UDO JÜRGENS
smago! exklusiv vorab: Die Udo-Jürgens-Serie "Sein Leben – seine Erfolge"! Teil 2: ""Je t'aime""!

Ein Beitrag mit dem smago! Prädikat „ganz besonders lesenswert“ von René Jochade! 

Zwei Jahre waren seit dem zuletzt Geschehenen vergangen. Zwei Jahre, in denen Jürgen Udo Bockelmann im Alter von zehn, bzw. elf Jahren als Akkordeonist mit Paul Weber in Camp Prasdorf vor Kriegsgefangenen und Bauern seine ersten großen Auftritte hatte.

Die Verhältnisse hatten sich inzwischen soweit normalisiert, daß einer Rückkehr nach Österreich nichts mehr im Wege stand. Die Musik allerdings ließ Udo nicht mehr los. Im Gegenteil: Mit zwölf sah Udo im Theater von Klagenfurt Franz Lehárs "Land des Lächelns", in welches ihn seine Eltern mitgenommen hatten. Udo war so beeindruckt, daß er sofort versuchte, es zu Hause nachzuspielen, was ihm auch scheinbar mühelos gelang. Und dessen nicht genug: Von nun an begann er, auch eigene Stücke zu komponieren, wie jenen entzückenden ""Valse Musette", welcher bereits ahnen ließ, welches Potential in ihm steckt. Auch das Klavier – jener große schwarze Kasten, welcher aussah wie ein Sarg, und welcher ihm früher soviel Angst eingejagt hatte, verlor seine Schrecken für ihn. Er begann, dieses Instrument für sich zu entdecken und zu lieben.

Nur die Schule, die war so gar nicht Udos Ding.

"Ich war ein miserabler Schüler", meint Udo später. Der Lehrstoff interessierte mich herzlich wenig und ich brauchte furchtbar viel Zeit, um mein Pensum zu schaffen. Ich wußte damals schon, daß die Musik mein Lebensinhalt werden würde, und deshalb überzeugte ich meine Eltern in langen Diskussionen davon, daß es gescheiter wäre, wenn ich nach dem Einjährigen vom Realgymnasium abginge. Eines Tages willigten sie ein. Ich durfte ab sofort am Klagenfurter Konservatorium Musik studieren. Hauptfach Klavier, Komposition und Harmonielehre. Gesang nur nebenbei…"

Auch gesundheitlich ging es mit Udo weiter bergauf. Diese Tatsache führte dazu, daß er neben seiner Liebe zur Musik noch eine andere Liebe entdeckte. Nein – nicht die zu jungen Frauen, was nun jeder gleich denken mag, sondern die Liebe zum Boxsport. Jahrein, jahraus war Udo der Prügelknabe seiner Klassenkameraden gewesen, und nun sollte sich das Blatt wenden!

"Ich war ein Boxsport-Experte erster Klasse. Ich wußte von jedem Boxer der Welt, ob er Rechts- oder Linksausleger ist, ob er ein gläsernes Kinn hat, oder wo sonst seine wunden Punkte lagen. Bei großen Kämpfen lieferte ich Vorhersagen über die Sieger, die fast immer stimmten. Ich abbonierte Box-Fachzeitschriften und kaufte mir natürlich auch selbst ein paar Boxhandschuhe. Leider machte mir meine Nase einen Strich durch die Rechnung. Mein Bruder John ist ein klassischer Schwergewichtler. Ich war ihm dagegen in der Technik überlegen. Aber wenn er mir eins auf die Nase gab, die bei mir ja besonders kräftig entwickelt ist, ging ich sofort k.o.! Ich hatte so fürchterliche Schmerzen, daß mir die Tränen in die Augen schossen und mich völlig kampfunfähig machten.

Wenn ich meine Jugendbilder betrachte, muss ich schon sagen – ich war kein besonders strahlender Held!"

Das mit dem Boxsport war also doch nicht das Richtige. Und so kam, was kommen mußte: Udo begann, sich für Mädchen zu interessieren – oder vielmehr interessierten sich die Mädchen für ihn! Seine erste große Liebe hieß Annelie Spitra. Ihr Vater war Inhaber des größten Delikatessengeschäftes von Klagenfurt.

Gekannt hatte Udo sie schon lange Zeit zuvor, denn das Mädchen mit den blauen Augen und dem langen dunklen Haar wohnte auf dem Nachbargut von Ottmanach, nur von einem kleinen Wäldchen getrennt, welches sich hervorragend zu geheimen Treffen eignete…

Udo war fünfzehn, und Annelie die erste große Liebe seines Lebens. Tagelang streifte er durch das kleine Wäldchen, stets in der Hoffnung, Annelie zu begegnen. Wenn er sie traf, überschüttete er sie mit Blumen, welche er vor Verlegenheit gleich bündelweise aus der Wiese riss.

Ein Weilchen ging es gut, bis dann eines Tages die ein Jahr ältere Annelie genug von ihrem hilflosen Anbeter hatte, und nicht mehr zu den geheimen Treffen erschien.

"Sie hatte sich in einen Weinhändler verliebt, der zehn Jahre älter und natürlich schon viel männlicher war. Da konnte ich leider nicht mithalten", so Udo.

