NIEDECKEN'S BAP
Die Veröffentlichung "Lebenslänglich im Heimathafen Neukölln (Limited Edition)" im Test von Holger Stürenburg!

Wie BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken selbst in den ´Liner Notes´ schreibt: „Eine rauschende Ballnacht“! 

2016 war für WOLFGANG NIEDECKEN, den Begründer der Kölschrock-Formation „BAP“, ein ganz besonderes Jahr. Vor ganzen 40 Jahren, 1976, saß der damalige Kunststudent in der Küche seiner Bude und schrieb, von Liebeskummer geplagt, die Ballade „Helfe kann Dir keiner“ – nicht auf Englisch, wie damals die meisten (auch deutschen) Rockbands sangen, nicht auf Hochdeutsch, nein, radikal im Kölschen Dialekt, op Kölsch, op eene Sprooch, die man hück noh häufig in der Kölner Südstadt hört.

Sein Kumpel Hans Heres hörte Wolfgangs recht betrübt klingende Komposition und sagte dem Sinne nach: Davon musst Du mehr schreiben, mehr auf Kölsch, das ist ehrlicher, direkter, pointierter, als Hochdeutsch und als Englisch sowieso.

Ja, und damit begann das kreative Dasein von „BAP“, hück, wie zu Anfangszeiten, „NIEDECKEN’S BAP“ genannt; die Geschichte einer Band, deren Mitglieder häufig wechselten – Wolfgang ist bis heute die einzige Konstante -, die de Kölsche Verzäll bundesweit, europaweit, zudem in vielen Ländern der Welt, bekannt gemacht haben.

1979 erschien die erste „BAP“-LP „BAP rockt andere Kölsche Leeder“, damals noch beim längst verblichenen, unabhängigen Label „Eigelstein“, es folgte zur Hochphase der Neuen Deutschen Welle, 1982 – obwohl die Band mit diesem schrillen Treiben rein joor nix zo dunn hätt –, der große Durchbruch mit dem Titel „Verdamp lang her“ – ich gehe hierauf später noch ein -; die „Friedensbewegung“ vereinnahmte Wolfgang & Co, es kam eine Nummer-Eins-LP nach der anderen auf den Markt: „Für Usszeschnigge“ (1981), „Vun drinne noh drusse“ (1982), „Zwesche Salzjebäck un Bier“ (1984)… allesamt ultimative Meilensteine deutscher Rockkultur, gehalten em strikten Kölsch.

Zum 40. Bandjubiläum diss Joohr woor eine Menge los: Zunächst gab es im Januar 2016 die neue Studio-CD „Lebenslänglich“, dann ging es auf eine enorm umfangreiche Deutschlandtournee, die bis Ende Dezember andauert, es erschien kurz vor Beginn dieser eine feudale Best-of-Drei-CD-Box unter dem Titel „Die beliebtesten Lieder von 1976 bis 2016“ (siehe HIER …:) und nun liegt eine ebenso edel ausstaffierte DVD/CD-Box vor mir, die drei CDs und eine Live-DVD beinhaltet – also für „BAP“-Fans, wie für „BAP“-Neueinsteiger, genau das richtige bedeutet, um sich die kühlen Wintertage positiv zu vertreiben.

Als erstes ist im Rahmen von „NIEDECKEN’S BAP – LEBENSLÄNGLICH IM HEIMATHAFEN NEUKÖLLN“ (Vertigo/UNIVRESLA) die aktuelle Studioscheibe „Lebenslänglich“ berücksichtigt worden, die ich am 31. Januar d.J. bereits HIER für smago! lobend vorstellt habe. Beim wiederholten, aufmerksamen Anhören von „Lebenslänglich“ – einem insgesamt äußerst gelungenen, sicherlich sehr textintensiven, enorm persönlichen und eher nachdenklichen, klanglich gedämpften Album – kristallisierten sich – zumindest rein subjektiv bei mir – die bissige, politische Elegie „Absurdistan“, der schnelle Rock’n’Roller, der über das rastlose Tourleben der sagenhaften Kölschrocker handelt, „Dä Herrjott meint et joot met mir“, dat liebevolle Liebesleed ahn Kölle am Rhing, „Dausende vun Liebesleeder“, und die (immens verlangsamte) kölsche, fast klassisch-sakral arrangierte, schleichende Version von Meister Dylans „Simple Twist of Fate“, „Komisch“, auf der „Salzjebäck“-LP, 1984, Vorlage für einen speziellen „BAP“-Titel meines Lebens, „Zofall un e janz klei bessje Glöck“, als Favoriten aus dieser CD heraus.

