UDO JÜRGENS
Interview mit JOHN JÜRGENS zu „60 Jahre Merci Chérie“!

Am 08.05.2026 erscheint die Picture Disc „Merci Chérie 60“!

60 Jahre „Merci Chérie“ Interview mit John Jürgens Sperrfrist: 30.04.26 John, Ihr Vater Udo Jürgens gewann mit dem Lied „Merci Chérie“ vor 60 Jahren den Grand Prix. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Lied?

Erinnerungen setzen sich ja oft aus Erzählungen und Bildern zusammen – besonders aus der Zeit, als man selbst zu klein war. Meine Mutter erzählte mir, dass sie mich als Zweijährigen auf dem Schoß hatte, während sie die Show im Fernsehen sah. Später wurde diese Szene auch in seinem Buch „Der Mann mit dem Fagott“ und im zugehörigen Film thematisiert. Durch diese Beschreibung und die Filmsequenz setzt sich das Bild im Kopf schließlich wie ein Mosaik zusammen.

Das 60. Jubiläum von „Merci Chérie“ feiern Sie mit einer Picture Disc. Wie kam es zu der Idee?

Wir haben die Entscheidung als Team getroffen. Mit der Picture Disc wollten wir ein besonderes Highlight für die Fans schaffen; durch das Design mit den Fotos von Hansi Hoffmann wird die Single so zu einem echten Sammlerstück, das die Musik meines Vaters auch optisch würdigt. Ich finde das Foto großartig, auf dem er am Klavier sitzt, und man im Hintergrund die Punkteliste sieht. In einer Zeit, in der fast nur noch gestreamt wird, wollten wir den Fans – gerade unserer Generation – wieder etwas Reales zum Anfassen geben. Klar, die Idee einer Foto-Vinyl ist nicht neu, aber man muss sie eben konsequent und hochwertig umsetzen. Zu unserem Team gehören PR-Spezialisten und Profis der Plattenfirma, aber natürlich auch wir, die Familie. Wir tauschen uns dabei sogar mit der nächsten Generation aus – unsere Kinder sind ja inzwischen Mitte zwanzig. Besonders unser Sohn Dennis bringt sich hier aktiv ein. Uns ist dieser generationsübergreifende Blick wichtig, um das Erbe meines Vaters zeitgemäß und lebendig zu halten.

Wie hat Ihr Vater diesen magischen ESC-Abend empfunden? War es für ihn im Rückblick der schönste Moment seines Lebens?

Mein Vater sagte immer: Auf die Frage nach dem größten Moment seines Lebens hätte er wohl antworten müssen: „Die Geburt meines ersten Kindes, meines Sohnes John.“ Das ist natürlich ein Riesenmoment und ein unvergleichliches Gefühl, das ich als dreifacher Vater absolut verstehe. Doch dieser spezifische Glücksrausch, als er im dritten Anlauf mit „Merci Chérie“ den Grand Prix in Luxemburg gewann – diesen Zustand beschrieb er als etwas ganz Eigenes, fast Unvorstellbares. Nichts reichte jemals an das Gefühl heran, das er in diesem Moment auf der Bühne empfand.

Er hat hart für diesen Sieg gekämpft. Stimmt es, dass Ihr Vater gar nicht mehr antreten wollte, weil er nicht mehr an seinen Erfolg glaubte?

Ja, nach zwei Anläufen war er eigentlich entmutigt. Es war sein Manager Hans Beierlein, der ihn massiv zur dritten Teilnahme drängte. Erschwerend kam hinzu, dass ab 1966 neue Regeln galten: Jeder Teilnehmer musste zwingend in seiner Landessprache singen. Udo empfand Deutsch oft als sperrig für internationale Hits – eine Sorge, die er schon bei seinen Vorjahres-NBeiträgen hatte. Seine Lieder „Warum nur, warum” (1964) und „Sag ihr, ich lass sie grüßen” (1965) belegten zwar Platz 6 und Platz 4, doch erst die englische Cover-Version „Walk Away“ von „Warum nur, warum“ wurde ein Welterfolg – und verschaffte ihm die finanzielle und künstlerische Freiheit, seine Zweifel zu überwinden und trotz der neuen Regeln ein drittes Mal anzutreten.

