UDO JÜRGENS
Udo Jürgens – "Gestern – Heute – Morgen" – Ein persönlicher Nachruf von Holger Stürenburg!

Auch der Hamburger Musikjournalist war „außerordentlich schockiert“, als er am späteren Sonntagnachmittag (21.12.2014) „diese bestürzende Nachricht“ erfuhr, dass Udo Jürgens gestorben ist! 

Gerade zehn Jahre alt war ich geworden, als in mir der Udo-Jürgens-Fan erwachte. In der von mir ab Mitte April 1981 wöchentlich mit Hochspannung verfolgten „Deutschen Schlagerparade auf NDR II“, moderiert von Ilse Rehbein, hatte sich bei einer der ersten Ausgaben, die ich damals zu Gehör bekam, ein Lied des am gestrigen vierten Adventssonntag 2014 so plötzlich verstorbenen Entertainment-Genies Udo Jürgens für mehrere Wochen unübertroffen an der Spitze festgesetzt. Ich erinnere mich noch genau: am 09. Mai 1981 waren wir nachmittags auf dem Stadtparkfest der Hamburger CDU, auf dem sich mein Vater als Hobby-Jürgen-Echternach präsentierte und ich es kaum erwarten konnte, nach Beendigung der Parteifestivitäten, zurück nach Hause zu kommen und dort, kurz vor Halbsechs, Samstagnachmittag, zumindest die letzten drei, vier Titel ebenjener „Deutschen Schlagerparade auf NDR II“ noch mitzubekommen – die Nummer Eins konnte ich noch erhaschen. Es war „Gaby wartet im Park“, mein Einstieg in die musikalischen Welten des Udo Jürgens!

Diese arriviert abgeklärte, etwas trübe und doch so viel Positives und Hoffnungsvolles ausstrahlende Melodie, auf der Basis zeitnaher Synthesizerklänge, verfeinert mit einem wehenden, schwebenden Saxophon, ging mir als Kind umgehend ins Ohr – und hat mein Hörorgan bis heute nicht mehr verlassen.

Zuvor hatte ich von Udo Jürgens höchstens mal „Aber bitte mit Sahne“ im Radio vernommen, der niemals als Single vorgelegte Ragtime-Hammer „Vielen Dank für die Blumen“, diente als mir wohl geläufige Titelmelodie der jeden Dienstag im ZDF-Vorabendprogramm ausgestrahlten Zeichentrickserie „Tom & Jerry“, der Interpret dahinter war mir zu diesem Zeitpunkt noch völlig egal. Aktuelle Schlager galten bis dato in meinem konservativen Elternhaus eher als verpönt; die erste „ZDF-Hitparade“ meines Lebens, im Januar 1981, verdanke ich einer Mischung aus Heimlichkeit und einer klassischen ‚Glück im Unglück‘-Situation. Erst dann erkannten meine Eltern, dass zeitgemäßer deutscher Pop und Schlager dieselbe Bedeutung und Wichtigkeit für ihren Sohn haben könnten, die einst in ihrer eigenen Jugend inzwischen zu „Golden Oldies“ avancierte Genreklassiker eines Peter Alexander oder Glenn Miller, einer Ella Fitzgerald oder eines Bill Ramsey aufgewiesen hatten.

Doch dieses Lied über den hin und her gerissenen Ehemann, der seine viel jüngere Geliebte „Gaby“ in irgendeinem „Park“ treffen möchte, um ein nettes Schäferstündchen mit ihr zu verleben, sich aber, nach langen Überlegungen, schlussendlich doch dazu entschließt, die jugendliche „Gaby“ eben „im Park“ warten zu lassen und reumütig zu seiner Ehegattin zurückzukehren, hatte mich sofort in seinen Bann gezogen – auch, wenn ich, mit gerade mal zehn Jahren, den sehr erwachsenen Textinhalt dieses unvergleichlichen muttersprachlichen New-Romantic-Epos garantiert noch nicht so genau habe nachvollziehen können.

