RALPH SIEGEL
Mehr als ein bisschen Siegel – 44 Jahre Ralph Siegel beim "Eurovision Song Contest" – Teil 2!

Diesmal geht es um die Jahre 1998 bis heute (im wahrsten Sinne des Wortes!), 2016! Ein Gast-Beitrag von Frank Ehrlacher …: 

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Der Grand Prix 1998 stand von Anfang an für die "klassische" Schlager-Branche unter keinem guten Stern: In Kooperation mit der "BILD"-Zeitung wurde Guildo Horn bereits im Vorfeld zum großen Favoriten des Vorentscheids auserkoren – noch bevor die anderen Teilnehmer überhaupt feststanden. Ralph Siegel ließ sich trotzdem nicht unterkriegen und drei seiner Songs wurden auch vom NDR ausgewählt: "Can Can" mit der Gruppe "Ballhouse", "Kids" mit Sharon Brauner und "Carneval" von der "Hit Company", die für diesen Auftritt in "Köpenick" umbenannt wurde. Das Unterfangen war chancenlos – WIE chancenlos zeigte das Ergebnis: 61,8% für Guildo Horn und nur 10,6% für den Zweitplatzierten; das war immerhin das Duo "Rosenstolz", die mit diesem Vorentscheid ihre ganz große Karriere starteten und bewiesen, gegen Guildo Horn hatte in diesem Jahr niemand eine Chance.

1999 sollte alles anders werden – und doch ein weiteres Déjà Vu bringen. Der NDR hatte sich innerhalb der EBU durchgesetzt und den Sprachzwang abgeschafft. Während die meisten glaubten, es sei nun fast schon zwingend Englisch zu singen, verstand Ralph Siegel den Geist des Reglements und setzte ihn anders um: Er engagierte die türkische Band "Sürpriz", die ganz Multi-Kulti in türkischer und deutscher Sprache, für das internationale Publikum in englischer Sprache und als Reminiszenz an das Gastgeberland Israel auch noch teilweise in Hebräisch sang. Der Titel "Reise nach Jerusalem" passte ebenfalls zum Austragungsort des ESC und das genau 20 Jahre nach dem Erfolg von "Dschinghis Khan" an gleicher Stelle. Alles war perfekt – außer dem Ergebnis des Vorentscheids. Den gewann nämlich die blinde Sängerin Corinna May mit ihrer berührenden Ballade "Hör den Kindern einfach zu". "Sürpriz" belegten einen hervorragenden, aber undankbaren zweiten Platz. Aber dann wiederholte sich die Geschichte von 1976: Fünf Tage nach dem Vorentscheid stellte sich heraus, dass der Siegersong in englischer Version bereits Jahre zuvor veröffentlicht worden war. Ein klarer Regelverstoß, der zur Folge hatte, dass Corinna Mays Song disqualifiziert wurde und stattdessen die bunte Siegel-Truppe fuhr und ihren Job in Jerusalem hervorragend machte: Platz 3 im internationalen Finale und lange sah es so aus, als sei der zweite Sieg für einen deutschen Beitrag durchaus möglich. Mit Ausnahme von Lenas Sieg 2010 übrigens die beste einzige Top 3-Platzierung für Deutschland in den vergangenen 20 Jahren. Die letzte davor holte… richtig, ebenfalls ein Siegel-Song, "Wir geben ne Party" 1994.

Ralph Siegel wollte allerdings Corinna May eine zweite Chance geben und bot ihr im folgenden Jahr an, mit einer Komposition von ihm beim Vorentscheid anzutreten. "I Believe In God" hieß der Song – das erste Mal, dass Siegel eine komplett englischsprachige Nummer zum deutschen Vorentscheid einreichte. Leider traf er da auf einen alten Bekannten, der seine Medienmacht wieder konsequent ausspielte: Stefan Raab trat diesmal selbst als Interpret auf die Bühne und ließ mit "Wadde hadde dudde da?"  und 57,4% wieder einmal die gesamte Konkurrenz chancenlos aussehen. Für Corinna May und Ralph Siegel reichte es zum 2. Platz, aber wie so oft: Der zweite Sieger war der erste Verlierer. Aber für Corinna sollten aller guten Dinge später Drei sein…

Das Jahr 2001 brachte zunächst aber mal wieder zwei Siegel-Songs in die Vorentscheidung: Die German Tenors sangen "A Song For Our Friends" und die rothaarige Lou Hoffner feierte als "Lou + Band" eine "Happy Birthday Party". Die Plätze 3 und 4 waren für die beiden Newcomer-Acts toll und es war im Super-Finale der besten 3 mit 28,7% sogar noch recht knapp für Lou – das Ticket nach Kopenhagen ging aber an die damals schon sehr erfolgreiche Michelle und ihre Power-Ballade "Wer Liebe lebt".

Wenn man Ralph Siegel dann und wann nachsagt, er halte nicht an seinen Künstlern fest und serviere sie nach einem vermeintlichen Misserfolg ab, so stimmt dies ganz und gar nicht. Schon Maxi + Chris Garden hatte er 1987 und 1988 zwei Chancen gegeben, bis es endlich klappte – und auch mit Corinna May startete er einen zweiten Anlauf, für Corinna sogar der dritte. "I Can't Live Without Music" war ihr 2002er Song – sicherlich eine der poppigsten Kompositionen, die Ralph Siegel jemals zum Grand Prix eingereicht hat. Trotz starker Konkurrenz reichte es gegen Joy Fleming, Nino de Angelo, die Kelly Family, Ireen Sheer und deine Dieter Bohlen-Produktion souverän zum Sieg sowohl in der ersten als auch in der zweiten Wertungsrunde – Beim ESC in Tallinn verließ die beiden allerdings dann das Glück. Und auch hier wurde ein Vorurteil widerlegt: Alle, die Ralph Siegel unterstellten, dass Corinna einen Bonus für Gehandicapte ausspielte, sahen sich Lügen gestraft und merkten wie unendlich schwer es ist, sich als Nichtsehende in einer Fernsehshow, in der es mehr und mehr auf visuelle Effekte ankommt, richtig in Szene zu setzen.

