„EUROVISION SONG CONTEST 2019“
„Die Vorab-Analyse“ von Frank Ehrlacher („Die ultimative Chart Show“!)

Doch: VORSICHT – SATIRE !!!

 

 

ARD, Hamburg, früher Sonntagmorgen, 0:30 Uhr:

Der wichtigste Satz für das diesjährige Eurovision Bullshit-Bingo: „Also wir hier auf der Reeperbahn verstehen das überhaupt nicht. Der Auftritt war doch so toll und die S!sters haben alles gegeben. Das muss man erst mal sacken lassen, aber Ihr in Tel Aviv habt Euch nichts vorzuwerfen.“

Einen weiteren Bullshit-Bingo-Satz für Diskussionen im Freundeskreis, im Büro oder auf Facebook am Tag danach: „Deutschland sollte endlich aus dem ESC aussteigen. Das ist eh viel zu teuer und wir bezahlen denen den Rotz. Dabei mögen die uns nicht und geben uns nie Punkte. Alles Politik!“

Beides ist natürlich blanker Unfug.

Und damit Ihr mitreden oder dagegenreden könnt und weil NACHHER wieder jeder schlauer ist, versuche ich das Desaster/schlechte Abschneiden/Null-Punkte-Ergebnis/letzter Platz-Fiasko (hier bitte am Sonntag noch das betreffende raussuchen) vorab zu analysieren.  Denn auch wenn „die auf der Reeperbahn“ und „der NDR“ es nicht verstehen, warum es wieder nicht klappen konnte und dass man angeblich „nichts falsch gemacht hat“ – es gibt handfeste Gründe und Fakten, dass man in Deutschland beim ESC nicht weiß, was man tut.

 

 

Die Vorab-Analyse: 

 

 

Der Song:

 

Insbesondere NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber freute sich, dass er diesen Song („Sister“) akquirieren und aus der Schweiz freibekommen (oder sogar „freikaufen“?) konnte. Nicht das erste Mal, ähnliche Sätze gab es 2005 bei „Black Smoke“ und 2007 bei „Perfect Life“. Auch beides Totalabstürze beim ESC. Der NDR freut sich, weil es ein „zeitgemäßer, aktueller Pop-Song“ ist. Und schon da liegt die falsche Denke. Beim ESC buhlen am Finalabend 26 Lieder um die Gunst des Publikums. 26 Songs, die die meisten zum allerersten Mal hören und die nur wenige Sekunden Zeit bekommen, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, eh man sich entscheidet, sich doch wieder seinem Bier, Wein, Snack, Käseigel oder Couchnachbarn zu widmen: „Das klingt aber auch wie schon 1.000 Mal gehört“. „Zeitgemäßer Pop“ ist das, was uns im Radio oder von der Spotify-Playlist Tag und Nacht um die Ohren dudelt. Warum soll ich genau solch einem Song meine Stimme schenken? So funktioniert der ESC nicht und das hat schon rein statistische Gründe. Der ESC funktioniert nämlich – zumindest was das Televoting betrifft – digital: „1 oder0“, der „Erste“ bekommt alles, der zweite schon nichts mehr. Über 98 % der Zuschauer rufen für nur einen Song an, ihren Lieblingssong. Einmal oder mehrfach. So gut wie niemand macht sich die Mühe zu sagen: „Für meinen persönlichen Platz 1 rufe ich 5 mal an, für meinen Platz 2 rufe ich 4 mal an, für meinen Platz 3 rufe ich 3 mal an“… „The Winner Takes It All“. Es ist also komplett egal, ob ich nachher in der Gunst des Zuschauers mit meinem Song 2., 3., 5. oder 26. bin – ich muss erster werden. Und das werde ich sicher nicht mit einer „zeitgemäßen Durchschnitts-Nummer“. Die Sieger der vergangenen Jahre aus der Ukraine, Portugal, aber auch Conchitas „Rise Like A Phoenix“ oder Nettas „Toy“ beweisen das. Das waren alles Songs, die am ESC-Abend auffielen, das Momentum nutzten und überzeugten, aber nachher im Radio und in den Charts so gut wie nicht stattfanden. „Zeitgemäßer Pop“ ist also sicher kein Schlüssel zu einer erfolgreichen Teilnahme beim ESC. Hinzu kommt: Ist „Sister“ wirklich ein so guter und zeitgemäßer Pop-Song wie der NDR uns das glauben machen will? Im Radio und in den Charts findet er überhaupt nicht statt – Versagen da die Hörer, Käufer und Radiomacher allesamt? Oder fehlt es dem Song nicht viel mehr an einer wiedererkennbaren Melodielinie, wie sie heute sogar die Rap-Granden à la Capital Bra und KC Rebell zu nutzen wissen, um ihre Musik an den Mann zu bringen. Das einzige, was mir von „Sister“ in Erinnerung bleibt, ist, dass der Refrain aus dem wiederholt geschrienen Wort „Sister“ besteht… 