Es folgte im Sommer desselben Jahres, kurz vor der Einschulung in die fünfte Gymnasialklasse, der so monumentale, wie träumerische, gesungene Reisebericht über einen fast surreal anmutenden Moskau-Trip namens „Ich sah nur Sie“ – auch diese vielleicht etwas spröde und doch so tief ins Innerste dringende Chansonballade riss mich umgehend mit. Das dazugehörige Album „Willkommen in meinem Leben“ – bis heute einer meiner ganz persönlichen LP-Favoriten des großen Kärntner Chansonniers – erwarb ich allerdings erst einige Jahre später; damals, mit zehn Jahren, waren mit entsprechendem Taschengeld-Budget eher Single-Käufe an der Tagesordnung.

Doch Ende April 1982 war es, kurz nach den Frühjahrsferien, Zeit für meine allererste Udo-Jürgens-LP – nein, nicht als Vinylausgabe. Leider. Damals meinten meine Eltern, um Platz im Kinderzimmer zu sparen und/oder die Musik auch auf Urlaubsreisen mitnehmen zu können, sei doch eine kleinformatige Music-Cassette viel, viel besser geeignet – die schaurige Klangqualität dieser unglückseligen Miniaturausgaben eines teuren Tonträgers war mir damals noch gar nicht so bewusst. Erst in der „ZDF-Drehscheibe“; kurz darauf, am 25. März 1982, bei Michael Schanzes großer Samstagabend-Musikparade „Show-Express“, hatte Udo Jürgens seine trefflich und liebevoll polemische, äußerst witzig ausformulierte Zeitgeist-Parodie „Die Glotze… und das alles in Farbe“ dem einheimischen Fernsehzuschauer vorgestellt. Diese fungierte als Vorabauskoppelung aus der, wie auch ihr Vorgänger, durch eine enorme Stilvielfalt betörenden 1982er-Studio-LP „Silberstreifen“. Bei „Der Glotze“ hatte Udo Jürgens augenzwinkernd und bravourös gleichermaßen mit schrillen Elementen der damals überall grassierenden Neuen Deutschen Welle experimentiert und auf diese Weise einen fetzigen, widerspenstigen, lyrisch offensiven Synthipop-NDW-Schlager-Mix ausbaldowert, der mich sogleich dazu anregte, mir Ende April 1982, kurz nach Erscheinen, bei „Karstadt“ in der Hamburger Innenstadt, das Gesamtwerk „Silberstreifen“, wohlgemerkt als Cassette (!), zuzulegen! Konsequent für den Frieden eintretend, dabei aber niemals agitativ oder belehrend, zeigte sich Udo im Rahmen dieser noch heute vollst überzeugenden LP in seinem auch in späteren Jahren immer wieder gerne ‚live‘ aufgeführten, radikal ehrlichen Politstatement „Fünf Minuten vor Zwölf“, keck und charmant bat er zudem seine nächtliche Affäre, in locker swingendem Klangkontext, „Bleib doch bis zum Frühstück“ oder hardrockte er überzeichnet brachial und gitarrenverzerrt in gewandten Worten über den klischeebehafteten Kosenamen „Schnucki-Putzi“.

Von nun an war Udo Jürgens endgültig nicht mehr aus meinem erst Schallplatten-, dann CD-Regal wegzudenken. Auch, als ich mich 1982/83 dem lauteren Deutschrock des anderen Udo, des Herbert G., des HRK oder der Kölschrocker „BAP“ öffnete, blieb der unangreifbare Showstar aus Klagenfurt eine stete Konstante in meinem musikalischen Dasein. Er überdauerte meine altersgemäße Verehrung von New Wave und Synthipop, und begleite mich durch unzählige Höhen und Tiefen meiner Schul-, Ausbildungs-, Berufs- und Krankheitsjahre mit immer wieder aufrüttelnden, nachdenklichen, wie zum Amüsieren anregenden Melodien auf höchstem künstlerischen Niveau!