Hatte Ihr Vater Angst um seine Karriere, falls er beim dritten Mal nicht gewinnen würde?

Absolut. Er fragte sich: Schade ich meinem Ruf, wenn ich noch einmal antrete und vielleicht nur auf Platz acht lande? Das hätte das Ende seiner Karriere bedeuten können. Um dieses Risiko zu minimieren, suchte er nach einem internationalen Aufhänger. Obwohl er laut Regel auf Deutsch singen musste, wollte er einen Titel, der schön klingt und den jeder versteht – so wie man in der Schweiz das Wort „Merci“ verwendet. Seinem Texter Tommi Hörbiger fiel schließlich das entscheidende Wort „Chérie“ ein. Damit war die Idee zu „Merci Chérie“ geboren. Wenn zwei Kreative auf diese Weise zusammenfinden, entsteht manchmal etwas Unsterbliches.

Stimmt die Geschichte, dass Ihr Vater kaum glauben konnte, an diesem legendären Abend mit „Merci Chérie“ gewonnen zu haben?

Ja, er hielt die Anspannung während der Punkte-Verkündung einfach nicht aus. Nach zwei Anläufen ohne Sieg konnte er es nicht ertragen, womöglich wieder zu verlieren. Er verließ den Saal und wartete auf dem Gang – er wollte nichts hören und nichts wissen. Sein Fotograf Hansi Hoffmann lief unentwegt zwischen Saal und Gang hin und her und rief ihm zu: „Udo, du liegst vorne! Dein Vorsprung ist uneinholbar!“ Doch mein Vater blockte ab: „Ich will es nicht hören, sag es nicht!“ Erst als Hansi endgültig verkündete: „Du hast gewonnen!“, kam er zurück. Selbst als er unter Glückwünschen wieder am Klavier saß, um den Siegertitel erneut zu spielen, konnte er diesen Moment noch gar nicht fassen.“ Und genau da kam ihm dieser spontane Geistesblitz: Statt nur den Songtext zu singen, schloss er das Lied mit der genialen Zeile ‚Merci, Merci, Merci, Jury‘ ab. Das war seine ganz persönliche und spontane Verbeugung vor diesem Sieg.

Der Sieg beim Grand Prix war ja erst der Anfang. Udo schaffte damit den internationalen Durchbruch …

Richtig. Von heute auf morgen war er damit ein Super-Star. Mein Vater tourte durch ganz Europa und später sogar bis nach Japan. Das Besondere war: Er hat seine Hits in unzähligen Sprachen – von Französisch über Spanisch bis hin zu Japanisch – selbst eingesungen. Japanisch war eine besondere Herausforderung, aber er lernte diese Texte im Studio rein phonetisch anhand von Lautschrift. In seinem Nachlass habe ich über die Jahre in unzähligen Kisten wahre Schätze entdeckt, darunter die Aufnahme einer japanischen Künstlerin, „Mariko“. Sie coverte seinen Erfolgs-Hit ‚Was ich dir sagen will‘, was dort unter dem Titel ‚Wakage no Asa‘ ebenfalls ein riesiger Hit wurde. Es ist faszinierend zu sehen, wie weit seine Musik damals schon gereist ist.

Welche Musik haben Sie früher gehört?

In meiner Jugend habe ich eher Led Zeppelin und Pink Floyd gehört. Natürlich lief zwischendurch auch mal ‚Griechischer Wein‘, was für mich als Kind aber eher ein Schunkellied war. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich die wahre Bedeutung begriffen habe. Heute bin ich unheimlich stolz darauf, dass mein Vater darin die Geschichte der Gastarbeiter erzählt und für ihre Akzeptanz gekämpft hat – für Menschen, die dieses Land mit aufgebaut haben, während sie oft verhöhnt oder weggewünscht wurden.

