„EUROVISION SONG CONTEST 2021“
smago! top-exklusiv: Frank Ehrlacher’s Prognosen zum 2. Semifinale heute Abend (20.05.2021)!

Zu sehen auf ONE, 21:00 Uhr – 23:10 Uhr! – Kann Frank Ehrlacher seiner Treffer-Quote von 9:10 noch einmal steigern …?

 

 

 

 

Ahoy Rotterdam,

auf geht es in die 2. Runde und damit das 2. Halbfinale des Eurovision Song Contest 2021.

Um es vorwegzunehmen: Genau wie die meisten meiner Kollegen halte ich das 2. Semifinale für etws stärker besetzt – fatalerweise kommt noch hinzu, dass diesmal 17 Teilnehmer dabei sind, also einer mehr als am Dienstag, so dass gleich 7 Länder die Heimreise antreten müssen.

 

 

 

 

 

SAN MARINO

© EBU / Thomas Hanses

 

Mit der Start-Nr. 1 muss der kleinste Staat ran, der dieses Jahr am ESC teilnimmt, nachdem Monaco wie in den Vorjahren wieder abgesagt hat und der Vatikanstaat weiterhin kein Interesse am Song Contest zeigt: Die Republik San Marino. Die Interpretin Senhit kennen ESC-Fans schon vom Wettbewerb 2011, dort trat sie nämlich bereits schon mal für ihre Heimat an, scheiterte aber im Halbfinale. Im Vorjahr war sie nominiert, konnte aber wegen des ausgefallenen Wettbewerbs nicht antreten und versucht nun in diesem Jahr mit der Dance-Pop-Nummer „Adrenalina“, die wie so viele aus der Feder vorwiegend schwedischer Autoren – Co-Autor Jimmy „Joker“ Thörnfeldt schrieb in diesem Jahr auch an den Beiträgen aus Schweden und Zypern mit, die sich am Dienstag bereits fürs Finale qualifiziert haben – stammt, das Finale am Samstag zu erreichen. Und dabei bekam der Zwergstaat Riesen-Promotion: Ihre Produzenten schafften es nämlich, dass der US-Rapper Flo RIda – der in den USA und Deutschland immerhin fast ein Dutzend Top Ten-Hits uns mehrerer Nr. 1-Hits landen konnte – den Rap-Part des Songs einsang und man streute das Gerücht, wenn es denn irgendwie ginge, werde er auch zusammen mit Senhit auf der ESC-Bühne stehen. Flo Rida wurde zum Dark Horse und Running Gag der Proben – er wurde nirgends gesichtet und so stand sie dann auch mit einem „sicherheitshalber mitgebrachten“, hauseigenen Rapper auf der Bühne. Am Dienstag dann die große Überraschung: Einen Tag vor dem Juryfinale des 2. Halbfinale und damit der letzten Chance, für ihn noch einzusteigen,  war der Rapper in den Niederlanden gelandet und geht nun mit Senhit an den Start. Sicher einer der größten Namen beim ESC der vergangenen Jahre neben Justin Timberlake und Madonna – aber die waren ja bekanntlich nur außer Konkurrenz dabei. „Adrenalina“ ist moderner Dance-Pop. Senhit steht am Anfang mit einer Art Monstranz auf der Bühne und wird von vermummten Gestalten umtanzt – Flo RIda selbst betritt erst nach der Hälfte der Song über eine Gangway die Bühne. Aber alles in allem ist das schon großes Kino.

Prognose: Da kann nicht viel schief gehen und es wird zum dritten Mal in der ESC-Geschichte San Marinos zur Final-Teilnahme reichen.

 

 

 

 

ESTLAND

© EBU / Thomas Hanses

Auch Uku Suviste aus Estland war bereits 2020 als Teilnehmer seines Landes ausgewählt worden, bevor der Contest abgesagt wurde. Im Unterschied zu Senhit aus San Marino wurde er aber dieses Jahr nicht wieder vom estnischen Fernsehen direkt nominiert, sondern erhielt nur einen Startplatz in der Vorentscheidung „Eurolaul“. Die gewann er auch recht souverän. Für viele ist sein Song „The Lucky One“ aber eher Eurojaul – eine klassische Herz-Schmerz-Ballade ohne besondere Höhepunkte und eher dünner Stimme. Uku steht mit offener über die Schultern gelegter Fliege auf der Bühne und schmachtet, während hinter ihm ein Gewitter niedergeht. Ein Punktegewitter sollte er aber leider nicht erwarten – da werden auch die Sympathie-Punkte nicht reichen.