Die zweite CD des Sets wurde, zusammen mit einigen illustren Gästen, am 14. Januar 2016 in Berlin-Neukölln zur Albumpräsentation ‚live‘ mitgeschnitten. Grund dafür: In „Alt-Köln“ war an jenem Januarabend keine Halle, keine Örtlichkeit mehr frei, so dass dieser „Showcase“ (ich hasse Anglizismen!!!) im Club „Heimathafen“ in genanntem Berliner Problemstadtteil stattfand. Auf der CD befinden sich 13 Titel, fünf Klassiker aus vier Dekaden „BAP“ und acht Titel aus „Lebenslänglich“.

Da sich auf der dazugehörigen DVD jedoch alle 16 Lieder befinden, die an jenem Abend zur Aufführung kamen – acht Klassiker und acht neue Lieder -, werde ich mich im Zuge meiner Rezension von „Lebenslänglich im Heimathafen Neukölln“ in erster Linie auf ebendiese konzentrieren.

„Niedecken’s BAP“ – derzeit bestehend aus Werner Kopal (Bass, einst bei „Triumvirat“ und Wolf Maahns „Deserteuren“), „MC Wet“ Michael Nass (key), der bildhübschen Hamburgerin Anne de Wolff (Geige, Git, Cello etc.), ihrem Gatten Ulrich Rode an der Gitarre, Rhani Krija (perc.) und Schlagzeuger Sönke Reich – starteten ihre umjubelte Berliner Aufwartung mit „Frau, ich freu‘ mich“ (1981, aus „Für Usszeschnigge“, im Originalarrangement, NICHT in der lahmen Überarbeitung von „Dreimal zehn Jahre“!), bevor mittels „Alles ist relativ“ – einem melancholischen und trotzdem glücklich erscheinenden Rückblick auf Wolfgangs Kindheit, Jugend, Erwachsenwerdung und Älterwerden -, der rockendenden Ehrerbietung an die Domstadt, „Dausende vun Liebesleeder“, und – mit Wolfgang am Banjo, „MC Wet“ am Akkordeon, Werner Kopal am Kontrabass und Martin Wenk von der US-Indierock-Band „Calexico“ an der Trompete – der „Ballade vom Vollkasko-Desperado“ (dem – so Wolfgang – „kleinen Bruder der „Ruut-wieß-blau, querjestrieften Frau““) der einen Tag nach diesem Berliner Auftritt vorgelegten CD „Lebenslänglich“ gehuldigt wurde.

Weiter ging es mit „Rita, mer Zwei“ (1999, aus der CD „Tonfilm“), einem traumhaft schönen, innigen Country-lastigen Ohrwurm über „eine Frau mit vier Buchstaben“ (Zitat: W.N.), genau gesagt, über eine offenkundige – reale oder auch nur erfundene, erträumte – Traumfrau, Jugendliebe, Inspirationsquelle namens „Rita.“. Zum „restkatholischen Stück“ (Zitat: dito) „Dä Herrjott meint et joot met mir“ kam Ex-„Jupiter Jones-Sänger“, später für die Münsteraner Indie-Band „Von Brücken“ tätig, Nicholas „Nicky“ Müller, zwecks vokalistischen Supports auf die Bühne. Seinen künstlerischen „kleinen Bruder“ (Zitat), den Erfurter Sänger, Liedschreiber und Rapper Clueso, begrüßte Wolfgang daran anschließend zur gemeinsamen, deutsch/kölschen Interpretation der nachdenklichen Ballade „All die Aureblecke“ (aus der 2011er-CD „Halv so wild“).

