SARAH CONNOR
Köstliche Kolumne von Frank Ehrlacher: „Vincent kriegt kein‘ hoch, wenn er an Jeanny denkt“ …

– oder so ähnlich! „Der ultimative Chart (Show) Experte schreibt …:

 

Darf ich mal „kurz“ versuchen, diese Provinzposse um Sarah Connors „Vincent“ und den angeblich homophoben Radio-Boykott auf Seite 1 der „Bild“-Zeitung einzuordnen?

Denn wenn man sich die Fakten mal genauer anschaut, ist da ganz wenig dran – aber eine super PR-Aktion 😉

Die Älteren unter Euch werden sich noch an „Jeanny“ erinnern – „Jeanny“ von Falco erschien Ende 1985 als Single und deutete im Text und dem dazugehörigen Video ein (fiktives) Sexualdelikt des Sängers an – und nachdem sich Dieter Kronzucker im „heute journal“ mal so richtig darüber aufgeregt hatte, ging der Song auch auf Platz 1 der deutschen Charts – und die meisten Radiosender boykottierten den Song. Was hat das jetzt mit Sarah Connors „Vincent“ zu tun? Richtig, eigentlich nichts.

Der erste Blödsinn liegt darin, dass verbreitet wird, „das Radio“ boykottiere den Song, weil es um eine gleichgeschlechtliche Beziehung geht und die Sender und Redakteure seien homophob. – wie es zum Beispiel Regisseurin Anika Decker heute auf Seite 1 der Bild behauptet. Nun, man kann den RedakteurInnen zwar nicht in den Kopf schauen, aber bisher hat keiner gesagt, dass man den Song nicht spielt, weil es darum um einen schwulen Mann geht. Wäre auch ziemlich retro, diese Diskussion hatten wir mal 1976 (!) bei Bernd Clüvers (!!) „Mike und sein Freund“, aber allerspätestens seit Bronski Beats „Smalltown Boy“ ist ein Tabu dieses Themas kein Thema mehr. Immerhin 35 Jahre her! Grund für den „Boykott“ ist einzig die erste Zeile „Vincent kriegt kein‘ hoch, wenn er an Mädchen denkt“ – ich wette, wenn sie gesungen hätte „Vincent kriegt kein‘ hoch, wenn er an Sarah denkt“, wäre die Reaktion nicht anders ausgefallen. Was hier (von einigen (!)) als schwierig angesehen wird, ist alleine die Ausdrucksweise – und nicht, Homosexualität zu thematisieren. „Offensive explicit lyrics“ nennen das die Amerikaner. Und Peter Plate, der den Song mit Ulf Leo Sommer, Daniel Faust und Sarah geschrieben hat, gibt selbst zu, dass diese Zeile ganz bewusst am Anfang des Songs steht. Und die Provokation wurde gerne in Kauf genommen – der „Boykott“ auch.. aber dazu später mehr.

… und à propos „Boykott“: Es gibt kein Gesetz in Deutschland oder eine Verordnung, die Rundfunksender zwingt, Sarah Connor-Platten zu spielen. Das ist ihr in ihrer Karriere schon einige Male passiert und deutschsprachige Platten haben es im Funk eh schwer – unter den Top Ten der offiziellen deutschen Airplay-Charts waren in diesem Jahr bisher nur rund 5 % deutschsprachige Titel und 95 % internationale. Werden die deutschen Songs also alle „boykottiert“? Nein, sie werden einfach nicht gespielt. Das kann eben ganz viele Gründe haben, neben der provokanten ersten Zeile und vielleicht, dass dem ein oder anderen die Nummer schlicht nicht gefällt oder Frau Connor ihnen zu viel schreit, gibt es da einen anderen Hauptgrund: Der Song dauert 4 Minuten und 43 Sekunden – und eine alte Radio-Weisheit besagt „Du darfst im Radio über alles singen – nur nicht über 2:30“. 3 Minuten gelten heute als das absolute Maximum für einen Song. „Vincent“ ist also schlicht und einfach „zu lang“. Alles Gründe, weshalb es Unfug ist, von einem „Boykott“ zu sprechen. Wäre der Song wie „Jeanny“ Platz 1 in allen Charts und das Radio würde ihn dann bewusst nicht spielen – das wäre ein Boykott. Aber hier ist es viel schlichter – die Kollegen spielen den Song nicht.

So wird aus einem
„Deutsches Radio boykottiert Song aus Homophobie“
sehr schnell ein
„Einzelne Radiosender spielen Song nicht wegen anzüglicher Titelzeile“
– entspricht eher der Wahrheit, taugt aber nicht für Shitstorm und Kampagne, denn…

… die Pointe zum Schluss: „Vincent“ ist ja gar nicht so neu, sondern bereits vor zwei Monaten, am 05. April 2019 erschienen – und der Erfolg war eher verhalten: Auf Platz 29 in die Charts eingestiegen, fiel der Song schon in der zweiten Woche auf Platz 73… Das Publikum hat den Song also gar nicht sooo toll angenommen, dass jetzt jeder Radiosender hätte denken müssen: „Das muss ich unbedingt spielen“. Sarah Connor hatte auch bereits eine zweite Single aus dem Album ausgekoppelt… und nun kommt plötzlich „jemand“ auf den Trichter „Warum haben diese homophoben Rundfunksender eigentlich vor zwei Monaten diesen Song boykottiert“ und macht via Bild und Co. ein Riesenfass auf? Und das zuuuufällig in der Woche, in der das neue Album von Sarah Connor erscheint, auf dem genau so zuuuuufällig „Vincent“ drauf ist? Ein Schelm, wer böses dabei denkt. 😉 Aber es funktioniert: Das Album wird mit Sicherheit auf Platz 1 der deutschen Album-Charts einsteigen und die Single, die schon bis Platz 77 gefallen war, wird am Freitag wohl irgendwo auf einen Platz zwischen 10 und 15 steigen – also so hoch, wie sie vor dem medialen Ballyhoo der vergangenen Tage nicht mal ansatzweise war. Geht doch!

Vincent kriegt ein‘ hoch und Sarah kriegt auch wieder ein Hoch – in den Charts…

 

 

Wie Frank Ehrlacher smago! exklusiv verriet, mag er den Song übrigens (- auch schon vor dem ganzen Medienrummel) …


Textquelle/Bildquelle:
Facebook-Seite von Frank Ehrlacher (Textvorlage)

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