Welches ist Ihre Lieblingsversion auf der Single?

Als DJ feiere ich natürlich die Disco-Version, aber auch das Original bleibt ein Klassiker. Wobei es am Ende gar nicht so sehr auf die spezielle Version ankommt – das ganze Lied ist einfach unfassbar genial. Es gibt da eine Live-Aufnahme, die geht dermaßen ab: Er fängt ganz ruhig an, und plötzlich verwandelt sich das Ganze in eine Art Gospel-Disco-Nummer. Das Tempo zieht total an, alle tanzen und er peitscht das Publikum so richtig auf. Diese Energie von den Leuten ist einfach Wahnsinn, das finde ich absolut mega.

Spüren Sie bei Ihren Auftritten als DJ eigentlich einen gewissen Druck, als Sohn von Udo Jürgens ständig seine Hits spielen zu müssen?

Eigentlich gar nicht. Ich darf demnächst in Wien im Rahmen des Eurovision Song Contest auf dem Rathausplatz vor 15.000 Leuten auflegen. Tatsächlich dachte ich anfangs, der Veranstalter erwartet von mir, dass ich als Sohn von Udo Jürgens den ganzen Abend nur seine Songs spiele. Aber die Antwort war total entspannt: „Nein, um Gottes Willen! Mach dein Ding, spiel deinen Funk, Soul und House – sei einfach du selbst.“ Das hat mich echt gefreut. Trotzdem werde ich natürlich in diesem ‘Udo-Jahr`, den einen oder anderen seiner Klassiker einbauen, denn so eine Disco-Version von ‚Merci Chérie‘ ist in so einem Set einfach der absolute Knaller. Ich bin sicher, dass die Leute da richtig abgehen (lacht).

Der ESC kehrt zum 70. Jubiläum nach Österreich zurück. Sind Sie und Jenny involviert, vielleicht sogar für eine Hommage an Ihren Vater?

Um ehrlich zu sein: In die Hauptshow sind wir nicht eingebunden. Wir sind eher Teil des Rahmenprogramms, etwa als Gäste bei Barbara Schönebergers Pre-Shows. Dort geht es spielerisch um 70 Jahre ESC, wobei Tickets für das Finale verlost werden. Bisher war es so, dass wir noch nie offiziell zum ESC eingeladen wurden. Das lag sicherlich auch daran, dass es für uns als Kinder keinen direkten Anlass oder Bezug dazu gab. Umso schöner ist es, dass sich das in diesem besonderen Jubiläumsjahr offenbar ändert: In diesem Jahr sind wir erstmals zum ESC- Finale als Zuschauer eingeladen. Gleichzeitig sind wir im Rahmen des Jubiläumsjahres auch bei mehreren TV-Sendern zu Gast.

Gab es bei Ihnen zuhause die Tradition, den ESC gemeinsam zu verfolgen?

Nur hin und wieder. Ehrlich gesagt fiel es uns oft schwer, mit der Musik mitzugehen. Ich bin durch meinen Vater musikalisch anders geprägt worden; die Platten, die er mir als Kind mitbrachte, hatten mit dem Grand Prix gar nichts zu tun. Er war zwar stolz auf seinen Sieg, hat aber später mit dem Wettbewerb abgeschlossen, weil er die musikalische Entwicklung zunehmend mühsam fand. Man muss natürlich vorsichtig sein: Der ESC war sein Türöffner, und den will man nicht schlechtreden. Aber man muss auch ehrlich bleiben – vieles war uns schlicht zu trashig, auch wenn es immer wieder tolle Ausreißer gibt. Zudem haben wir meistens alle selbst gearbeitet, wenn die Show lief. Ich kann mich mal an einen Urlaub in Portugal erinnern, da haben wir uns an diesem ESC-Abend alle Pizza bestellt und uns vor den Fernseher gesetzt. Es war aber definitiv kein jährliches Familienritual.