Prognose: Für Estland ist der ESC schon nach dem Halbfinale zu Ende und wirklich vermissen wird man diesen Song nicht

 

 

 

 

TSCHECHIEN

© EBU / Thomas Hanses

Das zweite Semifinale beginnt gleich mit 5 Teilnehmern, die sich schon 2020 auf Rotterdam gefreut hatten, so auch Benny Cristo aus Tschechien, in diesem Fall diesmal wieder direkt von der heimischen Fernsehanstalt nominiert. „Omaga“ heißt sein Song und wer glaubt, das sei die tschechische Bezeichnung für einen griechischen Buchstaben oder eine gesättigte Fettsäure, muss wie ich noch ein bisschen Nachhilfe in zeitgenössischer Jugendsprache stehen: „Omaga“ ist einfach die coolere Variante von „Oh My God“ – und wenn er es singt, hört man es auch. Bennys ethnische Wurzeln stammen aus Angola, seine musikalischen Wurzeln aus der Rhythm And Blues- und Rap-Ecke – und sein goldenes Jacket wohl eher aus der heimischen Karnevalskiste. So recht passt da nichts zusammen, da kann er noch so schmachtend von seinen männlichen Tänzern angetanzt werden „Omaga“ bleibt 08/15-Pop und wenig in Erinnerung. Aber Benny hat ja noch mehr Chancen, so nimmt er auch professionell an Jiu-Jitsu-Turnieren und an Snowboard-Cup Rennen teil.

Prognose: Nachdem Tschechien bei den vergangenen beiden ESCs die besten Platzierungen in seiner noch jungen ESC-Geschichte holte (seit 2007 ist man dabei und kam erst 2016 erstmals ins Finale), ist diesmal schon im Halbfinale Endstation.

 

 

 

 

GRIECHENLAND

© EBU / Thomas Hanses

Auch Stefania war im Vorjahr bereits für Griechenland nominiert und freut sich seitdem darauf, nach Hause zu kommen bzw. zu Hause zu bleiben: Stefanie Liberakakis wurde nämlich vor 18 Jahren in Utrecht geboren und nahm bereits 2016 mit der Girl-Band „Kisses“ für die Niederlande am Junior-ESC teil. Ihr holländisch ist offensichtlich mindestens so gut wie ihr griechisch, denn in den Niederlanden arbeitet sie auch als Schauspielerin und Synchronsprecherin für Zeichentrickfilme. „Last Dance“ ist griechischer Euro-Pop, betanzt von Männern in weißen Anzügen, wie er für Griechenland jahrelang beim ESC erfolgreich war: Zwischen 2004 und 2011 kam man jedes Jahr in die Top Ten und fuhr mit „My Number One“ und Helena Paparizou 2005 auch den einzigen griechischen Sieg der ESC-Geschichte ein. In den vergangenen Jahren lief es eher durchschnittlich: 2016 konnte man sich zum ersten Mal nicht fürs Finale qualifizieren, seitdem kam man auch in keinem Jahr über Platz 19 hinaus. Der Auftritt ist mit Virtual Reality-Effekten gespickt und Stefania und ihre Truppe sollen wohl auf Hochhäuser-Dächern tanzen – bei den Proben klappte das aber noch nicht so recht und so hingen sie eher im luftleeren Raum.

Prognose: Diesmal reicht es wieder fürs Finale – nicht unbedingt wegen des Songs, sondern wegen der sympathischen Ausstrahlung der 18-jährigen, des Sandra Kim-Gedächtnis-Jackets und der professionellen Choreographie mit echten, virtuellen und halbtransparenten Tänzern.