Im Laufe des Sommers 1982 kaufte ich mir auf Flohmärkten einige ältere Jürgens-Scheiben und Best-of-Koppelungen und begann so, das ideenreiche Wirken des Udo Jürgens aus den 60er und 70er Jahren nachzuzeichnen, welches ich mangels Lebensalters selbst noch nicht hatte miterleben können. Mein konservativer Vater mäkelte an manch zeitkritischer Nummer a la „Lieb Vaterland“ oder „Ehrenwertes Haus“ in Löwenthal-Manier herum, aber all dies hinderte mich nicht daran, nach und nach, in den letzten drei Dekaden, eine heute um die 65/70 Vinyl-LPs, ca. 25 Vinyl-Singles, etwa 30 CDs und vier DVDS umfassende Udo-Jürgens-Tonträgersammlung zu errichten!

1983 gab es den ultimativen Sommer-Sonnenschein-Reggae-Evergreen „Die Sonne und Du“ aus allen Radios dieses unseren Landes zu genießen, dazu die gewollt introvertierte, hoch philosophische und musikalisch überwiegend düster daherkommende Hit-LP „Traumtänzer“, bevor vor genau 30 Jahren das allererste Udo-Jürgens-Konzert meines Lebens auf der Tagesordnung stand, genau gesagt, am Dienstag, dem 27. November 1984, im Hamburger CCH Saal I. Kurz zuvor war die erstklassige LP „Hautnah“ erschienen, die wieder Mal einen schieren Großmeister des lyrischen Schlagerchansons in bester Manier an den Tag legte, mit Rock, Swing, Jazz, Ballade und Couplet geradezu hinreißend spielte – und darüber hinaus noch die beiden, bis heute unvergessenen Singlehits „Rot blüht der Mohn“ und „Liebe ohne Leiden“, das legendäre väterliche Duett mit Tochter Jenny, beinhaltete. Fast drei Stunden lang, brachte Udo seinerzeit die Bühne des ansonsten so sterilen Congress Centrums in Hamburg-City, nahe des Dammtorbahnhofs, zum Beben. Und, obwohl ich am nächsten Morgen um 9.00 Uhr brav im (wie ich gerade beim eiligen Durchsehen meines damaligen Tagebuches feststelle) äußerst langweiligen (!) Englischunterricht sitzen musste, (wo wir bei Frau Petersen in jenen Tagen die Kurzgeschichte „The Landlady“ des britischen Schwarzhumoristen Ronald Dahl durchnahmen), erlaubte meine Mutter mir – ich war immerhin gerade mal dreizehneinhalb Jahre alt -, nach der letzten „Bademantel-Zugabe“, gemeinsam mit hunderten anderen Fans, im Foyer des CCH auf den Star des Abends zu warten und mir von diesem auf ein großes Konzertposter ein entsprechendes Autogramm geben zu lassen. Ich war mehr als nur stolz!

Mit schöner Regelmäßigkeit veröffentlichte Udo Jürgens nun nahezu jährlich ein, manchmal gar zwei – und wenn wir die ab Ende der 70er nach jeder Mammuttournee vorgelegten Liveaufzeichnungen mitrechnen – oft drei LPs, später CDs. Diese meist mit immenser Vorfreude von mir (und Hunderttausenden anderen Udo-Jürgens-Jüngern in ganz Europa) sehnlichst erwarteten musikalischen Stellungnahmen trugen immer und durchgehend, ein ums andere Mal, ein extrem hohes Maß an kompositorischer, textlicher, wie natürlich gesanglicher Qualität in sich. Wie ich einmal in einer früheren Rezension schrieb, hat Udo Jürgens Zeit seines Leben viele, viele gute, sehr gute, nicht selten auch wahrhaftig nur als phänomenal einzustufende Alben aufgenommen – ein richtig mieses, wirklich misslungenes Opus war jedoch niemals auch nur in Nuancen darunter. Unter „Guter Durchschnitt“ lässt sich kein einziges Musikstück von Udo Jürgens einordnen. Mit der einen LP verband einen mehr, mit der anderen weniger. Mal erkannte man sich einwandfrei in einem Text selbst wieder, mal genoss man das Besungene vielmehr als stiller Beobachter. Oft waren es gar nicht mal die überdimensionalen Hits, Radioreißer und Fetenaufmischer, die mich persönlich so nah mit dem Künstler verbanden. Ich denke, jeder seiner Fans hat sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte des unerschöpflichen kreativen Tuns von Udo Jürgens stets diejenigen Liedbeiträge herausgefiltert, die sich mit einer ganz engen, spezifischen, vielleicht für andere oft gar nicht so nachvollziehbaren Tragweite und Bewandtnis für einen selbst zieren.