Gab es ein Familienritual bei der Heimkehr Ihres Vaters von Tourneen? Was haben Sie dann gemeinsam unternommen?

Oft drängte das Management nach einer Tournee sofort mit neuen Terminen – Shows, Galas, Auftritte. Aber wenn er Zeit für uns hatte, egal ob zwischen zwei Jobs oder zu Hause, gab es feste Rituale. Sonntagnachmittags schauten wir oft Filme: Winnetou, alte Piratenfilme oder Klassiker wie Robin Hood. Später war die Formel 1 seine große Leidenschaft; als Freund von Niki Lauda und Jochen Rindt verpasste er kein Rennen. Wenn ich ihn in Zürich besuchte, lief eigentlich immer Sport: Tennis mit Steffi Graf, Fußball-Bundesliga oder Radsport. Ich erinnere mich, wie er gebannt vor der Tour de France saß, als Jan Ullrich siegte – ich setzte mich einfach dazu und fieberte mit. In Zürich genossen wir die Zeit auf seinem Motorboot auf dem See, doch in meiner Erinnerung gehörte Arbeit in dieser Zeit oft ganz selbstverständlich dazu: Gemeinsam öffneten wir Jutesäcke voller Fanpost und arbeiteten die Briefe ab. Das war einfach Teil unseres Alltags.

Was würden Sie als die größte Schwäche Ihres Vaters bezeichnen?

Schwäche“ wäre fast zu hart formuliert, da er vielleicht gar nichts dafür konnte – mein Vater wirkte oft etwas entrückt und war zwischendurch einfach gedanklich abwesend. Er hatte ständig Musik im Kopf. Auch seine Mutter hatte ihm einmal vorgeworfen, nicht ganz da zu sein; darauf entgegnete er: „Du hast keine Vorstellung davon, wie es ist, wenn man ununterbrochen Melodien hört.“ Man konnte das oft beobachten: Seine Finger trommelten auf dem Tisch, sein Fuß wippte im Takt oder er nickte geistesabwesend, als würde er einem inneren Rhythmus, einer Baseline oder einer neuen Idee folgen. Während die Welt um ihn herum ablief, lief bei ihm im Hintergrund immer sein eigener Film. Das war sicher anstrengend – für ihn selbst, aber auch für uns.

Warum berührt „Merci, Chérie“ die Menschen auch nach 60 Jahren noch so tief?

Das Lied thematisiert den respektvollen Abschied – dieses „Danke für die schöne Zeit, aber mein Weg geht woanders weiter“. Es steckt voller Wehmut und Drama, meisterhaft komponiert. Fast jeder hat das wohl schon erlebt: Man erkennt, dass ein Mensch wunderbar ist, aber eben nicht für das ganze Leben. Man will nichts Böses, sondern sagt einfach Mercifür die gemeinsamen Stunden. Das hat die Menschen damals wie heute im Kern berührt. Warum genau? Das müsste man die Hörer selbst fragen. Für mich persönlich ist es ohnehin etwas Besonderes und hochemotional – es ist mein Vater und eines seiner stärksten Werke. Das Lied gehört definitiv zu meinen Favoriten, auch wenn es mir bei seinem riesigen Repertoire schwerfällt, mich auf eine Top 10 festzulegen. Da gibt es auch im Verborgenen noch so viele Schätze.

Inwieweit waren Sie als Familie oder Verwalter des Erbes in die Entscheidung eingebunden, dass die Sängerin LEA eine eigene Version von ‚Merci Chérie‘ aufnimmt, und was hat Sie an ihrer Interpretation besonders berührt?

Wir waren in den Entscheidungsprozess selbstverständlich eingebunden und finden ihre Version von Merci Chériesehr schön. Mit ihrer sehr speziellen Version findet sie einen ganz eigenen Zugang zu diesem besonderen Lied. Durch das bewusst reduzierte Arrangement und die interessante Instrumentarisierung hat sie eine sehr persönliche Interpretation geschaffen, ohne dabei zu versuchen unseren Vater zu kopieren, sondern sie hat etwas Eigenes daraus gemacht. Das hat mich besonders berührt, gerade weil ihre Stimme dadurch im Mittelpunkt steht und eine große Intimität entsteht.

