„Haudegen rocken Altberliner Lieder (CD)“ von Haudegen

Vö:04.11.2016

In den Zwanzigerjahren beschrieben Künstler und Musiker wie Heinrich Zille, Paul Lincke oder Willi Kollo Geschichten des Berliner Proletariats samt ihrer Hinterhof-Romantik. „Manchmal wünschen wir uns in diese Epoche zurück“, sagen Hagen Stoll und Sven Gillert alias HAUDEGEN. Ab Ende August nahmen die beiden Liedermacher elf solcher „Altberliner Melodien“ in den traditionsreichen Hansa-Studios auf. Darunter berühmte Gassenhauer wie „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“ oder „Sein Milljöh“. „Wir als Haudegen und Berliner Originale lieben diese Lieder und wollen sie bewahren.“

„Aus dem Hinterhaus kieken Kinder raus. Blass und unjekämmt, mit und ohne Hemd. Unten uffm Hof, jibt’s nen Riesenschwoof und ick denk mir so bei mir: wo haste dit schon mal jesehen?“ – so lautet die erste Zeile des berühmten Berliner Gassenhauers „Sein Milljöh – das Lied vom Vater Zille“. Komponist Willi Kollo schrieb es 1929 zum Gedenken an den im selbigen Jahr verstorbenen Künstler Heinrich Zille. Knapp 90 Jahre später interpretieren nun Haudegen dieses und viele weitere Lieder aus vergangener Zeit neu und bringen eine ganze Platte mit „Altberliner Melodien“ heraus.  

„Manchmal wünschen wir uns in diese Epoche zurück – mit diesen Songs unternehmen wir eine kleine Zeitreise“, sagen Hagen Stoll und Sven Gillert alias Haudegen. Die Idee dazu entstand spontan auf einem Haudegen-Konzert, als die beiden das Berliner Lied „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“ acapella anstimmten: „Wir hatten einfach Bock drauf. Das war keine rationale Entscheidung, sondern einfach aus ‘ner Laune heraus“. Den Fans ging sofort das Herz auf. Denn wenn Haudegen solche Lieder singen, passt das wie die Faust aufs Auge. Es könnten ihre eigenen Texte sein: Sozialkritische Geschichten von Halunken in Spelunken, heitere Themen aus den Berliner Hinterhöfen und Kaschemmen, Szenen aus der proletarischen Unterschicht – immer mit einem Hauch Lokalpatriotismus und einer ordentlichen Portion Berliner Schnauze. 

„Wir sind Berliner Originale und lieben diese Melodien sowie die Stimmung, die sie transportieren: Es geht um einfache Lösungen und Werte, die uns auch unsere Großväter mit in die Wiege gelegt haben. Wir fühlen das, wir sind diese Lieder und wollen sie bewahren. Und das Interessante dabei ist ja: die ganzen Probleme, die Tragik und Trauer von damals, die gibt es heutzutage genauso. Außerdem lieben wir einfach Dialekte – die machen’s doch erst menschlich“, sagen Hagen und Sven, für die die Altberliner Melodien „eine Erweiterung des musikalischen Portfolios“ sind. Haudegen wollen Unterhalten und in Nostalgie schwelgen, kurzum: „die Zille-Zeit zurückholen“. 

Ab Ende August nahmen Haudegen elf Altberliner Melodien in den traditionsreichen HansaStudios auf, wo unter anderem schon David Bowie, Iggy Pop und Nick Cave ein- und ausgingen. Die geschichtsträchtigen Hansa-Studios gehören zum Familienunternehmen Meisel Musikverlage, die im Bereich der Musikproduktion tätig sind. Haudegen widmen die Altberliner Melodien auch dem Anfang des Jahres verstorbenen Sven Meisel, der seit 1998 in dritter Generation die 1926 gegründeten Meisel Musikverlage geführt hatte.  