Natürlich mochte ich Udos 1986 erschienene, frivol-augenzwinkernde Reggae-Arie „Jeder so, wie er mag“ sehr gerne hören, auch, wenn meine Mutter, die sich Dank ihres Herrn Sohns ohnehin zunehmend selbst zum Udo-Jürgens-Fan entwickelte, ob der nur angedeuteten, aber niemals ausgesprochenen, mutmaßlich nicht ganz so jugendfreien Tätigkeit, die „jeder so“ ausführen möge „wie er mag“, einwenig moralische Bedenken bekam, und ich mich, der ich nie ein besonderer Freund der Partei der Grünen war, über Udos pointierte Textzeile „Grüne tun’s aus Prinzip nur im Wald“ (mir vorstellend, wie Ludger Vollmer unter prächtigen Baumkronen, von eindeutigen Absichten beseelt, mit Jutta Ditfurth anbandelte), ganz besonders amüsiert zeigte. Aber MEIN unübertreffbares Lieblingslied aus der dazugehörigen LP „Deinetwegen“ ist und bleibt bis heute die traumhaft romantische Liebeserinnerung „Du hörst dasselbe Lied im RADIO“. Wenn ich dieses kompakte, großbürgerlich-urbane Popchanson höre, läuft es mir noch heute, 28 Jahre nach seinem Entstehen, genüsslich kühl den Rücken herunter: Ein Mann hatte eine Frau kennengelernt; nach einer verliebten Nacht schrieb er ihr seine Telephonnummer auf ein kleines Stück Papier. Beide kehrten daraufhin, voneinander getrennt, zurück in ihr jeweiliges eigenes Leben – und der Protagonist hofft inständig, dass seine Affäre gerade jetzt, in dieser Sekunde, im Radio eben genau jenes Lied hört, zu dem sie am vorrangegangenen Abend als allererstes getanzt hatten, sich in Anbetracht dessen dieses kleinen Zettels mit der Nummer in ihrer Tasche erinnert, zum Telephon greift, das „Lied-Ich“ anruft – und diesem vielleicht die Chance auf ein Wiedersehen einräumt. Ich habe so eine Geschichte nie erlebt, trotzdem lässt Udo Jürgens in diesem kleinen, niemals als Single ausgekoppelten, kaum weiter beachteten Meisterwerk vermutlich jeden Zuhörer genau das authentisch und voller Intensität nachempfinden, was der Protagonist in den abgeklärten Stunden nach seinem ‚One Night Stand‘ durchdenkt, durchlebt und durchleidet.

Am Freitag, dem 27. März 1987, folgte Udo Jürgens-Konzert Numero Zwei, abermals im Hamburger CCH; am 18. November 1989 – nur ganz wenige Tage nach dem kaum mehr für machbar gehaltenen Fall der Berliner Mauer – das nächste, ebenfalls im größten Saal des CCH am Dammtorbahnhof. Wobei bei diesem Auftritt Udos schon im Februar 1988 für die Top-15-LP „Das blaue Album“ entstandener (damals allerdings noch als rein fiktiver Wunsch gedachter) Power-Hymnus „Moskau – New York“ mit seiner inzwischen Legendenstatus innehabenden Textzeile „In Berlin wird die Mauer / von beiden Seiten zerschlagen / als gemeinsame Fackel / wird Freiheit ins Morgen getragen“ längst eine neue, vollkommen unerwartete Bedeutung bekommen, ja eine kraftvolle, von den Menschen jenseits der Zonengrenze friedlich durchgesetzte Realisierung erfahren hatte.