Sowohl Ihr Vater als auch LEA gelten als Künstler, die ihre Seele in ihre Musik legen und für absolute Authentizität stehen. Wäre eine Zusammenarbeit zwischen Ihrem Vater und einer Künstlerin wie LEA, die ja ebenfalls eine sehr starke songwriterische Handschrift hat, ein Projekt gewesen, das er sich hätte vorstellen können?

Das bleibt natürlich eine hypothetische Frage, denn wir können meinen Vater heute nicht mehr selbst dazu befragen. Aber er hatte immer großen Respekt vor Künstler/-innen, die wie er selbst mehr konnten als nur zu singen, also auch Instrumente spielen und auch komponieren. Vor solchen Musikerinnen und Musikern hat er den Hut gezogen, weil er diese Begabung und dieses Können sehr geschätzt hat. Insofern kann ich mir also gut vorstellen, dass eine Zusammenarbeit mit LEA für ihn sehr spannend gewesen wäre.

„Merci“ bedeutet danke. Wofür empfinden Sie in Ihrem Leben die größte Dankbarkeit?

Zuerst einmal bin ich dankbar für die Gesundheit – meine eigene und die meiner Familie. Und ich bin sehr dankbar für meine Familie. Ich bin froh, dass ich das mit meiner Frau und unseren drei Kindern so auf die Reihe bekommen habe. Das ist ja nicht selbstverständlich. Das wir dieses Familienglück über fast 30 Jahre so stabil halten konnten, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit.

Ihr Vater war in Beziehungen zeitlebens ein Suchender. Wie hat er vor diesem Hintergrund auf Ihre Beständigkeit und Treue geblickt?

Mein Vater hat unsere Ehe über fast zwei Jahrzehnte hinweg beobachtet und war sehr stolz darauf. Er hat oft zu mir gesagt: „Mensch, wie du das mit der Familie machst – ich konnte das nicht.“ Ich habe ihm dann geantwortet, dass er eben einen anderen Weg gewählt hat. Für Jenny und mich war das okay, auch wenn wir ihn natürlich schon vermisst haben. Wir haben akzeptiert, dass für ihn die Musik an erster Stelle stand. Die Familie war sein Rückzugsort, aber sein Herz schlug eben voll und ganz für die Bühne – das war für ihn schlicht nicht anders möglich.

Glauben Sie, er hätte diesen Erfolg sonst nicht gehabt?

Wahrscheinlich nicht in dieser Form. Wer weiß schon, wie sich ein Leben entwickelt, wenn man andere Prioritäten setzt? Als Familie war das alles nicht immer leicht, und mein Kinderherz hat immer mal gelitten. Dass mein Vater so häufig unterwegs war, war emotional belastend. Aber dennoch: Eine Garantie für Familienglück gibt es nie – auch Ehen, in denen der Vater einen geregelten Bürojob hat, zerbrechen. Am Ende muss jeder seiner Leidenschaft folgen, um glücklich zu werden. Wenn man so eine Berufung spürt und einen Partner findet, der das akzeptiert, dann muss man diesen Weg gehen. Ich bin sehr stolz auf meinen Vater. Er war ein Ausnahmekünstler, ein echtes Genie, das schon als Kind schnell Instrumente lernte und komplexe Stücke komponierte – keine `Lala-Musik.` Er war in seiner Kunst schlicht zu anspruchsvoll.

Das hat es sicher nicht leicht gemacht, ihn PR-mäßig zu vermarkten?

