BERND HAVIXBECK
Das große Interview mit Hit-Schreiber Bernd Havixbeck, aktuell: „Janine“ (Christian Anders)!
Der Mensch hinter den Songs +++ Über das Handwerk des Songschreibens +++ Seine musikalische Handschrift +++ Die persönliche Seite +++ Blick auf den Schlager heute +++
Am Freitag (28.08.2026) berichtete smago! über das Hit-Comeback von CHRISTIAN ANDERS mit dem Titel „Janine“. Musik und Text: Bernd Havixbeck. der beispielsweise auch hinter dem Projekt FORSBERG steht.
Höchste Zeit, auch und gerade Bernd Havixbeck einmal zu „ehren“ …
Der Mensch hinter den Songs
Über 300 veröffentlichte Songs – erinnerst Du Dich überhaupt noch an den ersten? Und weißt Du bei jedem Lied noch, was der Auslöser dafür war?
Ja. Der erste hieß „Come On“ und gehörte zu meinem ersten Projekt Bailando Beat. Und tatsächlich weiß ich heute noch, wann, warum und wieso oder für wen ich jeden einzelnen Song schrieb.
Du schreibst vorwiegend Songs für andere Künstler. Woran merkst Du, dass eine Idee nicht zu Dir, sondern zu einem bestimmten Sänger oder einer bestimmten Sängerin gehört?
Es ist tatsächlich so, dass, wenn ich schreibe, entweder von vornherein feststeht, zu wem der Song passen könnte, oder ich schreibe direkt für die Künstlerin / den Künstler, weil ich dabei immer versuche, den bereits vorhandenen beziehungsweise mir in Erinnerung gebliebenen Stil zu erhalten.
Was entsteht bei Dir zuerst: eine Textzeile, eine Melodie oder eine Geschichte?
Ich schreibe ausschließlich Text und Melodie zur selben Zeit. Dass liegt daran, dass mir beim Schreiben des Textes die Melodie gleich parallel dazu durch den Kopf geht. Und vor allem ist es wichtig, dass die Melodie, die Akkorde die Stimmung des Textes widerspiegeln.
Gibt es einen Song von Dir, bei dem Du heute sagst: „Der hätte eigentlich viel größer werden müssen“?
Tatsächlich. Ja. Es gibt sogar einige, wo ich das erwartet habe. Aber dieses Phänomen kennt wohl jeder Autor.
Und umgekehrt: Gab es einen Titel, bei dem Du selbst zunächst gar nicht mit einem großen Erfolg gerechnet hast?
Oh ja.
Über das Handwerk des Songschreibens
Was macht einen guten Schlagersong aus? Ist es die Melodie, der Refrain, eine starke Geschichte – oder letztlich der eine Satz, den man nach dem ersten Hören nicht mehr aus dem Kopf bekommt?
Letztendlich ist das die große Frage, die niemand zu hundert Prozent beantworten kann. Am Ende braucht es auch viel Glück und Unterstützung bei den Radios, DJs und dem Publikum. Aber eines kann ich mit Sicherheit sagen: Früher dachte ich, die Geschichte stände im Vordergrund. Aber das ist so nicht richtig. Das war in den 70er Jahren noch anders. Aber heute läuft alles über die Hook und einer dazugehörigen Melodie mit Ohrwurm-Charachter.
Wie schwer ist es eigentlich, einen Refrain zu schreiben, der einfach klingt, aber nicht banal ist?
Schwieriger, als man denkt. Es gibt den Gedanken bei erfolgreichen Hits, besonders im Party- und Ballermann-Bereich ((HINWEIS: „Ballermann“ ist eine geschützte Wortmarke von Annette und André Engelhardt, die Redaktion)), dass, je verrückter die Hook, desto einfacher. Aber das ist es nicht. Und im Schlager / Popschlager schon mal gar nicht! Mittlerweile beginne ich beim sShreiben mit der Hook beziehungsweise schreibe erst mal 30 Zeilen für den Chorus auf, nur um dann wieder alles zu verwerfen, und neu zu beginnen.
Viele Schlager handeln von Liebe, Trennung, Sehnsucht und Neuanfang. Wie findet man nach hunderten Songs immer wieder neue Geschichten für dieselben großen Gefühle?
