„EUROVISION SONG CONTEST 2021“
smago! top-exklusiv: Frank Ehrlacher’s „‚Nachgedanken‘ um den ESC Abend“!

„I Don’t Feel Hate – I Just Feel Sorry“ … – oder um es mit dem ESC-Siegertitel von 2015 zu sagen: „We Are The Zeros Of Our Times“ !!!

 

 

Der ESC wurde auch 2021 wieder zu einer herben Enttäuschung aka Debakel für den deutschen Beitrag. Es wäre zu einfach, jetzt auf Jendrik, seinen Song oder den NDR einzuprügeln. Die Gründe für das Scheitern sind systembedingt – und liegen tiefer.

Um zu verstehen, wie der ESC (in großen Teilen immer noch) funktioniert, sollte man kurz schauen, was eigentlich die Idee des Wettbewerbs war: Jedes Land schickt ein Lied – das im Idealfall auch noch das Land möglichst typisch repräsentiert, lange war deswegen auch die Landessprache Pflicht – man trifft sich, jeder singt sein Lied und am Ende stimmt man ab, welches Lied das beste war. Verlieren kann dabei „systemimmanent“ sein, wie es besonders die Finnen und Portugiesen jahrelang erfahren mussten, da der Rest Europa mit finnischer Schwermut und portugiesischem Fado recht wenig anfangen konnte. Fanden die ein bisschen schade, hat sie aber nie beirrt und die ESC-Teilnehmer wurden in ihren Ländern zu Stars.

Schauen wir uns im Gegensatz dazu an, wie man in den vergangenen Jahren den deutschen Beitrag gefunden hat. Man versucht ein Komitee („Jury“) mathematisch so zusammenzustellen, wie es dem angeblichen Durchschnittsgeschmack Europas der vergangenen Jahre entspricht (Problem 1: Diesen Durchschnittsgeschmack gibt es nur im Algorithmus der verwendeten Formel, nicht aber in den Köpfen und Ohren der Menschen, die Musik hören). Dann stellt man ihnen Songs vor und wenn diesen Durchschnitts-Menschen ein Song besonders gut gefällt, dann muss er ja im Umkehrschluss auch ganz Europa gefallen und ganz weit vorne liegen. In der Theorie. Und so bekam Jendrik auch in der deutschen Vorauswahl von den möglichen „12 Points“ im Durchschnitt der 100 Juroren 11,82. Ein sicherer Sieger also?! Das „wahre“ Europa sah das anders…

.. und schauen wir uns auf der anderen Seite an, wie andere Länder ihre Beiträge auswählen. Italien, das in diesem Jahr gewann und bei den vergangenen 10 Wettbewerben 8 mal in die Top Ten und davon 4 mal unter die ersten 3 kam und Schweden (das in den vergangenen 10 Wettbewerben ebenfalls 8 mal in die Top Ten kam, davon 4 mal unter die ersten, und sogar 2 mal gewann) sind dafür gute Beispiele.
In beiden Ländern gibt es nationale Musikwettbewerbe mit langer Tradition, deren Sieger zum ESC fährt. In Italien ist dies das Sanremo Festival, das es schon länger gibt als den ESC und sogar als Vorbild für den ESC diente, in Schweden das Melodifestivalen, in dem seit 1959 (Schweden nahm ein Jahr zuvor erstmals am ESC teil) der schwedische Beitrag gesucht wird.

In beiden Ländern wird auch der Sieger durch eine gemischte Wertung des Fernsehpublikums (Televoting) und einer Experten-Jury bestimmt. Sieht auf den ersten Blick ähnlich aus wie in Deutschland – ist aber ein himmelweiter Unterschied.

Zum einen kann im Televoting JEDER mitmachen – wie am ESC-Abend auch. Das gibt nicht nur mehr Breite in den Geschmäckern, sondern sorgt auch für eine größere Akzeptanz. So werden auch die Sanremo-/Melodifestivalen-Sieger meist sofort nach der Vorentscheidung in ihren Ländern zu Hits und stürmen Platz 1 der Charts – was auch die Spannung und Vorfreude auf den ESC steigert. Ich habe in Deutschland dieses Jahr Kollegen aus der Branche erlebt, die bis zum ESC-Abend den deutschen Beitrag nicht einmal gehört hatten. Es interessierte sie auch nicht, war ja ein „internes Labor Ding“.

Zum anderen muss der Sieger bereits um überhaupt gewählt zu werden unter Live-Bedingungen überzeugen – und nicht unter Laborbedingungen. Denn auch „Europa“ wählt beim ESC nicht eine Melodie, einen Text, einen Interpreten, eine Choreographie – sondern ein Gesamtpaket.

Natürlich kostet das eine Stange Geld, in Italien waren 26, in Schweden 28 Titel im Wettbewerb und jeder hatte die Chance, seinen Auftritt so aufwändig zu inszenieren, wie er ihn beim Finale auch präsentieren würde – am schwedischen Auftritt wird meistens nach dem Melodifestivalen bis zum ESC kaum noch etwas geändert. Und der Aufwand lohnt sich: Nicht nur, dass der Siegertitel die Charts stürmt, in beiden Ländern sind in den Wochen nach den Festivals die Charts voll mit den dort vorgestellten Titeln und gerade in Italien ist es üblich, dass in der Woche des Sanremo-Festivals die teilnehmenden Künstler neue Alben veröffentlichen. Der PR-Effekt ist also enorm

… und damit sind wir bei einem weiteren Vorteil eines solchen Festivals: Die Interpreten reißen sich nahezu darum mitzumachen. Während in Deutschland gerade namhafte Interpreten energisch abwinken, wenn es darum geht, ob sie am ESC teilnehmen, ist dort alleine die Teilnahme an der Vorentscheidung ein Ereignis und ein Erfolg. Die meisten Interpreten haben mehrfach teilgenommen, Toto Cutugno zum Beispiel gleich 13 Mal, obwohl er es direkt im ersten Versuch gewonnen hatte. Hier hätte wohl jeder gesagt „Ab jetzt kann ich doch nur noch verlieren“. Aber auch eine Teilnahme ist schon Gold oder Geld wert.