Titelliste:

01. Es gibt nur ein Berlin  (mit Frank Zander) Musik: Willi Kollo / Text: Willi Kollo / Hans Pflanzer / V: Willi Kollo Verlag / Edition Meisel GmbH  

02. Bolle reiste jüngst zu Pfingsten    Musik + Text: Trad. / G. Gürsch  / V: Ed. Meisel GmbH  

03. Ach Marie, tu mir bloß den Gefall‘n Musik: Paul Lincke / Text: Robert Steidl / V: Apollo MV  

04. Das war sein Milljöh (Das Lied vom Zille) Musik: Willi Kollo / Text: Willi Kollo / Hans Pflanzer  V: Willi Kollo Verlag – Bühne-Film-Funk der Edition Meisel GmbH  

05. Die Hauptsache ist     Musik + Text: Willi Kollo / V: Willi Kollo Verlag – Edition Meisel GmbH / Crescendo Theaterverlag  

06. Ikke Dette kieke mal    Musik + Text: Erika Brüning / V: Edition Erimusic c/o Edition Plessow Musikverlag GmbH  

07. Ich hab eine kleine Philosophie Musik + Text: Willi Kollo / V: Willi Kollo Verlag – Bühne-Film-Funk der Edition Meisel GmbH  

08. Paula, mach die Bluse zu Musik & Text: Harry Arndt / V: Apollo MV  

09. In deine Hände leg ich mein ganzes Glück  Musik + Text: Willi Kollo / V: Willi Kollo Verlag – Bühne-Film-Funk der Edition Meisel GmbH  

10. Kinder schont die Betten    Musik + Text: Franz Adam / V: Thalia-Musik-Verlag R. Birnbach  

11. Erst trinken wir noch eins Musik: Willy Rosen / Text: Will Rosen / Kurt Schwabach / V: Ed. Meisel GmbH  

 

 

Haudegen passen in keine Schublade

Hagen Stoll und Sven Gillert sind zusammen „Haudegen“. Mit ihren ehrlichen Texten von Freundschaft, Liebe und Loyalität berühren sie Millionen von Herzen in Deutschland. Mit ihrem Independent-Label „Blut Schweiß & Tränen“ schlagen Haudegen nun ein neues Kapitel in ihrer Karriere auf. Major-Label war gestern…

Mittwochabend, zwanzig vor sechs, Berlin-Friedrichshain. Hagen ist schon da. Er sitzt vor einem Café, Ecke Revaler Straße. Seine Harley am Straßenrand hat er immer im Blick. Er trägt ein schwarz-rot kariertes Flanellhemd, eine Latzhose und eine Lederweste mit der Aufschrift „Haudegen“. Er bestellt einen Latte Macchiato. Sven fährt in einem Mietwagen um die Ecke und gesellt sich wenig später dazu, auch er trägt eine Haudegen-Weste, kombiniert mit schwarzer Jogginghose und T-Shirt.  

Die zwei sind von oben bis unten tätowiert und muskelbepackt, tragen Vollbart. Auf den ersten Blick sind sie etwas furchteinflößend. Aber einen Handschlag und ein Lächeln später weiß man: Diese beiden Typen sind liebenswert und herzensgut bis zum geht nicht mehr, richtige Kumpeltypen. Zusammen sind sie Haudegen. Seit sechs Jahren machen sie gemeinsam Musik.  

Ein Haudegen. Was ist das eigentlich? „Ein aufrechter Mann, der auf den Tisch haut, mit dem du Spaß haben kannst. Einer, der auch in schwierigen Zeiten zu dir steht“, sagen Hagen Stoll und Sven Gillert – und die zwei müssen es wissen: „Haudegen ist die beste Definition einer Freundschaft. Außerdem ist Haudegen eine Philosophie, eine Lebenseinstellung, eine Bewegung. Es geht um Loyalität und alte Tugenden, die unsere Großväter uns vermittelt haben. Unsere Musik, die wir selber als ‚Gossenpoesie‘ bezeichnen, ist der Soundtrack dazu.“  

Und nun schreiben Hagen und Sven alias Haudegen ein neues Kapitel: „Das, was wir da machen, können wir am besten alleine. Wir wollen echt sein und echt bleiben“. Haudegen haben sich vom Major-Label befreit und ziehen seit kurzem ihr eigenes Ding durch: mit ihrem Independent-Label „Blut Schweiß & Tränen“. Unterstützung erhalten sie dabei von den traditionsreichen Berliner Meisel Musikverlagen, die Haudegen auf allen kreativen und administrativen Ebenen unterstützen. Mit den legendären Hansa Studios garantieren die Meisel Verlage Haudegen neue Produktionen auf renommiertem Boden.

Major-Label war gestern. „Wir haben in den vergangenen Jahren nie an irgendeine Strategie gedacht, nur daran, Spaß zu haben und Musik zu machen“. Haudegen sind weit davon entfernt zu sagen, dass sie Teil der Musikindustrie sind.  

