{"id":94294,"date":"2015-01-22T00:00:00","date_gmt":"2015-01-22T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/smago.de\/ws\/?p=94294"},"modified":"-0001-11-30T00:00:00","modified_gmt":"-0001-11-29T22:00:00","slug":"smago-INFORMIERT-hr4-Musikchef-94293","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/smago.de\/ws2\/schlager\/smago-INFORMIERT-hr4-Musikchef-94293\/","title":{"rendered":"smago! INFORMIERT <br \/>hr4-Musikchef Gerhard Schilling &#8211; Schlager: &quot;Stimulanzmittel gegen Depressionen&quot;!"},"content":{"rendered":"<p>Gerhard Schilling erkl\u00e4rt die \u00b4Faszination \u00b4Schlager\u00b4 in einem faszinierenden Interview&#8230;:\u00a0 <!-more-><\/p>\n<p>Die Musikbranche steckt ein wenig in der Krise. Nur der Markt f&uuml;r den Schlager w&auml;chst und w&auml;chst. Schlager ist angesagt wie nie zuvor. hr4-Musikchef Gerhard Schilling &uuml;ber die Faszination von Schlager.<\/p>\n<p>Kein anderer K&uuml;nstler hat sich in den vergangenen zehn Jahren l&auml;nger in den deutschen Album-Charts gehalten als Andrea Berg: 701 Wochen lang waren ihre Platten in den Top 100. Dahinter folgt Helene Fischer mit 533 Wochen &ndash; und erst danach Robbie Williams, der es auf 463 Wochen schaffte. Oft totgesagt, ist der Schlager so munter wie noch nie und erfreut sich der Beliebtheit aller Altersgruppen. Wie kann man die Faszination &quot;Schlager&quot; erkl&auml;ren. Einer, der es wissen muss, ist unser Musikchef Dr. Gerhard Schilling.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<strong>Was ist das Faszinierende am deutschen Schlager?<\/strong><\/p>\n<p><strong>hr4-Musikchef Dr. Gerhard Schilling:<\/strong> Das ist relativ einfach zu beantworten, denn egal, wie wir musikalisch sozialisiert worden sind, mit dem Schlager hatten wir alle schon einmal irgendwie Kontakt. Und dieser Kontakt &ndash; das behaupte ich einfach mal &ndash; war gewiss nicht negativ gewesen. Ob bei Partys im Bierzelt oder Discos, in Konzerten oder vielleicht sogar im stillen K&auml;mmerlein &ndash; Schlagermusik wirkt immer als Gute-Laune-Faktor und ist durchaus vergleichbar mit einem Stimulanzmittel gegen Depressionen, also als eine Art Muntermacher oder Aufheller. Schlager regt an und nicht auf, er versetzt uns durchaus in eine &quot;Traumwelt&quot; und l&auml;sst uns den oftmals stressigen Alltag f&uuml;r einen Moment vergessen. Emotionalit&auml;t ist hier das gro&szlig;e Stichwort.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<strong>K&ouml;nnen Sie das n&auml;her erkl&auml;ren?<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind uns doch einig, dass Herzrasen, hoher Puls und Schwei&szlig;absonderung immer Anzeichen daf&uuml;r sind, dass der K&ouml;rper auf Unwohlsein reagiert. Studien, die ich begleitet habe, haben gezeigt, dass Wagner-Opern, Heavy Metal- oder Techno-St&uuml;cke oder auch manche Titel aus der Popmusik eben genau diese Reaktionen bei Testpersonen hervorgerufen haben, denen diese Musikgenres vorgespielt wurden &#8211; egal, mit welcher Musik die Probanden angaben, sozialisiert worden zu sein und egal welche Musik sie am liebsten momentan h&ouml;rten. Wurde ihnen nun Schlager- und Instrumentalmusik (Easy Listening-Bereich) vorgespielt, blieb der Puls ruhig, kein Schwei&szlig; in den Handinnenfl&auml;chen und auch kein Herzrasen. Die, die mit Opern-, Pop- und Rock-Musik oder auch Techno aufgewachsen sind oder diese Genres im Moment als ihre Lieblingsmusik bezeichneten, sagten alle &uuml;bereinstimmend: &quot;&#8230; wir h&auml;tten uns einen deutschen Schlager wohl nie angeh&ouml;rt, aber wir haben uns bei allen H&ouml;rbeispielen nicht unwohl gef&uuml;hlt.&quot;<\/p>\n<p>Untermauert werden diese Aussagen zus&auml;tzlich durch Berichte &uuml;ber pl&ouml;tzliche Todesf&auml;lle durch Herzrhythmusst&ouml;rungen bei Techno-Partys und Rockkonzerten. Es ist schlussendlich auch bezeichnend, dass bei Heavy Metal- und Technomusik selbst Pflanzen weniger gut wachsen oder sogar eingehen, wenn sie damit st&auml;ndig beschallt werden. Bei Schlagermusik ist dies genau umgekehrt. Und das sagt doch alles.