 

 

 

  1. Die Interpreten

Singen können die beiden S!sters. Zweifellos. Aber dass „Singen können“ inzwischen (leider) eines der unwichtigsten Kriterien ist, um Karriere in der Pop-Musik zu machen, hat selbst Dieter Bohlen erkannt und erzählt es seinen Casting-Teilnehmern, bis sie es nicht mehr hören können. Was zählt, ist die „Verkaufe“ und auch hier, Typ und Wiedererkennungswert. Auch das belegen die Sieger der vergangenen Jahre mehr als eindeutig: Netta aus Israel, Salvador Sobral, der introvertierte Portugiese, Conchita Wurst, die Grand Dame des ESC, oder Jamila aus der Ukraine, die das Leid ihrer Familie auf der Bühne sichtbar machte. Die S!sters sind vom NDR kurz vor dem Vorentscheid zusammen gecastet worden. Sie sehen gut aus, können gut singen. Wie war das? „Nett ist die kleine Schwester von scheiße“. Authentizität mochte noch niemand feststellen – schon bevor das Gerücht durch Tel Aviv ging, dass eine der beiden bei allen öffentlichen Auftritten eine Perücke trägt, weil ihr ihre eigenen Haare nicht gefielen und sie „zu dünn“ seien…

Es gibt übrigens auch einen Gegenentwurf zu „authentisch“, der funktionieren kann: Professionell (!) gecastete Acts, die auf den Punkt funktionieren. Die Vertreter Islands in diesem Jahr mögen so ein Beispiel sein. Oder in der ESC-Geschichte Dschinghis Khan, Bucks Fizz … aber auch in dieser Reihe sieht die S!sters niemand. 

 

 

  1. Die (Vor-)Entscheidung

Nun mag ja der ein oder andere sagen: „Aber die Zuschauer sind es doch selbst schuld, sie haben ja „Sister“ mit großer Mehrheit gewählt.“ Haben sie, aber welche Wahl hatten sie? Da der NDR im Vorfeld beschlossen hatte, auf „zeitgemäßen Pop“ zu setzen, gab es ja keine andere Wahl im Vorentscheid. Alle anderen Musikfarben (Rock, Dance, Rap, Soul, Disco, Punk, Folk, Schlager…) wurden komplett ausgeblendet, da der NDR wild entschlossen war, es im selben Stil zu versuchen wie bei den Misserfolgen der vergangenen 5 Jahre. Hinzu kommt ein verkopftes Auswahlverfahren der deutschen Acts/Songs, bei dem – vereinfacht gesagt – ein Meinungsforschungsinstitut Menschen ESC-Lieder der vergangenen Jahre vorspielt und anhand deren Beurteilung Rückschlüsse daraus zieht, wie sehr sie den internationalen ESC-Musik-Geschmack der vergangenen Jahre repräsentieren. Auch das kann nicht klappen, denn beim ESC entscheidet das „Momentum“, das Außergewöhnliche – siehe oben. Das kann man nicht am Reißbrett nachstellen und in einen Algorithmus füttern. Zum Glück. Und wenn wir uns erinnern: „Sister“ war der einzige Song, der nicht einmal dieses verkopfte Verfahren durchlaufen hat, sondern vom NDR eine Wild Card bekam, weil man ihn ja so großartig für den ESC fand…

Geradezu lustig in dem Zusammenhang: Noch bevor das Ergebnis 2019 feststeht und analysiert werden kann (der NDR ist sich sicher, es wird ein großartiger Platz für Deutschland, da gibt es gar nichts zu analysieren…), hat er dieses Meinungsforschungsinstitut beauftragt, Juroren für 2020 und hat sich bereits festgelegt, am Erfolgskonzept festzuhalten, dass uns am Samstagabend den xx. (bitte nachtragen) Platz bescheren wird.

