DRAFI DEUTSCHER – RUTH HÄNDEL, MIKE MAREEN sowie BINO
„Mama Leone“: Wie aus der „Schnulze, die keine Chance haben sollte“ ein Welthit wurde!

René Deutscher erzählt smago! top-exklusiv, warum sein Vater Drafi Deutscher bei „Mama Leone“ zunächst unter dem Pseudonym „Jack Goldbird“ und später als „Renate Vaplus“ in Erscheinung trat …:

 

 

Am Anfang stand eine „Schnulze“, die eigentlich keiner wollte. Heute ist „Mama Leone“ untrennbar mit dem Namen BINO verbunden. 1978 wurde der Titel zu einem der großen Schlagerhits des Jahres und machte den aus Palermo stammenden Sänger Benedetto Arico, der unter dem Namen Bino auftrat, einem Millionenpublikum bekannt. (Bino, bürgerlicher Name: Benedetto Arico) erlag am 19. Oktober 2010 im Alter von nur 57 Jahren einem Krebsleiden.)

Doch der Weg dorthin war alles andere als geradlinig.

Die Geschichte begann bereits Mitte der 1970er-Jahre. Drafi Deutscher hatte „Mama Leone“ geschrieben – Musik und deutschen Text. Die erste veröffentlichte Fassung erschien 1976 mit Ruth Händel bei Polydor. Die damalige Single ist heute ein interessantes Dokument der Vorgeschichte des späteren Hits. (Als Autorenname taucht zunächst der Name „Jack Goldbird“ auf. Unter diesem Pseudonym war Drafi Deutscher Anfang 1980 mit „Can I Reach You“ ein amtlicher Hit gelungen.) Im gleichen Jahr, also 1976, erschien eine weitere Version von „Mama Leone“, gesungen von Mike Mareen, der in den 80ern u. a. mit „Love Spy“ und „Agent Of Liberty“ große Erfolge feiern konnte.

René Deutscher schildert die Situation rückblickend allerdings aus einer ganz anderen Perspektive – nämlich aus der Familie heraus. Die Version von Ruth Händel sei seiner Erinnerung nach zunächst lediglich ein Versuch beziehungsweise ein Gefallen von Intersong und Polydor an seinem Vater gewesen, überhaupt eine solche „Schnulze“ in den Markt zu bringen.

Denn der Zeitgeist sprach zunächst eher gegen den Titel.

Gerade ABBA, Boney M. und Roger Whittaker dominierten damals mit englischsprachigen beziehungsweise international ausgerichteten Produktionen den Markt. Maßgeblich geholfen habe dabei, so René Deutscher, Hans Bertram, der den Weg für die Aufnahme ebnete. Doch Polydor hielt offenbar nicht besonders viel von dem Titel. Die Aufnahme mit Ruth Händel floppte total.

Eine kleine Familienanekdote am Rande

René Deutscher liefert dazu auch eine höchst amüsante Erklärung für den Künstlernamen Ruth Händel. Sie habe seiner Erinnerung nach wie ein Schlot „Roth Händle“ geraucht. „Ich erinnere noch sehr gut, wie unser Wohnzimmer immer roch…“

Auch zu einer anderen kuriosen Namensgebung aus dem Umfeld seines Vaters kennt René Deutscher eine Geschichte: Für die erste Single von Ruth Händel, „Meine letzte Zigarette“, habe Drafi Deutscher als Produzent das Pseudonym „Klaus Kaputtnik“ verwendet – als Hommage an das von seinem Vater geliebte MAD-Magazin.

 

Der zweite Versuch: Mike Mareen

Mit dem Misserfolg der ersten Fassung war „Mama Leone“ jedoch noch lange nicht erledigt.

Drafi Deutscher nahm den Titel anschließend mit Mike Mareen auf. Doch auch hier war die Skepsis bei Polydor groß. Nach der Erfahrung mit Ruth Händel habe man bereits deutlich gemacht, dass eine solche „Schnulze“ aktuell keine Chance habe.

Und genau an diesem Punkt wird die Geschichte besonders interessant.

Denn nun entschied man sich, nicht über Deutschland, sondern über Frankreich zu gehen.