Auch in den 90er Jahren veröffentlichte Udo Jürgens eine LP- später CD-Glanzleistung nach der anderen. Das originell rockige, gitarrenlastige 1991er-Kabinettstück „Geradeaus“ machte seinem Titel in puncto Energie, Direktheit und Durchsetzungskraft alle Ehre; zum unter dem Motto dieser Produktion stehenden Hamburger Konzert am 06. Februar 1992 begleitete mich erstmals meine Mutter und war ebenso fasziniert vom dort Dargebotenen wie ich, der ich, obwohl erst 21 Jahre alt, längst ein ‚alter Hase‘ in Sachen Udo-Jürgens-Verehrung geworden war. Der humorvolle, ungewohnt satirische Pop-Rocker „Na und?“, versehen mit koketten Wortspielereien aus der Feder von „E.A.V.“-Mastermind Thomas Spitzer, zählte ebenso zu meinen „Geradeaus“-Favoriten, wie das elitäre, intensiv vorantreibende, strikt geradlinige Rockchanson „Verloren in mir“ – eine weitere klingende Perle im unerschöpflichen Liedfundes von Udo Jürgens, die, so glaube ich fest, in unseren Breitengarden kein anderer Sänger, Musiker, Komponist so graziös und verletzlich, wie aufstrebend und prallgefüllt mit unbändiger Liebe und Leidenschaft zu einem perfekten tönenden Vulkan vereint hätte zusammenzaubern können, wie es der unvergleichliche Weltstar Udo Jürgens in gerade diesem machtvoll vorgetragenen Lebenselixier in Songform vermochte. 1994 erschien die ebenso famose, wenn auch wieder mehr swing- und poporientierte Silberscheibe „Café‘ Größenwahn“. Aus dieser kurzweilig-peppigen Songkollektion stach für mich persönlich wiederum ein Titel ganz ausgeprägt herzlich, wie nachhaltig, heraus, der davon abgesehen jedoch keine besondere Hervorhebung, sei es als reguläre Kaufsingle, oder als Promo-Auskopplung, zuerkannt bekommen hatte. Dies war damals, im Herbst 1993, Udos so burschikos beschwingte, wie lustvoll selbstironische Reminiszenz an eine offenkundig historisch singulär verbleibende erste Liebe, die da hieß „Keine war so wie Du“ und von mir in jenen Tagen aus ureigenen Gründen Wort für Wort nachvollzogen werden konnte. Nach dem Münchener Konzert zu diesem erneuten, ganz und gar nicht ‚größenwahnsinnigen‘ Udo-Höhepunkt – ich war inzwischen aus Ausbildungsgründen aus dem Hohen Norden in die bayrische Landeshauptstadt gezogen – am 13. November 1994, wurde mir sogar die außergewöhnliche, wahrlich für einen „normalen Fan“, der ich damals, vor meinem Einstieg in den Musikjournalismus noch war, nicht alltägliche Ehre zuteil, den Maestro ad Personam zu einem kurzen Gedankenaustausch hinter der Bühne der großen Olympiahalle zu treffen und somit erstmals (und leider auch letztmals) in meinem Leben ein paar Worte mit diesem Idol meiner Kindheit und Jugend wechseln zu können.

Und im Laufe der letzten Jahre, als ich selbst, hinter den Kulissen versteht sich, als Berichterstatter, CD-Rezensent und Konzertkritiker in die Musikszene einstieg, war die jeweilige neue CD oder DVD von Udo Jürgens stets und regelmäßig ein mit exklusiver Vorliebe von mir bearbeitetes Topthema. Ich gebe unumwunden zu, dass ich mich im Herbst 2005 an das Album „Jetzt oder nie“ erst ganz langsam gewöhnen musste. Die 15 Titel daraus brauchten tatsächlich einige Zeit, bis ich mich mit ihnen anzufreunden schaffte. Aber spätestens, als ich am Samstag, dem 25. Februar 2006, in der Hamburger „Color Line Arena“ das dazugehörige, selbstverständlich wieder mal über drei Stunden lang andauernde Konzert in Augen- und Ohrenschein nehmen konnte, war ich endgültig nun auch in das grazile, vielleicht einwenig schwerfällige Repertoire von „Jetzt oder nie“ regelrecht verschossen.