Es ist tatsächlich so, dass ich auch zwischendurch Themen aufgreife, die im Allgemeinen eher schwer bis kaum vermittelbar sind für die Radios. Wie zum Beispiel Depressionen, Suizid, Einsamkeit oder auch den Tod. Natürlich will jeder ein Happy End amEende des Films, aber das Leben ist halt nicht immer Hollywood. Aber wenn es um das Thema Liebe geht, bin ich darauf bedacht, sie mit Worten zu beschreiben, die man so noch nicht gehört hat. Und möglichst so, dass der Text sofort Bilder beim Hören erzeugt. Und eines ist ganz wichtig. Wer mich persönlich kennt, wird immer ein Stück Bernd Havixbeck in den Songs entdecken.
Schreibst Du einen Song manchmal bewusst „für den Markt“ – oder muss die Idee Dich zunächst selbst packen?
Eigentlich muss die Idee mich immer zuerst mich selbst packen, sonst arbeite ich gar nicht daran weiter.
Wie viel verändert sich ein Song eigentlich noch, wenn der Interpret, der Produzent und das Label ins Spiel kommen? Wann kämpfst Du für Deine ursprüngliche Idee – und wann lässt Du los?
Grundsätzlich bleiben die Lieder, wie sie sind. Weil ich mir beim Schreiben etwas dabei gedacht habe, was nicht verloren gehen darf. Manchmal wird ein einzelnes Wort ersetzt, was aber in der Bedeutung gleich bleibt. Immer, wenn ich mich auf Änderungen einließ, waren sie – rückwirkend betrachtet – falsch. Aber wie gesagt, bei ein par Wörtern lasse ich grundsätzlich mit mir reden.
Seine musikalische Handschrift
Bei „Prinzessin mach die Türe auf“ war die Nähe zu IBO ausdrücklich gewollt. Was hat Dich an IBO so fasziniert, dass Du ihm mit Deinen Songs eine Art musikalische Hommage widmen wolltest?
Ja, das stimmt. Man darf nicht vergessen, ich komme aus der IBO-Ära, und feiere ihn heute noch. Und abgesehen davon, dass ich Chris Elbers nicht nur als Freund, sondern auch als Sänger sehr schätze, war er für mich genau der richtige dafür. Wir brauchen einfach wieder mehr IBO. Diese Leichtigkeit war einfach nur cool. Übrigens habe ich gerade erst erfahren, das „Ibiza“ ein Cover-Song und im Original ein englischsprachiger CountrySong ist. Was IBOs Version aber keineswegs schmälert.
Was muss ein Interpret mitbringen, damit ein von Dir geschriebener Song wirklich zu seinem Song wird?
Ganz klar. Er muss zu ihr / ihm passen. Ich stelle mich gedanklich vor die Bühne, lass die Künstlerin / den Künstler meinen Song singen und frage mich dann, ob ich ihr / ihm das jetzt abkaufe.
Gibt es Künstler, bei denen Du nach wenigen Takten denkst: „Für diese Stimme würde ich unglaublich gern einmal einen Song schreiben“?
Auf jeden Fall. Aber die meisten werden jetzt denken, dass ich nur so mit großen Namen um mich schmeiße. Aber das stimmt nicht ganz. Das einzige Mal wo ich wieder mal einen Song schrieb für einen Künstler und genau wusste, dass wird mit ihm ein Hit, dass war Semino Rossi. Und da ist nie ein Kontakt zustande gekommen. Aber das ist jetzt auch nicht weiter tragisch. Die Dinge geschehen, wie sie geschehen sollen. Allerdings habe ich mir mit Caro Best, Linda Jung, Linda Feller und Rosanna Rocci wiederum alles erfüllt, was geplant war. Sie stehen zwar exemplarisch für viele, aber waren tatsächlich einige meiner Wunschkandidaten. PS: Norman Langen fehlt mir aktuell noch. Auch hier bin ich mir zu 100 % sicher, dass der Song den ich für ihn vorgesehen habe, ein Hit würde.
Du arbeitest vor anderem mit Chris Elbers seit Jahren zusammen. Was macht eine solche kreative Partnerschaft aus?
Das ist halt keine Partnerschaft mehr, sondern eine tiefe Freundschaft auf einer sehr hohen Ebene.