 

 

 

  1. Die Vorbereitungen

Ich bin ein Gegner der These, man muss zwischen Vorentscheidung und ESC durch möglichst viele Länder tingeln und die internationalen Fan-Conventions besuchen, um seine Chancen zu erhöhen. Bei diesen Events trifft man zu über 90 % auf die „ESC Bubble“, also Menschen, die wie ich den ESC lieben und die Songs eh schon kennen. Dem Rest der Menschheit ist der ESC in diesem Stadium noch ziemlich egal. Sie interessieren sich genau einen Abend im Jahr für den Wettbewerb – nämlich am Finalabend. Es gibt jedoch zwei bis drei Schlüssel, mit denen man etwas bewirken kann:

– Eine gute Platzierung, zumindest in den heimischen Charts – das lässt Europa schon mal aufhorchen, wenn es heißt, der Song steht (wie in Schweden) seit Wochen in den heimischen Top Ten und hat schon Gold oder Platin eingesackt. „Sister“ stand … nicht einmal unter den Top 100. Warum sollte also Europa ein Lied mögen, das nicht einmal das eigene Land mag?

– Ein starkes Video – Die Videos der ESC-Teilnehmer werden auf dem offiziellen Kanal und anderen YouTube Kanälen fleißig geschaut oder geteilt. „Viral“ nennt man das. Die meisten Videos sind seit Ende Februar im Netz und erreichten mehrere hunderttausend Views. Das Video von „Sister“ gibt es seit… vergangenen Dienstag! Vier Tage vor dem Wettbewerb. Professionell geht anders.

– Eine starke Story – die Fernseh-Kommentatoren der mehr als 40 Teilnahme-Länder wollen etwas zu erzählen haben, das bei den Zuschauern hängen bleibt. Auch da dient als Parade-Beispiel sicher der ukrainische Sieger von 2006, in dem es um das Schicksal der Familie der Interpretin ging. Oder auch der herzkranke Salvador Sobral mit seinem zerbrechlichen Song. Und im vergangenen Jahr Netta mit der „#metoo-Hymne“ „(I’m not Your) Toy“. Oder sogar Michael Schulte, der im vergangenen Jahr die Misserfolgs-Serie der deutschen Beiträge einmal durchbrach. Durch Text und Inszenierung hatte dann auch die letzte Hausfrau in Ascherbaidschan verstanden, wovon der lockige Mann singt. Und die Kommentatoren brachten das dem Publikum rüber. In diesem Jahr? Nachdem man Song und Band zusammengecastet hatte, versuchte man schnell eine Geschichte zu kreieren. Zuerst wurde es als „#metoo“-Song verkauft. Schnell schwenkte man auf „Frauenpower“-Hymne um, Netta Reloaded – „wir Frauen“ sind Schwestern und halten zueinander. Bei der ersten ESC-Probe probierte man es dann als – t.A.t.u. lässt grüßen – Lesben-Nummer mit ganz vielen lesbischen Frauenpaaren im Hintergrund und nachdem die Presse, der man die Story ja eigentlich verkaufen wollte/sollte nur den Kopf schüttelte, ging man zurück auf das „FrauenPower“ Thema und lässt die beiden sich an die Spice Girls anbiedern, in dem sie wechselweise „If You wanna be my sister“ oder „Love Your sister“ ins Publikum rufen. Es bleibt abzuwarten, was sie am Finalabend schreien. Ob das Konzept aber wirklich verfängt…?

 

  1. Der Auftritt

Es gibt beim ESC prinzipiell zwei Wege zum Erfolg: Einen opulenten, bildgewaltigen Auftritt, der in Erinnerung bleibt (Australiens Stab-Performance ist in diesem Jahr ein gutes Beispiel) – oder die Beschränkung auf das minimalistische und den Interpreten selbst. Die Niederlande agieren in diesem Jahr beispielsweise so. Was machen die Sisters – sie stehen auf verschiedenen Seiten der Bühne, wirken fast verloren, laufen aufeinander zu, schreien sich an, stehen Rücken an Rücken … in Erinnerung bleibt da nichts und authentisch und auf die Künstler fixiert… siehe oben.