Der Berliner Singer/Songwriter Max Prosa – und dazu erneut „Calexico“-Rocker Martin Wenk – taten nun ihr Bestes, Wolfgangs eingangs erwähnte kölsche, ausgeprägt kammermusikalische Sichtweise von ‚his Bobness‘ „A Simple Twist of Fate“, „Komisch“, zu einem so atmosphärischen, wie energetischen Liveerlebnis explodieren zu lassen.

Das nahezu akustisch inszenierte Drama über den traumatischen Weltkriegsheimkehrer „Jupp“ (LP: „Für Usszeschnigge“, 1981), und der ebenfalls inhaltlich sehr traurige, musikalisch kneifende, Bo-Diddley-ähnliche Bluesrock über zwei Soldaten, die in jungen Jahren im Falkland-Krieg im Frühjahr 1982 fielen, „Diego Paz wohr Nüngzehn“ (2008, aus „Radio Pandora“), leiteten, nach der Bandvorstellung, über zu zwei weiteren Beiträgen von „Lebenslänglich“: Thees Uhlmann, gefeiert als Sänger der Hamburger Neo-Rockband „Tomte“, begleitete „Niedecken’s BAP“, sichtlich schon einwenig bierselig, bei dem harschen, deutlichen Politrocker „Absurdistan“, die gebürtige Hamburger, in Essen aufgewachsene Liedermacherlegende Stephan Stoppok trug ihren gesanglichen Teil zum bluesigen Klagelied „Vision vun Europa“ bei. Es folgten die eindringliche Warnung vor Neonazismus und Intoleranz, „Kristallnaach“ (1982, aus der LP „Vun drinne noh drusse“), und das Quasi-Titellied von „Lebenslänglich“ – der 14. und letzte Track des aktuellen Studioalbums – „Unendlichkeit“. Das einfühlsame Liebeslied „Do kanns zaubere“ (1982, aus „Vun drinne…“) – überwiegend gesungen vom Auditorium im „Heimathafen“ -, das unvermeidliche, fiktive Gespräch zwischen Wolfgang und seinem Vater, „Verdamp lang her“ (1981) – zum Schluss mit allen Gästen plus Filmregisseur Wim Wenders, der 2003 den „BAP“-Roadmovie „Vill passiert “ drehte -, und zudem die kurze, aber sehr innige Reminiszenz an den unvergessenen David Bowie, der nur wenige Tage vor dem Konzert im „Heimathafen“ verstorben war, „Helden“/“Heroes“, beendeten den 110minütigen Auftritt von „Niedecken’s BAP“ in Berlin-Neukölln.

Auf der Bonus-CD von „Lebenslänglich im Heimathafen Neukölln“ versammeln sich diejenigen Titel, die Wolfgang Anfang diesen Jahres für die nicht unumstrittene TV-Show „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ eingesungen hatte. Zuerst wollte er gar nicht daran teilnehmen, wer er dies für eine Art „Dschungelcamp mit Musikern“ hielt. Doch für die dritte Staffel, die im April und Mai 2016 über die Bühne ging, sagte er zu und nahm in Südafrika (!), gemeinsam mit einer professionellen Band namens „Grosch’s Eleven“, sechs Lieder anderer Künstler aus vollkommen divergierenden Stilrichtungen auf. Darüber hinaus wurde „Alles ist relativ“ (aus „Lebenslänglich“) in Grootbos, 170km entfernt von Kapstadt, neu eingespielt. 

Da wäre zunächst „My Personal Song“ zu nennen, ein als düsterer Swamp-Blues umgearbeiteter Song der Berliner Country-Rock-Band „The BossHoss“, in einer schwülen deutsch/kölschen Auslegung. Nena’s einst balladeskes, nun riffrockiges 2005er-Schmankerl „Liebe ist“ war vor zehn Jahren ein Lieblingslied von Wolfgangs Töchtern, weshalb er für „Sing meinen Song“ gerne auf ebendiesen Ohrwurm – op Kölsch vorjetraache un em Tempo anjezooche – zurückgriff.