„In der Zeit von Marketingstrategien, Plattenbossgelaber und Werbefirmen, die sich den Kopf zermartern, wie sie ein Produkt platzieren, kommen zwei Klatschbacken wie wir um die Ecke und sagen: Wir sind wie wir sind“. Damit haben sie Erfolg. Haudegen passen in keine Schublade. Und Hagen und Sven haben eh viel zu breite Schultern, um in irgendeine Schublade hineinzupassen, die müsste erst noch gebaut werden. „Du kannst es ja versuchen, uns in irgendeine Richtung zu schieben. Funktioniert schon deshalb nicht, weil wir zusammen ein paar Zentner auf die Waage bringen “, sagen Hagen und Sven, sie lachen.  

Die beiden kennen sich seit über 30 Jahren, das merkt man. Aufgewachsen sind die Sandkastenbuddys zu DDR- und Wendezeiten in Ostberlin. Hagen kommt aus Marzahn, Sven aus Hellersdorf. „Wir haben uns 1983 auf dem damals größten Abenteuerspielplatz der Welt kennengelernt“, sagt Hagen und meint die Baustellen der Hochhaussiedlungen, die am Anfang der Achtziger in Marzahn-Hellersdorf entstanden.  

Hagen Stoll und Sven Gillert sind zwei aufrichtige Typen, die mit ihrer Musik etwas Großartiges auf die Beine gestellt haben. Sie sind stolz auf ihren Erfolg, wissen aber auch, dass der nicht von irgendwo kommt: „Unser größter Vorteil gegenüber allen anderen ist, dass wir Freunde sind und das schon immer waren. Da ist nichts inszeniert, nichts geschönt. Wir waren auch beste Freunde, bevor wir angefangen haben, gemeinsam Musik zu machen.“  

Die Haudegen-Fans spüren das bei jedem Auftritt. Hagen und Sven nennen sie die Haudegen-Familie: „Et jibt die Haudegen, die Haudeginnen – dit sind die Frauen – und die Kleenen, dit sind die Haudiggis, weeßte?“, erklärt Hagen in feinstem Ostberliner Slang. „Die Leute da draußen verstehen unsere Musik einfach genau so, wie sie gemeint ist. Wir packen in die Lieder alles, was wir in unserer freundschaftlichen Beziehung jahrelang gelebt haben“, betont Sven, für den Hagen der Bruder ist, den er nie hatte. Ihre gemeinsame Vergangenheit ist die Inspirationsquelle ihrer Musik. Sie singen von Herz und Schmerz, von Leid und Freude.  

Hagen und Sven, zwei Ex-Türsteher aus Marzahn, kurzhaarig, muskelbepackt und tätowiert, machen deutsche Gitarrenmusik. Schon oft hat man versucht, sie in die rechte Ecke zu stellen, das Klischee und die Schablone haben geschrien: „Nazis!“ Doch das ist zu einfach. Die Wahrheit sieht so aus: Haudegen spielten bereits auf Anti-Pegida-Konzerten, beim „Festival für Demokratie und Toleranz“ in Jamel, besangen ihre ausländischen Freunde „Igor & Nassim“ und nahmen mit Reinhard Mey das Lied „Tintenfass und Feder“ auf.  
Mit Reinhard Mey einen Song aufzunehmen, das war so etwas wie der Ritterschlag für Haudegen. Denn sie bezeichnen sich selbst als Liedermacher. Sie setzen sich hin, kratzen sich am Kopf und schreiben Songs: „Das ist die Kunst des Autors. Copy Paste kann jeder. Wir fragen uns: Wo ist der Reinhard Mey von heute? Als ehrlicher Musikliebhaber kommt man an den Punkt, wo alle Künstler nur noch marketingtechnisch perfekt sind, schöne Menschen, Interpreten. Wenn es nur noch das gibt, dann wollen wir der Reinhard Mey von heute sein“, sagt Sven und Hagen stimmt ein: „Wir tun das aber nicht, um allen zu zeigen, wie cool wir sind, sondern weil wir fucking unsterblich sein wollen“. Haudegen wollen nicht einfach nur Musik machen. Sie wollen ein Erbe hinterlassen. Musikalisch und menschlich. 

 

Blut, Schweiß & Tränen (Textvorlage)

http://www.haudegen.com/
http://www.haudegen.com/

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