Annelie heiratete ihren Weinhändler und Udo wollte sterben…

So tragisch das für Udo gewesen sein mußte, so hatte es doch einen guten Aspekt: Er begann, seine Gefühle kompositorisch zu verarbeiten. Und das Lied, welches er Annelie widmete, konnte nur einen Titel haben: "Je t'aime". Dieses Lied sollte auch später noch eine große Bedeutung für ihn erlangen…

Vorerst jedoch flüchtete Udo sich Hals über Kopf in die Musik. Seine Eltern ahnten nicht, daß er begann, in sogenannten "gepflegten" Etablissements zum Tanz aufzuspielen.

"Manchmal kamen Bekannte zu meinem Vater und sagten: 'Herr Bockelmann, was ihr Sohn da macht, ist wohl auch nicht ganz das Richtige. Der spielt ja in den letzten Kaschemmen von Klagenfurt!' Aber ich habe meine Eltern immer wieder beruhigt. Sie wußten auch nichts von dem sagenhaftesten Engagement, das ich jemals hinter mich brachte. Es war in einem Bierzelt auf dem St. Veiter Wiesenmarkt.

St. Veit ist ein hübsches altes Kärntner Städtchen, zwölf Kilometer von Klagenfurt entfernt. Der Wiesenmarkt hat für die dortige Bevölkerung ungefähr dieselbe Bedeutung, wie für die Bayern das Oktoberfest. Meine Band und ich spielten dort zehn Tage lang von morgens um 9 Uhr, bis nachts um 4 Uhr", erinnert sich Udo.

Eine Band? Ja, Udo studierte damals zwar brav Kompositions- und Harmonielehre, doch die Praxis reizte ihn viel mehr. So ergab es sich also, daß er neben seinem Studium die Udo-Bolan-Band gründete. Udo war ja sein zweiter Vorname und Bolan stand dabei als Abkürzung für Bockelmann.

Aber zunächst zurück zu jenem denkwürdigen Engagement: Udo spielte damals für ganze 15 Mark pro Kopf und Tag. Heute wäre das verboten, damals leider normal.

"Aber ich kam mir sogar noch gut bezahlt vor! Mittags und abends hatte jeder Musiker eine Viertelstunde Pause, in der er an der Theke kostenlos ein paar Würstchen oder einen Schweinebraten essen konnte. Aber während der eine mampfte, mußten die anderen flott weiterspielen. Die Bauern und Viehhändler, die unten saßen und sich langsam vollaufen ließen, hätten das Zelt auseinandergenommen, wenn die Musik plötzlich verstummt wäre. Damals hämmerte ich vierzehn Stunden pro Tag fast ununterbrochen auf dem Klavier herum. Man muß sich das einmal vorstellen! Meine Fingerkuppen sahen verheerend aus. Wenn ich nur leicht darauf drückte, spritzte Blut unter den Nägeln hervor. Jede Viertelstunde mußte ich mit einem Tuch die Tastatur abwischen, weil sie so rot wie eine Schlachtbank war. Warum ich das damals gemacht habe, kann ich mir heute selbst nicht mehr erklären. Vielleicht, weil ich alles, was mit Musik zusammenhing, einmal erlebt haben mußte. Nötig hatte ich es jedenfalls nicht, denn ich verdiente schon recht gut."

Letzteres mag man ihm durchaus glauben, denn er spielte nicht nur in Bierzelten und Soldatenclubs, sondern hatte bereits eine Anstellung beim österreichischen Rundfunk im Studio Klagenfurt gefunden. Mit sechszehn Jahren war er dort Mädchen für alles: Pianist, Sänger, Arrangeur, Kapellmeister, Dirigent, Vibraphonist und Akkordeonspieler.

Im Jahre 1949 veranstaltete der österreichische Rundfunk einen großen Komponistenwettbewerb, und Udo beschloß spontan, daran teilzunehmen. Er erinnerte sich sofort seines Liedes "Je t'aime", welches er aus verschmähter Liebe mit Herzblut komponiert und getextet hatte:

"Je t'aime, laß mich bei dir sein.
Du weißt, ich brauche deine Liebe.
Mit dir war ich nie allein,
meine Hoffnung war, daß es so bliebe."

Kurzentschlossen reichte er es ein. Und was geschah? Unter dreihundert erfahrenen Profis, welche neben ihm am Wettbewerb teilnahmen, erreichte Udo den dritten Platz! Seine Konkurrenz staunte nicht schlecht, als das Ergebnis bekanntgegeben wurde.

Und das war noch nicht alles: Ein paar Jahre später nahm Udo mit dem gleichen Titel an einem Gesangswettbewerb teil, welcher ebenfalls vom österreichischen Rundfunk veranstaltet wurde. Und siehe da, das Wunder geschah: Was ihm als Komponist noch nicht ganz geglückt war, gelang ihm hier als Sänger: Udo gewann diesen Wettbewerb, und zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich wie ein kommender Star…

Lesen Sie in der nächsten Folge: "Ich war noch niemals in New York"!

René Jochade
http.//www.ariola.de
http://www.udojuergens.de

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