Schon alleine, dass das nationale Festival für sich steht, nimmt den Interpreten auch Druck und „Angst“ vor einer Teilnahme. Wenn ich – wie dieses Jahr – intern für den ESC ausgesucht werde, werde ich nur daran gemessen, wie ich im Finale abschneide und kann nur verlieren. Die Sieger der Festivals in anderen Ländern sind schon Gewinner, denn sie haben ihr nationales Finale bereits gewonnen, haben schon im Land einen Hit, den das Publikum gewählt und zum Hit gemacht hat – deswegen steht das Publikum beim ESC-Finale auch hinter ihnen, egal ob sie gewinnen oder verlieren. Wenn sie „verlieren“, ist es zwar schade, aber „dann hat das europäische Publikum halt den Song nicht verstanden“ 😉 Der Karriere (im eigenen Lande) schadet es meist überhaupt nicht.

Nun mag man entgegenhalten, es gab doch in den letzten Jahren oft Vorentscheidungen in Deutschland und da hat es auch nicht geklappt?
Jein – diese Vorentscheidungen waren oft bessere Castings, entweder stand der Interpret im Vordergrund und/oder es standen nur wenige (in den 00er Jahren teilweise nur 3) Songs zur Auswahl – und wenn es mehr waren, wurden sie im stillen Kämmerlein von ein paar Verantwortlichen  ausgesucht und repräsentierten meist nur den Musikstil, mit dem die Verantwortlichen glaubten, beim ESC antreten zu wollen. Das Publikum hatte oft die Wahl zwischen Radio Pop 1, Radio Pop 2 und Radio Pop 3. Und: Die Vorentscheidung war immer „Mittel zum Zweck“, einen Beitrag für das ESC-Finale zu schicken und stand nie für sich, so dass der Sieger schon als Sieger gefeiert worden wäre, der dann „zufällig“ noch um ESC durfte.

Und damit kommen wir zum letzten Punkt: Wie wählt man die Lieder für das nationale Festival aus? In Deutschland gab es dafür Anfang der 1980er Jahre einen offenen Autorenwettbewerb, für den jeder Autor Titel einschicken konnte und eine Jury, die breit aufgestellt war – Fernsehmacher, Musiker, Produzenten, aber auch „Publikum“/musikinteressierte Laien – suchten daraus 24 aus. Die Siegertitel in diesen Jahren hießen „Dschinghis Khan“, „Theater“, „Johnny Blue“, „Ein bißchen Frieden“ und „Rücksicht“ und belegten die Plätze 1 bis 5 beim internationalen Finale. Nicht all zu schlecht, oder?

In den Jahren danach stand mehr der Aspekt im Vordergrund, eine große Show zu liefern. Da wurde mal Rudolf Mooshammer als Gastsänger verpflichtet, obwohl er genau das nicht konnte, nämlich „Singen“, da wählte man mal ein Lied mit dem provokanten Titel „Ich habe meine Tage“, ließ sich Big Brother-Finalist Zlatko als Nicht-Sänger blamieren oder Knorkator auf der Bühne Fleisch zerlegen. Und auch Guildo Horn war am Ende eine Provokation – die zwar in dem Jahr funktionierte und national wie international für Begeisterung und Punkte sorgte – aber doch ein Einmal-Effekt blieb, es ging eben nicht um Musik, sondern um Show.

Und auch das ist in anderen Ländern – wie Schweden und Italien – anders. Es geht um Musik und da darf dann in Sanremo der tätowierte Rapper, neben der fast 80-jährigen Chansonette, dem klassischen italienischen Cantautore, EuroPop und sogar einer Rockband auftreten. Das Publikum hatte also freie Wahl und entschied sich zur Überraschung vieler für die Rockband – und behielt Recht…

Aber bitte macht nächstes Jahr nicht den Fehler, ein Rockfestival zu veranstalten! Maneskin haben deswegen gewonnen, weil „Zitti e buoni“ ein GUTER Rocksong war. Genau wie der zweitplatzierte „Voilà“ ein GUTES Chanson war. Am Ende zählt nämlich viel weniger die Musikrichtung und auch nicht die ganz große Show (Barbara Pravi für Frankreich machte überhaupt keine im eigentlichen Sinne), sondern dass das „Paket“ stimmt und vor allem, beim Zuschauer Emotionen und Begeisterung weckt – und die kann kein Algorithmus berechnen. Zum Glück.

Natürlich übersehe ich nicht, dass die genannten Festivals eine 60- bis 70-jährige Tradition haben und etabliert sind, wahre Straßenfeger, und wir in Deutschland nie ein deutsches Musik Festival etabliert haben. Aber einmal muss man damit ja anfangen und ich denke, nach den Niederschlägen der vergangenen Jahre ist jetzt, da beim NDR ohnehin neue Verantwortliche das Zepter in die Hand nehmen, die Chance so groß wie nie.

„So viel Anfang war noch nie“ oder „From Zero To Hero“ um zwei andere Songzeilen zu zitieren vielleicht gibt es dann ja wieder

„Ein bisschen Siegen“.

 

 

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