von einer zuvor noch nie aufgetauchten Formation namens „Lo Budget & the Raincoats“. „Saturday Night“ war eine Art abgehoben-mondäner Rock’n’Roll-Schlager im Sinne der 50er Jahre, vermengt mit der düster-verschrobenen Coolness der New Wave der frühen 80er, stilistisch angesiedelt nahe damaliger, eher balladesker Pop’n’Roll-Versuche von „Schüttel-Stefan“ – nur einfach melodischer, ausdrucksstärker, wiegender und ob seines hintergründig bluesigen Feelings treibender und weit weniger zuckrig-süßlich ausfallen, als etwa „It’s Raining“ oder „You drive me crazy“ von Großmeister Shakin‘ Stevens ad Personam. Hinter „Lo Budget“ verbarg sich „Bad, Bad Jerry Rix“. Das von diesem selbstverfasste Lied, (wie bei Ilja R. üblich) mittels „Playback“ dargeboten von ihm am Piano, einer schnieken Blasmaus am Saxophon und einem bärtigen Wolfgang-Thierse-Verschnitt an der Gitarre, nahm umgehend meine knapp zehnjährigen Ohren imperialistisch in Beschlag… Seit diesem verschneiten (ja, damals lag tatsächlich noch Schnee mitten im Winter auf den Straßen und herrschte zur Jahreswende kein milder Vorfrühling!) Montagabend steht „Saturday Night“ von „Lo Budget & the Raincoats“, als ewiger Geheimtipp des Verfassers dieser Zeilen in dessen Akten. Die B-Seite „Hollywood Hotel“ hingegen ist kaum mehr als eine mährige, inspirationslose Country-Schnulze ohne bleibenden Wert!

In punkto Verkaufserfolg und Hitparadenpräsenz wurde die kesse Nummer, die bei Polydor erschienen und gemeinsam mit Musikern aus dem Umfeld des Bass-Spezialisten Lothar Meid bzw. der einst von Ralph Siegel entdeckten, kurzlebigen Krautrock-Kapelle „Drosselbart“, entstanden und wohl nur für den einheimischen Popmarkt konzipiert worden war, ein veritabler Flop. Der Titel konnte weder in die „Top 75“-Media-Control-Listen, noch in die hiesigen Rundfunkcharts einziehen; lediglich eine einzige Sampler-Berücksichtigung erfuhr „Saturday Night“ bei der Frühjahrsausgabe der damals sehr populären POLYSTAR-Koppelungs-Reihe „High Life“. Erst, als ich Ende der 90er Jahre beruflich in den Musikjournalismus einstieg, erfuhr ich per Zufall bei Recherchearbeiten, dass hinter diesem, mich seit nunmehr 34 Jahren kontinuierlich verfolgenden Radikal-Ohrwurm von „Lo Budget & the Raincoats“ niemand geringeres steckte, als eben jener Jerry Rix, der nun vor wenigen Tagen von uns gegangen ist.

Ich habe mich darüber hinaus niemals näher mit Jerry Rix beschäftigt, kenne noch beiläufig eine zeitgeistige Disco-Arie namens „Disco Train“ (1977), die ich sicher auf irgend einem alten Vinyl-Sampler mein Eigen nenne, bzw. die 1989 bei „White Records“ erschienene, kaum explizit aufgefallene LP „Jerry Rix sings Dianne Warren“, auf der der blonde Holländer ausnahmslos eher uninteressante Softpop- und Dance-Verschnitte der legendären US-Hitschreiberin Dianne Warren intonierte – aber für diese beiden, hier ausführlicher vorgestellten Titel „Bad, Bad Leroy Brown“ und „Saturday Night“ bleibt Jerry Rix für mich persönlich unvergessen!

Ruhe in Frieden!

Holger Stürenburg, 06.01./07.01.2016

https://de.wikipedia.org/wiki/Jerry_Rix

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