 

 

 

 

ÖSTERREICH

© EBU / Thomas Hanses

Und auch Österreich wollte zu seinem bereits im Vorjahr ausgewählten Interpreten wieder Ja und „Amen“ sagen – so heißt nämlich sein Song, mit dem er mehr Glück haben möchte als das „Amen“ der Slowenen, das am Dienstag im 1. Semifinale leider ausschied. Vincent Bueno hat seine Wurzeln auf den Philippinen, wuchs aber in Wien auf. Er wirkte in zahlreichen Musicals mit, veröffentlichte aber auch schon 4 Solo-Alben. Sein „Amen“ hat einen Gospel- und Soul-Einschlag und hebt sich von den Pop-Nummern, mit denen wir das 2. Halbfinale eröffnet haben, wohltuend ab. Für ihn hat das Lied eine persönliche Note, denn in „Amen“ geht es um Leben und Sterben und darum, dass man manchmal auch einen geliebten Menschen gehen lassen muss – Vincent hat selbst ein Kind kurz nach der Geburt verloren. Selbst geschrieben hat er den Song aber nicht, dafür sorgte unter anderem der Brite Ashley Hicklin, der damit seinen 5. ESC-Beitrag ablieferte. Der erfolgreichste war 2010 „Me And My Guitar“, mit dem der Belgier Tom Dice auf Platz 6 kam.

Prognose: Auch wenn mein Herz und Ohr weint: Es wird eng. Sehr eng. Da die Nummer aber zwischen den Dance-Plastik Songs aus Tschechien, Griechenland und Polen heraussticht, sagt auch eine Stimme in mir JA und Amen…

 

 

 

 

POLEN

© EBU / Thomas Hanses

Schweden-Pop kommt in diesem Jahr auch aus Polen, von den Autoren und vom Song her – und wenn man böse ist, ist damit auch schon alles über den Wiedererkennungswert dieser Nummer gesagt. Der tendiert nämlich relativ gegen Null, auch wenn man sich über ein paar schöne 80s Style Harmonien und Chöre freuen kann. Was eher in Erinnerung bleibt, ist die Sonnenbrille, die Sänger Rafal ständig unmotiviert auf und absetzt – vielleicht, weil u ihn herum aus dem Boden Funken sprühen und seine Tänzer mit Taschenlampen wedeln. Das ist aber auch das einzige was zündet, der Song ist es nicht und seine Stimme leider erst recht nicht.

Prognose: Das wird nichts mit dem Finale und Rafal wird sich damit trösten müssen, dass er Ende 2020 bereits das Junior ESC Finale erreicht hat – als Moderator…

 

 

 

 

MOLDAU

© EBU / Thomas Hanses

Die Nummer aus Moldau ist einfach „Zucker“ – zumindest heißt sie so: „Sugar“. Die Blondine Natalia Gordienko sieht aus wie eine 2000er Interpretation von Marilyn Monroe meets Baby Doll, helles Glitzerkleid, pinkes Licht, adrette Tänzer. Was braucht man mehr? Ok, vielleicht noch: Einen Song… – nun, der ist überschaubar und bietet wenig Text und viel Instrumentalpassagen – da kann man Atem zum Tanzen und für ein paar Moves sparen. Komponist ist eines der Enfants terribles der Eurovision, Philipp Kirkorov, der vor inzwischen 26 Jahren selbst als Interpret für Russland antrat, nachdem er ein Jahr vorher einen Beitrag für seine immerhin 18 Jahre ältere Frau Anna Pugacheva geschrieben hatte, aber im hinteren Teil des Feldes landete. Seitdem werden seine InterpretInnen gefühlt Jahr für Jahr jünger und seine Inszenierungen schriller. Unvergessen die „Tür auf-Tür zu-Puppenstube“, mit der Moldau 2018 10. wurde.

Prognose: Der 12er aus Russland scheint sicher, aber reicht das? Viele Gründe für die Nummer anzurufen, fallen mir nicht ein und eine Jury-Nummer dürfte dieses Russland-Konstrukt ebenfalls nicht sein. Das könnte dann auch eher für Aus und Raus sprechen.