Zur in Hamburg ansässigen Sängerin, resp. „Piepsmaus“ Annett Lousian, kann jeder stehen, wie er mag. Wolfgang N. gelang es jedenfalls mit Bravour, aus deren süßlicher 2003er-Schnulze „Wenn man sich nicht mehr liebt“ einen dröge-abgeklärten, gleichsam kraftvollen Gitarrenrocker zu gestalten; aus dem 2009er-Rap-Reggae des afrodeutschen Hanseaten Samy DeLuxe, „Bis die Sonne rauskommt“, wurde für „Sing meinen Song“, untermalt von vielen Bläsern, ein sonnig-freudiger Rock-Reggae.

Von „Katzenmusikant“ Xavier Naidoo stammt im Original die hymnische Rockballade „Wat mir allein nit schaffe“; die 2009er-Single „Lisa“ des Schweizerischen R’n’B-Sängers „Seven“ beließ Wolfgang im englischen Urtext, setzte bei der musikalischen Umsetzung aber auf eine klassische Folkballade, bevor er, erst mal alleine zur Akustikgitarre, dann im Bandkontext, „Alles ist relativ“ anstimmte.

„LEBENSLÄNGLICH IM HEIMATHAFEN NEUKÖLLN“ ist in der 3CD-plus-1-DVD-„Limited Edition“ eine reine Freude für Fans und Wegbegleiter von „NIEDECKEN’S BAP“. Dies sind vor allem Kinder der 70er und 80er Jahre. 40 Jahre „BAP“… ich bin nun 45 Jahre alt und habe innerhalb dieser vier Jahrzehnte 33 Jahre lang selbst die Entwicklung von Wolfgang und den Seinen sehr mitfühlend miterlebt, zig Konzerte gesehen, mich in nicht wenigen „BAP“-Liedern eins zu eins wiedergefunden.

„Lebenslänglich“ – das immer noch aktuelle Studioalbum – ist, so denke ich, eine Art Resümee von „BAP“-Leiter WOLFGANG NIEDECKEN. In vielen der darauf vertretenen Liedern blickt er auf Vergangenes zurück, ist aber trotzdem immer noch der Angry Young Man“, der sich (vgl. „10. Juni“ 1982) von niemandem in nichts einplanen lässt. Live-CD und DVD sind schlicht musikgeschichtliche Zeitzeugen, die in jedes ordentlich geordnete Archiv in punkto deutschsprachiger Populärmusik gehören. Einzig die vierte Silberscheibe, bestehend aus Wolfgangs Interpretationen aus „Sing meinen Song“, hinterlässt einen zweischneidigen Eindruck: Die meisten Originale dieser „modernen“ Deutschrock-Titel dürften in den Ohren vieler 70er- und 80er-Kinder ein lautes Sausen derselben auslösen. Und dem trotzdem, vermochte es WOLFGANG NIEDECKEN ein ums andere Mal, aus diesen teils plätschernden, teils einfach nur uninspiriert, langweilig und hyperkommerziell wirkenden Liedern echte Rock-Hämmer mit Biss zu kreieren, ohne den mehrheitlich viel jüngeren Ursprungsinterpreten zu sehr ‚auf den Schlips‘ zu treten. Vielleicht ist daher CD Numero-04 tatsächlich die interessante und außergewöhnlichste bei dieser Edition von „LEBENSLÄNGLICH IM HEIMATHAFEN NEUKÖLLN“. Die alten, mit der Band aufgewachsenen Fans jedoch dürften an den Live-Mitschnitten der CD-Präsentation von „Lebenslänglich“ am meisten Gefallen finden, über die Wolfgang in den „Liner Notes“ so treffend formuliert hat: „Eine rauschende Ballnacht“ (Zitat).

Holger Stürenburg, 30. November bis 02. Dezember 2016

http://www.bap.de/start/


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