Wie auch vor einiger Zeit auf Smago.de zu lesen war, haute mich auch und insbesondere Udos nun leider allerletzte Studioarbeit „Mitten im Leben“, im Frühjahr diesen Jahres dem Markt zugeführt, schon innerhalb der ersten Sekunden des titelgebenden Eröffnungsliedes mit vollster Wucht vom sprichwörtlichen Hocker. Mit ihrer kongenial austarierten Melange aus großorchestraler Monsterballade, drallem, fetten Big-Band-Swing in bestem Sinatra-Style und gar „Status-Quo“-gemäßen Boogie-Rock-Anleihen, zeigte diese phänomenale Songsammlung einen überaus aktiven und attraktiven Lebemann, der noch kurz vor seinem 80. Geburtstag ihrem Titel gemäß wahrhaftig und unverbrüchlich „Mitten im Leben“ stand.

Diesen, seinen 80. Ehrentag hatte dieser stete musikalische Reisebegleiter unseres Zeit-, wie Gefühlsgeschehens, der nicht nur als Künstler, sondern zugleich als Mensch, als Zeitgenosse, auch als politisch interessierter, historisch versierter Beobachter und Nachdenker, eine ganze Menge Überlegenswertes mitzuteilen hatte, noch voller Freude, umringt von jungen Kollegen und alten Weggefährten, mittels einer umfangreichen, nicht unumstrittenen, aber dennoch absolut liebgemeinten ZDF-Gala Show zelebrieren können.

Und dann, an einem deprimierenden, dunklen, stürmischen Vorweihnachtstag, dem IV. Adventssonntag, als ich soeben mit einem befreundeten Hamburger Schlagersänger, der Udo Jürgens mindestens genauso sehr verehrte, wie ich, telephonierte, ihm manch eigenes Leiden schilderte, er mir daraufhin kraftvoll freundschaftliche Unterstützung versprach… stand, wie heute, 22.12.2014, auf Smago.de ganz zurecht und ohne jegliches Pathos geschrieben wurde, ohne zu übertreiben „die Welt still“.

Die Welt des großen Entertainments, des anspruchsvollen, generationenübergreifenden Popschlagerchansons, steht still, weil der Grandseigneur dieses Metiers am Sonntag, dem 21.12.2014, beim Spazierengehen unerwartet und unvorhergesehen an plötzlichem Herztod verstarb.

Für viele von uns, deren musikalisches Leben von Udo Jürgens‘ unzähligen Liedern gekennzeichnet, geprägt, begleitet wurde, steht die Welt in diesen Stunden tatsächlich still. Aber hätte der Künstler selbst dies gewollt? Einen Stillstand? ein Stillstehen der Welt?? Dies wäre für einen rastlosen, ruhelosen kreativen Geist, wie Udo Jürgens einer war, schlicht unvorstellbar gewesen. Nie im Leben hätte er an so etwas auch nur im Entferntesten gedacht. Nein, ein Udo Jürgens möchte vielmehr, dass wir uns jetzt und in Zukunft an seinen unübertrefflichen Liedern und Chansons weiterhin erfreuen, über sie nachdenken, sie nachvollziehen, sie vielleicht so oder ähnlich selbst erleben, ja, sogar, auch uns an ihnen und ihren Inhalten reiben und gehörig und angeregt über diese diskutieren.

Mögen alle Rapper, Hip-Hopper, Ballermänner, Pop(o)-Miezen und Banal-Rocker des Heute und Hier, die dieser Tage die Hitparaden mit oft ungenießbaren Kantaten beherrschen, schon in ein paar Wochen als ein gesungenes (? – gelärmtes??)  Gestern, als personifiziertes Schnelllebiges, Vergangenes dastehen. Udo Jürgens‘ klangvolle Zeitzeugnisse dagegen jedoch gelten, wie seine Ende 1996 veröffentliche Konzept-Kompilation schon in ihrer Betitelung aussagt: Gestern – Heute – Morgen“!

Holger Stürenburg, 22.12.2014)
http.//www.ariola.de
http://www.udojuergens.de

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