 

 

 

 

ISLAND

© EBU / Thomas Hanses

Island war im Vorjahr der Gewinner der Herzen – mindestens der Herzen, denn bei vielen der meist online durchgeführten Abstimmungen in den einzelnen Ländern lag der nerdige Beitrag von Dadi Freyr und seiner Gruppe Gagnamagnid (was so viel heißt wie „Datentarif“ oder „Datenvolumen“) ganz vorne. Ein bisschen war zu befürchten, dass der Gag weg ist, wenn man jetzt wieder 6 Teenie Isländer in grünen Sweat Shirts auf der Bühne stehen sieht. Aber es macht spätestens beim großartigen Anfangsbild des 2021er Auftritts auch nach einem Jahr den meisten Kollegen noch und wieder Spaß – vor allem, da sie mit vielen Bewegungen und kleinen Gesten Anspielungen auf ESC-Auftritte vergangener Jahre und Jahrzehnte liefern – inklusive der legendären Windmaschine. Ich gestehe, auch ich habe sie sicher noch nicht alle erkannt – aber Dadi hat beim Auftritt auch immer ein leichtes Grinsen, als freue er sich darüber, dass wohl niemand alles entdeckt. Er ist übrigens nach eigener Auskunft stattliche 2,08 Meter groß ist, hat in Berlin studiert und dort auch seinen Abschluss gemacht.
Leider erging es den Isländern genau umgekehrt wie San Marino, die wir bei den Proben nie sahen: Island sahen wir NUR bei den Proben. Am Mittwochmorgen wurde nämlich bekannt, dass ein Mitglied der Band positiv auf Covid19 getestet wurde. Da die Tests der anderen Band-Mitglieder negativ waren, bestand die Möglichkeit, dass der Rest ohne ihn auftritt – Da Dadi und Co. sich aber als Einheit sehen, entschieden sie sich dagegen und so wird im Halbfinale und wohl auch am Samstag im Finale das Video der Probe vom vergangenen Donnerstag zu sehen sein.

Prognose: Island stand seit 2015 nur ein einziges Mal im Finale – diese Quote werden sie in diesem Jahr auf einen Schlag verdoppeln – und sind Samstag auch Anwärter auf die Top Ten.

 

 

 

 

SERBIEN

© EBU / Thomas Hanses

Welchen Sound verbindet ihr am ehesten mit Serbien? Richtig, Latin Pop – oder?! 😉 Und in welcher Sprache wird Latin Pop am besten vorgetragen? Na klar, auf serbisch…

Diese krude Mixtur scheint das Credo des serbischen Trios Hurricane zu sein, denn nach „Hasta la vista“ im Vorjahr singen sie in diesem Jahr „Loco loco“. Musikalisch eher belanglos, haben zwei der drei Damen immerhin schon ESC Erfahrung: Sanja Vucic wurde 2016 als Frontfrau der Band „Sanja Vucic ZAA“ 18., Ksenija Kenzevic begleitete 2015 ihren Vater Knez als Backgroundsängerin für Montenegro und wurde mit ihm 13. Von beiden Platzierungen dürften sie dieses Jahr nur träumen. Immerhin ist das heute Abend der erste von 4 Beiträgen, die nicht in englisch gesungen werden – wir erinnern uns: Im ersten Halbfinale gab es davon nur einen einzigen.

Prognose: Auch wenn die 3 in Lack und Leder auf der Bühne stehen – bei dem Beitrag ist längst der Lack ab und das Halbfinale Endstation.

 

 

 

 

GEORGIEN

© EBU / Thomas Hanses

Tornike Kipiani wollte im Vorjahr für Georgien mit einer kraftvoll gebrüllten Electro-Pop Nummer an den Start gehen – wer die kennt, der wird ihn 2021 nicht wieder erkennen, denn sein diesjähriger Beitrag „You“ ist lammfromm – viel zu fromm, als dass er zu seiner Stimme passen würde, endet er doch am Ende gar in einem Schunkelwalzer. Immerhin steht er hinter dem, was er singt: er hat den Song nämlich selbst gesungen. In Georgien selbst konnte er wohl in der Musikindustrie niemanden so recht für den Song begeistern – Universal Dänemark nahm ihn schließlich unter Vertrag, damit er eine ordentliche Produktion für den ESC-Sampler bekommt.