Aber auch 2003 bekam eine Siegel-Entdeckung ihre zweite Chance und nutzte sie: Lou, die Drittplatzierte von 2001, sang das fröhliche "Let's Get Happy" mit der schelmisch-zweideutigen Zeile "Let's Get Happy and let's be gay" und konnte die Vorentscheidung für sich entscheiden. Es war übrigens einer der wenigen Jahrgänge, in dem ein Superfinale Sinn machte: Die 1. Wertungsrunde mit 14 Songs gewann noch die "Gerd Show" mit "Alles wird gut" – beim ESC-Finale blieb uns der singende Kanzler-Imitator dann aber doch erspart, denn das Dreier-Finale entschied Lou mit 38% der Stimmen für sich und sorgte für Ralph Siegels 14. Grand Prix-Beitrag für Deutschland.

2004 war überarschenderweise kein Siegel-Song in der deutschen Vorentscheidung und auch 2005 schien es auf den ersten Blick so – allerdings kamen einigen Branchen-Insidern (und dem Autoren dieses Beitrags hier) die Autoren des Songs "A Miracle Of Love" nach Anhören desselben recht merkwürdig vor: Mario Mathias (Musik) und Jim Leary (Text)… und richtig, der Name Jim Leary tauchte in den 1990er Jahren schon mal als Pseudonym für Bernd Meinunger auf und klang der ganze Song nicht sehr nach einem "echten" Siegel? Kurz vor der Vorentscheidung outete Ralph Siegel sich: Er hatte den Song für die beiden ehemaligen "DSDS"-Teilnehmer Nicole Süssmilch und Marco Matias geschrieben und produziert, wollte aber zunächst, dass man ihn unvoreingenommen hört. Und um ein Haar hätte es mit dem deutsch-siegelschen Grand Prix-Beitrag Nummer 15 geklappt: Die erste Abstimm-Runde mit 10 Songs hatte die Siegel-Nummer bereits für sich entscheiden, aber es war noch eine 2. Runde zwischen den beiden Erstplatzierten des Ersten Wahlgangs angesetzt, in dem Siegel – vielleicht auch begünstigt durch tendenziöse Bemerkungen Reinhold Beckmanns bei der Abstimmung, die Zuschauer sollten sich zwischen dem "altmodischen" Schlager Siegel'scher Prägung und dem "modernen" Sound von Gracia (für den Siegels langjähriger Weggefährte David Brandes sorgte) entscheiden. Die Entscheidung fiel denkbar knapp mit 52,8% zu Gunsten von Gracia aus, die mit "Run And Hide" dann beim Finale in Kiew sang- und klanglos auf dem letzten Platz landen sollte…

"Hätten wir das mal den Siegel machen lassen" – haben sich die meisten in der Branche gedacht – nicht aber offensichtlich der federführende NDR. In den folgenden 10 Jahrgängen wurden nämlich sämtliche Kompositionen, die Ralph Siegel für deutsche Vorentscheidungen eingereicht hatte, abgelehnt. Die Gründe sind nicht bekannt – Insider berichten, dem NDR sei nach dem "Fast-Sieg" 2005 klar geworden, das Siegel in jedem Jahr eine reelle Sieg-Chance habe, man wolle aber partout nicht mit einem Siegel-Song zum Finale fahren, um den Wettbewerb zu modernisieren. Wie dem auch sei, in jedem Fall scheint der NDR seine Meinung geändert zu haben – oder das Angebot 2016 war einfach zu gut um es abzulehnen: Nach 11 Jahren Pause nimmt Ralph Siegel mit "Under The Sun We Are One" wieder an einer deutschen Vorentscheidung zum ESC teil und darf auf seinen 15. Beitrag für sein Heimatland hoffen.

Ralph Siegels Bilanz bisher:

In 44 Jahren nahm er an 24 Vorentscheidungen mit insgesamt 44 Songs teil

Bei den 24 Vorentscheidungen, an denen er teilnahm, kam er
 

  • 22 Mal unter die ersten 3 (nur im ersten Jahr 1972 und im "Guildo-Horn-Jahr" 1998 gelang ihm das nicht),
  • 13 Mal gewann er (die 14. Teilnahme für Deutschland schaffte er mit der Direkt-Nominierung für "MeKaDo")
  • 9 Mal belegte er den zweiten Platz

 

Hinzu kommen
 

  • 4 Beiträge für San Marino
  • 3 Beiträge für Luxemburg
  • jeweils 1 Song für die Schweiz und Montenegro
  • sowie 1 Teilnahme als Produzent für Malta

     

Eine beeindruckende und einmalige Bilanz – und wir dürfen gespannt sein, wie er diese am Donnerstag-Abend mit Laura Pinski und "Under The Sun We Are One" fortschreiben kann.

Frank Ehrlacher – exklusiv für smago!
http://www.jupiter-records.de/
https://de.wikipedia.org/wiki/Ralph_Siegel


Textquelle/Bildquelle:

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