Sein Manager Hans Beierlein stand anfangs tatsächlich vor der Frage: Wie verkaufe ich diesen Mann? Seine Lieder waren eigentlich zu anspruchsvoll und nicht kommerziell genug. Beierlein hatte dann einen genialen Einfall: Er nutzte Udos Erfolge im Ausland – wo Stars wie Matt Monroe, Shirley Bassey oder Nancy Wilson seine Lieder sangen – und präsentierte ihn bei der Rückkehr als den gefeierten Heimkehrer. Es ist ja heute noch so: Der Prophet im eigenen Land gilt oft nichts, aber wer es im Ausland schafft, wird hierzulande erst recht bewundert. Beierlein ließ Udo einfach machen, auch bei den anspruchsvolleren Stücken jenseits des klassischen Schlagers. Wenn man heute bei „17 Jahr, blondes Haar“ mal die `Schlager-Brille` absetzt und auf den Drive, die Disco-Gitarre und den Groove hört, merkt man: Das ist internationaler Standard und hat wahnsinnigen Druck. Wir neigen dazu, eigene Künstler zu unterschätzen, aber wie viele Musiker von Udos Format, die sich selbst ans Klavier setzen und solche Weltklasse Kompositionen schreiben, hatten wir in Deutschland eigentlich?

Musik war für Ihren Vater kein Job, er brannte regelrecht dafür. War sie das Lebenselixier, ohne das er nicht existieren konnte?

Er konnte gar nicht anders, als Musik zu machen. Es ging ihm nie darum, berühmt zu werden oder viel Geld zu verdienen. Es war schlicht sein Ventil: Sein Innerstes, alles, was ihn bewegte, musste aus ihm heraus. Zuerst fand er dieses Ventil am Klavier; die Idee mit dem Gesang kam erst viel später. Er selbst hielt seine Stimme anfangs für ungeeignet – zu blechern, zu hart, zu brachial. Wenn man ihn heute bei manchen Liedern mit voller Kraft in die hohen Töne gehen hört, versteht man, was er meinte. Aber er besaß eine enorme Bandbreite: Er konnte diese brutale Kraft rauslassen, aber in den leisen Momenten auch wieder ganz sanft werden. Musik war für ihn keine Spielerei, sie war eine Notwendigkeit. Natürlich musste er auch Geld verdienen, aber dafür gab es einen Plan B: Hätte es mit dem Singen nicht geklappt, wäre er eben Komponist für andere geblieben.

Es gab sicher auch einen gewissen Erwartungsdruck vonseiten seines Vaters, oder?

Der Druck war spürbar. Die Familie war vom Unternehmertum geprägt – seine Brüder gingen in die Wirtschaft, ein Onkel war bei BP, der andere war Bürgermeister von Frankfurt. Da passte jemand, der ‚am Klavier rumklimperte‘, eigentlich nicht ins Bild. Doch mein Großvater war letztlich sehr verständnisvoll mit ihm. In einem entscheidenden Moment sagte mein Vater ihm als junger Mann mit 18 Jahren ganz ernst ins Gesicht: „Papa, egal welchen Weg ich gehe – ich werde immer an diesem Klavier sitzen und Musik machen. Ich kann und will nichts anderes.“ Mein Großvater akzeptierte das, forderte aber: „Dann lern es richtig im Konservatorium.“ So studierte er erst in Klagenfurt und Salzburg, später sogar an der Juilliard School in New York, wo auch Legenden wie Miles Davis waren. Er lernte sein Handwerk von der Pike auf. Er gehörte zur alten Schule: Er konnte an eine Melodie denken, sie kurz anspielen und die Noten dazu sofort mit dem Bleistift aufschreiben. Das war sein wahres Fundament.

Neben der Verantwortung für das große Erbe Ihres Vaters sieht man Sie immer noch an den DJ-Decks. Sie müssten sicher nicht mehr arbeiten – was treibt Sie also heute noch an?