Prognose: Georgien ist Kummer gewohnt: 2016 reichte es zum bislang letzten Mal fürs Finale, der bisher beste Platz überhaupt war ein Rang 9. 2022 können sie es ja noch einmal versuchen, diese Statistik zu verbessern, dieses Jahr reicht es fürs Finale ganz sicher nicht.

 

 

 

ALBANIEN

© EBU / Thomas Hanses

Albanien ist traditionell das erste Land, das seine Vorentscheidung abhält, nämlich meist kurz vor Weihnachten des Vorjahres. Pandemiebedingt passierte das Weihnachten 2020 unter besonderen Vorzeichen: Um die Ansteckungsgefahr zu minimieren, fand die Vorentscheidung – dort immerhin ein dreitägiges Festival – Open Air statt – und auch Albanien ist im Dezember nicht gerade für angenehme Freilufttemperaturen statt. Was zum einen den Interpreten mit ihren Stimmbändern nicht gefällt, zum anderen auch den Menschen, die im Regen stehen. Um das zu umgehen, legte man einfach einen Korridor von einer Woche fest, an dem das ganze „irgendwann mal“ stattfinden sollte und als die Wetterfrösche gerade günstig auf der Leiter saßen hieß es dann „Perfekt, heute ist Vorentscheidung“. Siegerin des Wettbewerbs mit immerhin 26 Teilnehmern wurde Anxhela Peristeri mit ihrem Song „Karma“, den sie wie in Albanien in den letzten Jahren üblich, in Rotterdam auch auf albanisch singt. „Karma“ ist eine klassische, gewaltige Ballade mit slawischen Einflüssen – bei den ersten Proben stand sie alleine und manchmal etwas verloren auf der Bühne und ich dachte schon: Wo ist nur der Flötenschlumpf, wenn man ihn mal braucht? Aber mit jeder Probe wurde sie sicherer und kann inzwischen auch alleine bestehen – und der Flötenschlumpf darf weiter im Off spielen…

Prognose: Für mich eine der positiven Überraschungen der Proben und ich tippe auch auf eine Überraschung für die meisten Beobachter am Donnerstagabend: Albanien wird das Halbfinale überstehen und am Samstag durchs Finale wehen,

 

 

 

PORTUGAL

© EBU / Thomas Hanses

Oft kommen Menschen zurück an Orte, an denen sie sich wohl gefühlt haben – manchmal auch Lieder. So erzählte zumindest im Interview Pedro Tatanka, Frontmann der Band „Black Mamba“ aus Portugal, die Entstehungsgeschichte ihres Beitrags „Love Is On My Side“. Er habe ihn auf einer Reise nach Amsterdam geschrieben, wo er eine wohl schon reifere Frau getroffen hat, die ihm sein Leben erzählte: Von der Flucht von zu Hause als Kind, weil sie der großen Liebe hinterher reisen wollte über zahlreiche Enttäuschungen, bis sie ihr Geld in zwielichtigen Etablissements verdiente, aber immer wusste, „Die Liebe ist in mir“.  Für Portugal ist es eine ganz besondere Premiere. 47 ihrer bisher 50 Beiträge wurden komplett in portugiesisch gesungen, die 3 anderen teils portugiesisch, teils englisch. In diesem Jahr treten sie nun erstmals komplett in englischer Sprache an, was in Portugal kritisch aufgenommen wurde, allerdings: Selbst „Schuld“, denn der Beitrag gewann eine öffentliche Vorentscheidung, bei der es am Ende einen Gleichstand zwischen Expertenjury und Publikumsvoting gab und die „Black Mamba“ die Seefahrernation nun deswegen vertritt, weil sie mehr Publikumsstimmen auf sich versammelten. Der Song ist eine Soft-Rock Ballade mit Soul Einflüssen, die in schwarz weiß beginnt – nach dem ersten Refrain taucht sich die Bühne aber in ein tiefes Blau und liefert neben schönen Klängen auch gewaltige Bilder.