Die Aufnahme mit Mike Mareen erschien über CBS, während die Veröffentlichung im Zusammenhang mit dem französischen Label Carrere stand. Die Idee dahinter: Wenn der Titel in Deutschland ohnehin keine Chance bekommen sollte, konnte man ihn gewissermaßen als Import zurückbringen.

Doch dafür musste auch ein neuer Name her.

 

 

 

Warum aus Drafi Deutscher „Renate Vaplus“ wurde

 

Drafi Deutscher war zu diesem Zeitpunkt als Name nicht unbedingt das, was man für diese spezielle Produktion ins Schaufenster stellen wollte.

Und „Jack Goldbird“ – unter diesem Pseudonym war Deutscher ebenfalls tätig – hätte den Eindruck erweckt, hinter der Produktion stecke ein englischer beziehungsweise internationaler Künstler.

René Deutscher bringt es in seiner exklusiven Schilderung auf den Punkt: Man wollte weder als Engländer („Jack Goldbird“) noch als der damals gewissermaßen „verbrannte“ Drafi Deutscher in Erscheinung treten.

Also musste ein neuer Name her:

RENATE VAPLUS.

Der Name klingt wie eine reale Komponistin – tatsächlich steckt dahinter jedoch Drafi Deutscher.

Die Erklärung für die ungewöhnliche Namensschöpfung ist mindestens so originell wie der Name selbst.

„Renate Vaplus“ geht laut René Deutscher auf den französischen Roulette-Ausdruck „rien ne va plus“ zurück – also den Ausruf des Croupiers: Nichts geht mehr.

Drafi Deutscher habe diesen Satz damals regelmäßig gehört. Damit war das Pseudonym schnell gefunden.

Und René Deutscher räumt gleichzeitig mit einem bis heute im Internet kursierenden Gerücht auf: Renate Vaplus war keine Freundin seines Onkels. Diese Geschichte sei schlicht ein Gerücht.

Auch seriöse Diskographie-Datenbanken führen „Renate Vaplus“ als Autorenpseudonym bei „Mama Leone“ und ordnen die Komposition Drafi Deutscher zu.

 

 

… und dann kam Bino

 

Doch auch die Mike-Mareen-Version brachte zunächst nicht den erhofften Durchbruch.

Und dann geschah das Entscheidende.

1978 traf Drafi Deutscher auf Bino.

Benedetto Arico war ein junger Italiener aus Palermo, der inzwischen in Deutschland lebte und musikalisch aktiv war. Für ihn wurde „Mama Leone“ zur entscheidenden Aufnahme.

Die Produktion erschien bei Carrere. Bei der deutschen Version blieb der Name Renate Vaplus als Autorin stehen – Drafi Deutscher blieb damit hinter seinem Pseudonym verborgen.

Und plötzlich funktionierte die vermeintliche „Schnulze“.

Was Polydor zuvor kaum Chancen eingeräumt hatte, entwickelte sich zu einem der großen Hits des Jahres 1978.

 

 

 

Der unglaubliche Chart-Erfolg

 

Die Zahlen erzählen die Geschichte besonders eindrucksvoll.

Die italienische Version von Bino erreichte in Deutschland Platz 4, die deutsche Version Platz 5. Damit standen beide Fassungen zeitweise gleichzeitig in den deutschen Top 5.

In der Schweiz schaffte es „Mama Leone“ sogar auf Platz 1 und hielt sich dort 17 Wochen in den Charts. Auch in Österreich wurde die Spitze erreicht.

Damit hatte sich die Geschichte endgültig gedreht:

Die Produktion, bei der man zunächst befürchtet hatte, sie sei eine „Schnulze“ ohne Marktchance, war nun selbst ein Markterfolg.

René Deutscher beschreibt die damalige Situation deshalb mit einer wunderbaren Pointe: Die „Schnulze“, die keine Chance haben sollte, wurde schließlich zum Welthit.

 

 

 

Zwei Versionen gleichzeitig in den Top 5

 

Besonders bemerkenswert ist dabei die deutsche Chart-Situation.

Binos italienischsprachige Version erreichte in Deutschland Platz 4, während die deutsche Fassung bis auf Platz 5 kletterte. Beide Versionen waren somit im selben Zeitraum ganz oben vertreten.

Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil die deutsche Fassung keineswegs lediglich ein Nebenprodukt des Erfolgs war. Sie entwickelte sich selbst zu einem eigenständigen Hit.