Im Grunde treibt mich dieselbe Leidenschaft an wie meinem Vater: Warum habe ich diesen Job ursprünglich angefangen? Weil ich Musik liebe. Es ist schade, dass viele beim Thema Erbe nur an das Geld denken. Für mich bedeutet es vor allem eine enorme Verantwortung – es geht darum, sein Lebenswerk zu bewahren. Egal, ob es um langfristige Visionen für sein Werk, ein neues Cover oder eine Picture Disc geht – die entscheidende Frage bleibt immer: „Was würde Papa dazu sagen? Würde es ihm gefallen?“ Reichtum allein macht nicht glücklich. Meine Frau und ich hatten Zeiten, in denen wir kaum die Miete zahlen konnten – und doch war es eine unserer glücklichsten Phasen. Wenn ich mir die Fotos von damals ansehe, wie wir mit den Kindern im Englischen Garten saßen oder zu Hause mit Freunden, wird mir klar: Wahres Glück hat nichts mit dem Kontostand zu tun.“ Viele Lottomillionäre sind nach drei Jahren pleite, weil sie ihr Geld in Ferraris oder Porsches stecken. Am Ende sind das alles nur Gegenstände – die niemals eine echte Erfüllung bieten können.

Viele Menschen stellen sich das Leben als Erbe eines Superstars sicher sehr entspannt vor – wie sieht Ihre Realität tatsächlich aus?“

Die Leute haben oft falsche Vorstellungen. Wir sind eher konservativ eingestellt: Wir wollen das Erbe bewahren und an die nächste Generation weitergeben. Bis es so weit war, mussten wir aber erst einmal durch eine harte Zeit gehen, geprägt von Nachlassstreitigkeiten unter den Beteiligten. Das wird häufig unterschätzt. Klar, rein finanziell müsste ich vielleicht nicht mehr arbeiten. Aber ein musikalischer Nachlass liegt brach, wenn man ihn nicht aktiv ‚beackert‘. Das Erbe besteht ja vor allem aus Rechten, die bespielt werden wollen. Wenn ich einen coolen DJ wie „Folamour“ in Frankreich für einen Remix von ‚Peace Now‘ gewinne, wird Udos Musik in die Welt hinaus getragen. Das passiert nicht von alleine. Wir ruhen uns nicht auf dem Erbe aus – da würde uns Papa auch zu Recht die Leviten lesen! Wir haben dieses Los vom Leben zugespielt bekommen und empfinden es als Privileg, dieses wunderbare Werk weiterzuführen.

Haben Sie das Gefühl, dass die Buchungsanfragen zurückgegangen sind, weil die Leute denken, Sie hätten es nicht mehr nötig?

Ja, das ist ein echtes Missverständnis. Viele glauben, ich würde nicht mehr als DJ arbeiten oder sei mittlerweile unbezahlbar. Dazu kam natürlich noch die Corona-Zeit, in der ohnehin alles pausierte. Aber ich bin DJ aus Leidenschaft und stehe nach wie vor gerne hinter dem Pult. Was den Preis angeht: Wir sind immer auf dem Teppich geblieben. Natürlich stieg die Gage früher mit der Nachfrage, aber wir haben uns irgendwann auf einem realistischen Level eingependelt. Wer nicht nachfragt, erfährt es eben nicht – ich poste meine Preise ja nicht in den sozialen Medien. Auch wenn ich nicht mehr 32 oder 42 bin: Mit 62 kann man genauso viel Spaß haben und an der ein oder anderen Stelle reiße ich schon noch mal ein paar Partys ab. Wenn man mich bucht, komme ich und spiele mit vollem Einsatz. Ich mache das einfach immer noch wahnsinnig gerne.“

Ihr Vater liebte seine Rückzugsorte im Süden. Könnten Sie sich vorstellen, Deutschland einmal ganz zu verlassen?

