"EUROVISION SONG CONTEST 2016"
smago! Gast Kolumne von Frank Ehrlacher: "1. ESC-Halbfinale"!

Der ultimative Chart-Mann verbringt diese Woche in Stockholm! 

ESC's miteinander zu vergleichen, hat inzwischen etwas von Juan Antonio Samaranch, für den die aktuellen Olympischen Spiele immer "die besten aller Zeiten waren". Insbesondere in Moskau 2009 und Baku 2012 war ein Gigantismus eingekehrt, dem erst Malmö 2013 durch seine liebevoll-skandinavische Art wieder etwas entgegensetzte. Da will sich die Hauptstadt Stockholm natürlich auch nicht lumpen lassen und das Ergebnis der ersten Woche ist "Well done, Stockholm". Nicht besser, schöner, höher, schneller, weiter als die vergangenen Jahre, aber das Niveau gehalten.

Ergebnistechnisch deuteten schon die Wettquoten und die Proben-Tage an, dass dieses Jahr kaum ein Weg an Russland vorbeiführen wird. Sergey Lazarevs Pop-Song "You Are The Only One" von einem griechisch-britischen Autorenteam mit russischem Einschlag ist eingängiger Euro-Pop ohne Höhen – seine Show, vor einer Leinwand, war auch schon mal da, auch wenn keiner weiß, wie er es macht, die Leinwand während der Performance zu erklimmen. Das Gesamtpaket stimmt, ohne im Einzelnen etwas Besonderes zu bieten: Es gibt keinen speziellen Grund ihn zu wählen – aber auch keinen Grund, ihn nicht zu wählen. Das macht ihn zum Favoriten Nummer 1 auf den diesjährigen ESC-Sieg.

Härtester Widersacher könnte nach den bisherigen Eindrücken aus Stockholm der Niederländer Douwe Bob mit seiner Pop-Country-Nummer "Slow Down" werden. Er erinnert hier viele fatal an die "Common Linnets" 2014. Auch damals war die Nummer nach dem Durchhören der Songs als "ganz nett, aber belanglos" eingestuft worden – auf der Bühne überzeugte sie dann durch Schlichtheit oder hier passend zum Text "Entschleunigung". Und wem das noch nicht reicht, bei dem sorgt die zehnminütige Pause mitten im Song für den "Wiedererkennungswert". Sicherlich bisher die positive Überraschung der Tage von Stockholm.

Eine Nummer, an der sich die Geister scheiden, ist das französischsprachige Disco-Chanson "Loin d'ici" aus Österreich. Gerade für die "traditionellen Grand Prix-Fans" war der Song von Anfang an mehr als nur ein Favorit für die Finalteilnahme und auch er punktet durch eine gewisse Schlichtheit. War Interpretin Zoe noch bei der Vorentscheidung "immer in Bewegung" steht sie nun ausdrucksstark charmant einfach nur da und singt ihr Leid. Eine merken allerdings an, nach hinten hin ginge der Komposition etwas die Luft aus und ob das Disco-Gewand, das es in der Ursprungsversion nicht hatte, dem ganzen guttut, sei dahingestellt. Bedenken, die viele auch bei Ralph Siegels 2013er Beitrag "Crisalide" hatten, bei dem bis heute viele nicht verstehen, wie er das Finale verpassen konnten. Diese Hürde hat Zoe für Österreich schon einmal genommen.

Auch Nummern mit deutsch(-sprachig-)er Beteiligung qualifizierten sich bereits fürs Finale: Der kroatische Beitrag "Lighthouse" wurde von Thorsten Brötzmann, Ex-Produzent der "No Angels" und "Macher" der deutschen Erfolgs-Mixe für Christina Stürmer, produziert, geschrieben haben ihn zwei Wiener, die 2013 bereits für Österreich antraten,

Die armenische Teilnehmerin Iveta Mukuchyan wuchs in Hamburg auf und nahm im Team von Xavier Naidoo – den sie ja um ein Haar in Stockholm wiedergetroffen hätte – an der zweiten Staffel von "The Voice Of Germany" teil. Inzwischen lebt sie wieder in Armenien – die Verbundenheit zu ihrer Heimat, wollte sie im ""Green Room" am Dienstag durch das Schwenken der Fahne der völkerrechtlich nicht anerkannten Region Bergkarabach schwenken – das kam bei der Delegation aus Aserbaidschan gar nicht gut an und dürfte auch im Nachgang noch Konsequenzen haben.

Musikalisch setzte sich auch Aserbaidschan mit dem gefälligeren "Miracle" aus der Feder von schwedischen Songwritern durch – auch hier hatte ein Deutscher zumindest teilweise seine Hände im Spiel, der Frankfurter Verleger Manfred Holz, der mit der 70s-Retro-Disco-Nummer "I Didn't Know" für San Marino leider im Semi-Finale hängen blieb…

Damit wären wir bei den Verlierern: Griechenland und Bosnien-Herzegowina schafften es beide nicht mit eingängigen Folk-Melodien kombiniert mit Rap-Parts durchzusetzen. Auch in Skandinavien herrscht Katzenjammer: Finnland und Island blieben beide im Halbfinale hängen – da auch Norwegen und Dänemark im zweiten Semi-Finale nicht hoch gewettet werden, droht das Finale mit der Ausnahme des Gastgebers Schweden ohne skandinavische Beteiligung stattzufinden.

Auch der "Harcore Krach" aus Montenegro verpasste das Klassenziel Finalteilnahme ebenso wie die Beiträge aus Moldau und der Pseudo-Crooner aus Estland.

Wiedersehen werden wir am Samstag hingegen Frauenschwarm (ok, beim ESC auch Männerschwarm) Freddie aus Ungarn, Ira Losco aus Malta, die vor 14 Jahren mit "7th Wonder" schon einmal Zweite im Finale wurde, die Rock-Band "Minus One" aus Zypern, deren Song "Alter Ego" von Thomas G:son, dem Autor des 2012er Siegers "Euphoria" mit-geschrieben wurde und zur Überraschung der meisten Experten Gabriela Guncikova aus der Tschechien Republik.

Zehn weitere Namen kommen Donnerstagabend dazu, Gastgeber Schweden und die "Big Five" Italien, Spanien, Großbritannien, Frankreich und Deutschland stehen als Finalteilnehmer bereits fest. Dann werden wir sehen, ob 2016 ein Weg an Russland vorbei führt und ob Deutschland es schafft, den letzten Platz aus dem Vorjahr erfolgreich zu verteidigen.

Frank Ehrlacher – exklusiv für smago!
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