In der „ZDF-Hitparade“ war „Mama Leone“ ebenfalls mehrfach vertreten; die deutsche Version stieg dort bis auf Platz 2 der deutschsprachigen Titelwertung.

Für Drafi Deutscher war die Geschichte allerdings auch eine persönliche Abrechnung mit seiner damaligen Plattenfirma.

René Deutscher erinnert sich, dass sein Vater „zur Strafe“ zu CBS ging und Polydor verließ – begleitet von seinem eigenen, ausgesprochen drastischen Kommentar vom Abschied „unter Abgesang schweinischer Lieder“.

Es ist eine dieser Geschichten, die geradezu typisch für Drafi Deutscher wirken: ein außergewöhnlich erfolgreicher Musiker und Komponist, der sich immer wieder neue Wege suchte, wenn ihm die klassischen Wege versperrt schienen.

„Mama Leone“ fügt sich damit nahtlos in seine Karriere ein. Drafi Deutscher schrieb zahlreiche Hits für sich selbst und andere Künstler und arbeitete dabei immer wieder mit Pseudonymen. Auch smago! hat in früheren Beiträgen darauf hingewiesen, dass „Mama Leone“ zu den bekannten Kompositionen aus seiner Feder gehört.

 

 

 

Von „Renate Vaplus“ zu einem zeitlosen Klassiker

Heute kennt kaum noch jemand die Namen Jack Goldbird und Renate Vaplus im Zusammenhang mit „Mama Leone“. Umso erstaunlicher ist es, dass hinter diesen beiden Namen derselbe Mann stand: Drafi Deutscher.

Die Entwicklung des Liedes liest sich beinahe wie ein Drehbuch:

1976: Ruth Händel nimmt „Mama Leone“ bei Polydor auf – der erwartete Erfolg bleibt aus.

Danach: Drafi Deutscher versucht es mit Mike Mareen; die Veröffentlichung wird über Frankreich/Carrere angeschoben – ebenfalls zunächst ohne entscheidenden Durchbruch.

1978: Bino nimmt „Mama Leone“ auf.

Herbst 1978: Der Titel wird zum großen Hit. Die italienische und die deutsche Version stehen gleichzeitig in den deutschen Top 5; in der Schweiz erreicht „Mama Leone“ Platz 1.

Und damit bewahrheitet sich rückblickend eine der schönsten Ironien der deutschen Schlagergeschichte:

Ausgerechnet die „Schnulze“, der man bei Polydor kaum eine Chance gegeben hatte, wurde zum internationalen Klassiker.

Die Pseudonyme hinter „Mama Leone“

 

Name auf der Veröffentlichung Tatsächliche Funktion
Drafi Deutscher Komponist und Texter
Jack Goldbird Pseudonym Drafi Deutschers
Renate Vaplus weiteres Pseudonym Drafi Deutschers
Ruth Händel erste Interpretin der 1976 veröffentlichten Fassung
Mike Mareen Interpret einer späteren Fassung, ebenfalls 1976
Bino / Benedetto Arico Interpret der 1978 erfolgreichen Version

 

 

Die Diskographien bestätigen insbesondere die Zuordnung von „Renate Vaplus“ zu Drafi Deutscher sowie die verschiedenen Fassungen von „Mama Leone“.

Und vielleicht liegt genau darin der besondere Reiz dieser Geschichte: Hinter einem der bekanntesten italienisch anmutenden Schlager der 1970er-Jahre stand kein Italiener als Komponist, sondern ein Berliner Ausnahmemusiker, der seinem eigenen Lied gleich mehrere Identitäten gab – bis es unter Binos Namen schließlich seinen Weg an die Spitze fand.

Quellenbasis: Die persönlichen Erinnerungen und Aussagen von René Deutscher, die du für diesen Artikel bereitgestellt hast, sowie die bei smago! dokumentierte Einordnung von „Mama Leone“ in Drafi Deutschers Werk. Ergänzend wurden verfügbare Diskographie- und Chart-Angaben herangezogen.

Im Übrigen hat Drafi „Mama Leone“ auch selbst aufgenommen …:

 

Textquelle: smago! top-exklusiv; Andy Tichler, Chefredakteur www.smago.de

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