 Prognose: Das klassische Dilemma zwischen „Head And Heart“. Das Herz sagt, das MUSS weiterkommen, der Kopf sagt, es wird eng werden. Am Schluss höre ich hier auf mein Herz, denn „Love Is On My Side“…

 

 

 

BULGARIEN

© EBU / Thomas Hanses

Victoria ist sowas wie die bulgarische Billie Eilish – eine gebrochene Stimme, fragile Songs und doch starke Auftritte und eine hohe Bühnenpräsenz zeichnen sie aus. 2020 war ihr Beitrag „Tears Getting Sober“ einer der Top-Favoriten der Buchmacher, bevor der Contest abgesagt wurde, der 2021er Song „Growing Up Is Getting Old“ steht dem aber in kaum etwas nach. Sie besingt, dass Erwachsenwerden auch Altwerden bedeutet und streicht dabei immer wieder über ein Bild, das vor ihr im Sand liegt. Auf der Pressekonferenz erklärte sie die Bedeutung dieses Bildes für sie: Es zeigt sie als Kind mit ihrem Vater, den sie gerne zur Unterstützung mit nach Rotterdam nehmen wollte, bei dem aber im vergangenen Jahr ALS diagnostiziert wurde und er so die Reise nicht antreten konnte. Durch dieses Foto ist er aber nun dennoch ganz nah bei ihr. Der Song wirkt auf den ersten „Horch“ etwas monton, hat aber eine erstaunliche Intensität. Und damit der ganze Auftritt nicht zu zerbrechlich und „weich“ daher kommt, feiert bei Victoria die bulgarische Variante Buffalos der 1980er ein Revival. Passt zwar nicht ganz – aber wirklich angepasst ist auch ihr gemutmaßtes Vorbild Billie Eilish nicht. À propos Vorbilder: Als „Mentorin“ stand ihr nicht nur in Rotterdam Lucy Diakovska von den No Angels zur Seite und erklärt der Rothaarigen aus Bulgarien, wie es ist, auf der ganz großen Bühne zu stehen – oder die meiste Zeit ihres Auftritts zu sitzen.

Prognose: Fällt durch die intime Inszenierung auf und ist eine der stärkeren Balladen des Abends. Klar im Finale.

 

 

 

FINNLAND

© EBU / Thomas Hanses

Eine ESC-Probenwoche ist immer auch ein Reifeprozess – und manchmal reift dabei auch die Erkenntnis, dass man sich von lieb gewordenen Favoriten verabschieden muss… Nach der finnischen Vorentscheidung waren für mich die Jungs von „Dark Channel die finnischen Linkin Park und ich schrieb einer Freundin und Ex-Kollegin aus Finnland schon, dass ich mir gut vorstellen könnte, dass wir uns nächstes Jahr in Helsinki sehen. Nach der ersten Probe rieb ich mir schon die Augen und dachte, die Jungs hatten nur einen schlechten Tag. Die zweite Probe manifestierte das aber: Der Auftritt ist einfach beileibe nicht so stark wie der Beitrag der italienischen Band Maneskin, die zweite richtige Rock-Nummer im Feld – dabei fand ich „Dark Side“ anfangs auch den gefälligeren, weil eingängigeren Song. Hinzu kam, dass die Finnen nicht gerade Sympathiepunkte sammelten. Irgendwie schade.

Prognose: Fürs Finale sollte es am Ende reichen, da es die einzige Rock-Nummer des heutigen Abends ist. 

 

 

 

LETTLAND

© EBU / Thomas Hanses

Falls ihr beim Beitrag aus Lettland ein störendes Geräusch in eurem Wohnzimmer hört, ist es weder ein Störsignal in der Box noch der Nachbar unter euch, sondern das Background-Tape von Samanta Tina. Das ist schon sehr modern und schrill auf jung getrimmt und nötigt einem schon ein bisschen Durchhaltevermögen und Toleranz ein. Immerhin ist sie die „Grüne“ des heutigen Abends, rein optisch, und sorgt auch für ein paar eindrucksvolle Bilder in der Choreographie, die mehr an einen ägyptischen Totentanz oder ein Beschwörungsritual erinnert. Der Song? Ach, reden wir nicht drüber…

Prognose: Bei den letzten 11 Wettbewerben war für Lettland 9 Mal im Halbfinale Endstation. Warum sollte es diesmal anders sein? Einen wirklichen Grund kann ich weder sehen noch hören…

 

 

 