Komplett wegzuziehen, kann ich mir aktuell nicht vorstellen, obwohl mich die gesellschaftliche Stimmung oft umtreibt. Als ‚interracial‘ Familie erleben wir leider immer noch Rassismus – in Deutschland genauso wie in der Schweiz. Erst neulich in Zürich gingen zwei junge Männer an meiner Frau und mir vorbei und einer rief uns direkt ins Gesicht: „Danke nochmal für Corona!“ Da ist man einfach nur sprachlos. Besonders für meinen Sohn ist es schwer. Unsere Töchter bleiben von solchen direkten Anfeindungen meist verschont, aber Dennis bekommt diesen Alltagsrassismus voll ab. Früher schon mit 13 auf dem Fußballplatz, wo er als Schlitzauge beschimpft wurde. Heute feiern die jungen Leute zusammen ausgelassen Partys und am anderen Morgen kommen dann diese herablassenden Fragen, ob seine Eltern einen Sushi Laden hätten, oder Gleichaltrige im Club, die sich die Augen zu Schlitzen ziehen. Das sind junge Leute zwischen 25 und 30! Da frage ich mich fassungslos: Aus was für einem Elternhaus kommen die? In welcher Zeit leben wir eigentlich? Wir haben weltweit so viele Probleme, die wir nur gemeinsam lösen können. Dass Herkunft und Aussehen immer noch für solche Gehässigkeiten herhalten müssen, macht mich einfach nur traurig. Schaut man dann auf die deutsche Politik – oft ohne Charisma, ohne echte Vorbilder –, stimmt mich das wenig zuversichtlich. Die Bereitschaft, dieses System dauerhaft mitzutragen schwindet. Vielleicht muss ich ernsthaft über einen Plan B nachdenken.

Welche Wünsche möchten Sie sich künftig gerne erfüllen?

Reisen steht ganz oben – Orte und Länder, die wir noch gemeinsam entdecken wollen. Am liebsten als „La Familia Grande“, also alle an Bord, aber natürlich auch mal als Ehepaar allein. Die Kinder haben ja zunehmend ihr eigenes Leben, auch wenn wir es jetzt noch immer wieder zusammen hinbekommen. Ich war zum Beispiel noch nie in Südamerika. Japan und Korea haben wir zum Glück schon geschafft. Mir geht es beim Reisen vor allem darum, die Welt besser zu verstehen und zu erleben, wie man anderswo aufgenommen wird. Meine persönliche Priorität ist aber ganz klar meine Gesundheit. Ich möchte meine Familie einfach noch lange begleiten und so viele Enkelkinder wie möglich aufwachsen sehen – und das fit und gesund.

Haben Sie für die Gesundheit Ihre Gewohnheiten geändert?

Radikale Umstellungen brauchte ich nicht, aber ich habe Alkohol fast komplett gestrichen – ein Glas Wein alle paar Wochen ist die Ausnahme, ansonsten trinke ich viel stilles Wasser. Sport steht für mich an erster Stelle: Fahrradfahren, Mobilität, Dehnung und der Erhalt der Muskulatur. Ich möchte nicht zu viel Gewicht mit mir herumschleppen; das ist Gift für die Gelenke und das Herz. Diese Disziplin praktiziere ich schon lange. Früher gab es nach dem Oktoberfest oft ein Formtief, heute ziehe ich das Training bis Ende Dezember voll durch. Aber ich bin auch kein Superhero und muss mich überwinden. In der Weihnachtszeit lasse ich mich zwar kurz gehen, esse auch mal ein paar Kekse, aber sobald ich wieder meine Stellschrauben drehe – Weißbrot weg, Schokolade weg –, wird die gesunde Wahl im Supermarkt schnell wieder zur Gewohnheit. Meine Frau hat recht damit, wenn sie sagt: Man braucht etwa 90 Tage, um eine Gewohnheit zu ändern. Wenn ich das durchziehe, schaffe ich es auch über Wochen, abends keine Schokolade zu essen. Ein Rückfall dauert dann nur einen Abend, keine Wochen mehr. Diese Haltung habe ich von meinem Vater gelernt. Udo achtete extrem auf seine Figur, seine Ernährung und eine gute Ausstrahlung auf der Bühne. Er liebte es zu schwimmen, und seine simple Prämisse war:`Von allem etwas weniger.`Das ist heute auch mein Weg, die Kontrolle über die eigenen Gewohnheiten zu behalten – und mich jung zu fühlen!

Das Interview führte Martina Mack.

Textquelle: Martina Mack für franel (Textvorlage)

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