Die persönliche Seite
Besonders berührend ist die Geschichte von „Das hier ist für uns“, das Du ursprünglich für Deinen verstorbenen Bruder geschrieben hast. Ist es schwieriger, einen persönlichen Schmerz in einen Song zu verwandeln – oder hilft das Schreiben dabei, mit einem solchen Verlust umzugehen?
Dieses Lied ist eines von zweien Liedern in meiner Historie, bei denen ich zwischendurch abbrechen musste. Der zweite Song war für denselben Künstler, „Der Biker“, dabei ging es um Kindesmissbrauch. „Ein stummer Schrei“. Bei “ Das hier ist für uns “ fing alles damit an, dass ich im Wohnzimmer ständig an der Vitrine vorbei lief, in der das Bild meines verstorbenen Bruder steht. Und immer, wenn ich ihn anblicke, geht mir unsere Kindheit durch den Kopf, und wie endgültig der Tod ist. Und so entstand auch der Satz : „Die mit trauendem Herzen, Bilder im Schrank berühren“. Aber das Schöne ist, dass er mittlerweile vielen Menschen weltweit Trost spendet und millionenfach gestreamt wird. So bleibt jeder Verstorbene irgendwie ein wenig lebendig.
Gibt es einen Song von Dir, den Du selbst kaum hören können, weil zu viel persönliche Erinnerung darin steckt?
Bailando Beat – „Sie würd so gerne fliegen“. Allerdings möchte ich die Gründe dafür gerne für mich behalten.
Du hast mit „Ostwind“ auch ein gesellschaftliches Thema aufgegriffen. Wann wird aus einer persönlichen Beobachtung bei Dir ein Song?
Wenn das Unrecht zu groß wird. Wenn ich selbst spüre, dass mich etwas zu sehr aufwühlt oder beschäftigt.
Blick auf den Schlager heute
Wie sehr hat sich das Songschreiben für den Schlager in den vergangenen zehn oder 15 Jahren verändert?
Nicht unbedingt grundlegend. ich würde sagen, dass die Lyrik eine andere geworden ist. So wie sich die Sprache in der Gesellschaft verändert, so überträgt sich das auch auf die Lieder. Besonders im Arrangement und den Sounds ist vieles anders geworden. Aber das ist auch in Ordnung. Man darf nicht vergessen, dass alles schon hunderttausendmal gesagt wurde. Und da müssen Veränderungen eben sein.
Heute entstehen Songs teilweise unter Beteiligung mehrerer Autoren, Produzenten und internationaler Songwriter-Teams. Ist das eine Bereicherung – oder geht dabei manchmal die persönliche Handschrift verloren?
Ich weiß, dass es praktiziert wird und auch manche für gut befinden. Ich persönlich sehe es eher als Problem. Kannst du dir vorstellen, dass ein Bildhauer das Werk eines anderen übernimmt – oder dass Picassos Bilder von seinem engsten Freund zu Ende gemalt worden wäre? Lässt ein Koch am Herd einen Kollegen weiter kochen, wenn er gerade einen Lauf hat? – Mir geht da immer Howard Carpendale durch den Kopf. Da gab es mal ein Album, dass wurde von mehreren Autoren in einem Songwriter-Camp geschrieben. Ich fand das Ergebnis furchtbar. Die Lieder hatten keine Seele, keine Tiefe. Das Album hatte überhaupt kein erkennbares Konzept. Zumindest ist dies meine persönliche Meinung. Und jeder soll da so verfahren, wie er möchte.
Und zum Schluss die vielleicht wichtigste Frage: Wenn Sie heute noch einmal ganz von vorne anfangen würden – würden Sie wieder Songwriter werden?
Auf jeden Fall. Allerdings würde ich dieses Mal zwanzig Jahre früher damit beginnen.
Die Zusammenarbeit mit Christian Anders entstand genau so, wie schon in einer Deiner Fragen beschrieben. Ich schrieb „Janine“, die übrigens ursprünglich “ Charlien “ hieß, und wusste sofort, dass klingt nach dem alten Christian Anders. Der Rest ist bekannt.
smago! bedankt sich sehr herzlich bei CHRIS ELBERS für die Anregung, einen Bericht über BERND HAVIXBECK zu bringen …
Textquelle: smago!