SCHWEIZ

© EBU / Thomas Hanses

Abschied nehmen Teil 2 – Die Schweiz lag fast den gesamten April auf Platz 1 der Wettquoten und zählte bei der Ankunft in Rotterdam neben Malta und Frankreich wohl zu den Top-Favoriten – genau bis zum ersten Auftritt. Die düstere Ballade, die von der Machart sehr an den Vor-Vorjahressieger „Arcade“ erinnert und durch die außergewöhnliche und hohe Stimme des Sängers besticht, war im Video toll umgesetzt. Auf der Bühne weniger. Ganz in Schwarz-Weiß tapst Gjon Muharremaj, der sich „Gjon’s Teats“ nennt, über kubische Bühnenelemente, vollführt einstudierte Gesten und Posen und schaut dabei immer etwas unsicher Richtung Kamera. Die Siegchancen dürften fast auf Null gefallen sein. Doppelt tragisch, denn auch im Vorjahr zählte er mit „Repondez-moi“ zu einem der Top-Favoriten (da haben wir den geplanten Auftritt aber ja gar nicht erst gesehen) und musikalisch konnte er die Qualität aus dem Vorjahr als einer der wenigen auch dieses Jahr bei „Tout l’univers“ halten. Aber der ESC ist halt kein Radio-Wettbewerb.
Hinter den Kulissen diskutierten wir übrigens darüber, ob Gjon’s Tears vielleicht den höchsten Ton singt, der je in einem ESC-Finale von einem männlichen Singer hervorgepresst wurde – entschieden uns aber dafür, dass

Prognose: Fürs Finale reicht das sicher. Und ab jetzt kann der Beitrag eigentlich nur noch positiv überraschen…

 

 

 

DÄNEMARK

© EBU / Thomas Hanses

Wenn du denkst, du hast schon alles gesehen – dann kommt Dänemark um die Ecke. In der dänischen Vorentscheidung war ich noch nicht sicher, ob das nun Ernst oder Parodie ist. Eine gefällige Schlagermelodie aus den frühen 1980ern entlaufen und rüde eingefangen, mit einem dänischen Text verstehen und zwei Interpreten, die dort stehen wie die verlorenen Brüder von Modern Talking – der blonde Gitarrist hebt auch bisweilen keck den Zeigefinger und der Sänger tanzt sich in Vanilla Revival Hosen, Muscle Shirt und lila Sacco den Wolf. Wer den „Free ESC“ vergangene Woche auf Pro 7 gesehen hat, bekam mit dem Schlager-Duo Fantasy einen kleinen Eindruck, was ihn erwartet – aber „Ove os pa hinanden“ – übersetzt so was wie „Lasst uns aneinander wachsen“ oder „Lasst uns miteinander klar kommen“ –  vom Duo Fyr og flamme (Feuer und Flamme) ist definitiv anders und wäre vor rund 40 Jahren im Song Contest total up to date gewesen. Damals musste ja auch noch in Landessprache gesungen werden – und warum sollte man das heute ändern? Der Däne an sich singt nun mal dänisch. Röm töm töm töm…

Prognose: Zum guten Schluss verweigere ich die Prognose. Das ist unberechenbar. Normalerweise chancenlos, könnte der Kultfaktor es reinspülen. Was mich skeptisch macht: Es ist keine klassische „künstlerisch wertvolle Nummer“, die die Jurys gerne mal retten und fürs Televoting muss man beim jeweiligen Anrufer ja DIE Nummer 1 sein. Wird es das bei genügend Menschen. Ich sag mal mutig Ja. Nicht, weil ich es kann – sondern, weil ich es will.

 

 

 

 

Damit sind wir dann bei der ultimativen Prognose fürs 2. Semifinale:

 

 

  • San Marino, Griechenland, Island, Bulgarien, Finnland und die Schweiz sind sicher weiter.
  • Estland, Tschechien, Polen, Serbien, Georgien sicher draußen.
  • Bleiben sechs Wackelkandidaten für die restlichen vier Start-Plätze. Meine Prognose: Für Österreich, Albanien, Portugal und Dänemark reicht es – die Republik Moldau und Lettland dürfen die Heimfahrt antreten …

 

 

Foto-Credit: Facebook-Seite von Frank Ehrlacher

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