 

 

Lange Rede, kurzer Sinn:

Welchen Grund soll der gemeine europäische Zuschauer am Samstagabend haben, für die „S!sters“ anzurufen? Oder ketzerisch gefragt: Kann man eigentlich viel mehr falsch machen? Hat man nach den Misserfolgen der vergangenen Jahre-re auch nur ansatzweise verstanden, wie der ESC funktioniert.

Alles andere als ein weiterer letzter Platz für Deutschland wäre für mich und inzwischen für die allermeisten vor Ort in Tel Aviv eine große Überraschung – und ich hoffe, ich habe erklären können, dass das dann sicher kein Zufall oder „Ablehnung gegenüber Deutschland“ ist, sondern wirklich am Song und am Auftritt liegt.

Abschließend noch zu dem Bullshit-Bingo-Satz „Wir sollten endlich aussteigen und denen nicht mehr den ESC finanzieren, die mögen uns eh nicht“ zwei Fakten:

  1. Der ESC kostet zwar Geld (in den vergangenen Jahren 300.000 bis 400.000 Euro), ist damit aber für eine große Samstagabend-Show ein Schnäppchen. „Wetten, dass…?“ kostet(e) am Ende bis zu 2,5 Mio. und auch eine Silbereisen-Carmen-Nebel-Show ist deutlich teurer. Ganz zu schweigen von Fußballrechten. Und irgendwas müsste die ARD an dem Abend ja eh senden, da ist der ESC preiswert. Wenn man dann noch sieht, dass es immer noch eine der meistgesehenen Shows im ganzen Jahr in Deutschland ist, ist es sogar die vielleicht effizienteste und wirtschaftlichste Show des ganzen Jahres. Und eins kommt hinzu: Die Lust, andere scheitern zu sehen. Es gibt zwei Faktoren, die die Quoten in Deutschland in die Höhe treiben. Wenn der deutsche Beitrag als Favorit gehandelt wird, weil alle mitfeiern wollen (siehe Lena oder auch Guildo Horn), oder wenn man den kompletten Absturz erwarten kann, wie in diesem Jahr. Nichts wäre schlimmer als Mittelmaß. Zu sehen, ob Deutschland 12., 13. oder 14. wird, wäre für die meisten unspannend…
    Politik spielt beim ESC viel, viel weniger eine Rolle als viele glauben. In den vergangenen Jahren kamen die spärlichen Punkte für Deutschland sogar oft aus Österreich und der Schweiz, die uns ja angeblich nicht mögen. Und dem Arbeiter in Nord-Mazedonien oder dem Rentner in Rumänien ist es nachher auch recht egal, für welches Land er anruft – er wird für das anrufen, was er mag oder kennt (das „kennt“ ist der Grund, warum zum Beispiel die slawischen oder skandinavischen Länder sich angeblich „Punkte zuschieben“ – auch das ist nicht politisch, sie haben einfach eine gemeinsame musikalische Kultur, sie mögen die gemeinsame Musik und keine politischen Bande). Und es funktioniert auch gar nicht wirklich, ich kann ja nicht jemanden „abstrafen“, da ich nur für einen von 26 Teilnehmern anrufe (siehe oben, „digitales System“, jeder ruft nur für einen Interpreten ab – zu behaupten, er würde damit die anderen 25 „ideologisch abstrafen“ ist Unfug).

Ich hoffe, Ihr könnt es jetzt etwas besser einordnen, wenn es am Samstagabend wieder heißt: „Germany No Points“ und dass es dafür gute Gründe gibt – die der NDR wahrscheinlich wieder nicht analysieren wird, damit er auch 2020 am „Erfolgskonzept“ festhalten kann.

Und sollte es doch anders kommen, erkläre ich Euch ab Sonntag gerne, warum ich Unrecht hatte… 😉


Textquelle/Bildquelle:
Frank Ehrlacher

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