<\/p>\n<p><strong>Warum sind Schlager so erfolgreich?<\/strong><\/p>\n<p>Der deutsche Schlager unterscheidet sich zun&auml;chst einmal von den anderen Musikrichtungen oberfl&auml;chlich betrachtet nur mehr in der Sprache. Und jetzt muss ich mal etwas geschichtlich werden, denn auch historisch ist belegt: Schlager ist in gewisser Weise die Mutter der deutschen Popul&auml;rmusik. Der Name &quot;Schlager&quot; selbst kommt wiederum aus der Wirtschaftssprache und stand f&uuml;r ein Produkt, das so richtig &quot;eingeschlagen&quot; hat. Heute w&uuml;rde man dies als Bestseller, Kassenerfolg oder Renner bezeichnen. Das erste St&uuml;ck, das von der Presse als &quot;Schlager&quot; bezeichnet wurde, war- es ist kaum zu glauben &#8211; der Walzer &quot;An der sch&ouml;nen blauen Donau&quot; von Johann Strau&szlig; aus dem Jahr 1867. Schlager war also: alles! Klassische Musik, Elvis Presley, die Beatles. Ja sogar Jethro Tull und die Rolling Stones fielen unter diese Rubrik.<\/p>\n<p>Ob nun Helene Fischer, Andrea Berg oder Roland Kaiser: Schlagermusik ist eing&auml;ngig, hat einfache musikalische Strukturen, einen tanzbaren Rhythmus und zeichnet sich durch eine wenig komplexe Harmonik aus. &Uuml;ber die textliche Ebene wird zudem sehr stark das Gef&uuml;hl- und Harmonieverlangen der Rezipienten angesprochen. Addiert man nun all diese Komponenten, so bleibt unter dem Strich ein Produkt, das nicht oder wenig anstrengend daherkommt, eine Art Nestw&auml;rme und Geborgenheit schafft und dadurch in der Wirkung als beruhigend und entspannend bezeichnet werden kann. Man hat letztlich einfach das Gef&uuml;hl der Vertrautheit, denn ob Text oder Musik &#8211; man glaubt einfach schon mal alles irgendwie geh&ouml;rt zu haben. Es sind kurzum stets die einfachsten Ideen, die z&uuml;nden und somit den ganz gro&szlig;en Erfolg bringen. Man muss sie nur haben und das immer und immer wieder. Aber das ist genau die Schwierigkeit.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielt dabei der Interpret selbst?<\/strong><\/p>\n<p>Der Interpret ist letztlich der, der das Produkt &quot;verkaufen&quot; muss und somit muss er ebenfalls dem Zeitgeist Rechnung tragen. Das f&auml;ngt beim Aussehen an, geht weiter &uuml;ber das Outfit und h&ouml;rt beim Namen auf. Der K&uuml;nstlername beispielsweise muss &quot;aus der Lippe fallen&quot;. Da geht nichts mit Koslowsky, Bittermann oder M&uuml;ller-Kasuppke. Nein, einfach und klangvoll muss er sein. Doppelnamen sind ein absolutes Tabu und gehen gar nicht. Jedoch ein Schuss Internationalit&auml;t darf dann durchaus auch schon mal dabei sein. Das hat dann so ein wenig etwas von Fernweh, Weltoffenheit und Kosmopolit&auml;t. Aber auch hier darf es nicht zu kompliziert werden. Ein Accent aigu &uuml;ber dem &quot;a&quot; oder dem &quot;e&quot; wirkt da oft schon Wunder.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<strong>Kann man mit einem modernen Schlager-Radio auch junge Leute begeistern?<\/strong><\/p>\n<p>In den unterschiedlichsten und durchaus verr&uuml;cktesten Locations veranstalten junge Leute immer mehr Schlager-Partys. hr4 kann auch diese j&uuml;ngeren H&ouml;rer begeistern. Nehmen wir mal den aktuellen Superhit &quot;Atemlos&quot; von Helene Fischer, der mit verschiedenen Remixen, darunter auch diverse Versionen im House-Stil, aufwartet. Durch diese Variante, Titel in unterschiedlichen Soundanmutungen zu produzieren, bekommen K&uuml;nstler immer mehr die M&ouml;glichkeit das eigene Publikum zu erweitern und das sind eben zunehmend auch die j&uuml;ngeren Zielgruppen. Alte Klassiker bekommen so einen neuen &quot;Anstrich&quot; und aktuelle Hits erhalten eine weitere M&ouml;glichkeit der Darstellung, um das Publikum zu erreichen, das die jeweilige Musikrichtung bevorzugt. Ich m&ouml;chte sagen, dass hier Synergie-Effekte erzielt werden, die den musikalischen Spagat zwischen &auml;lteren und j&uuml;ngeren Konsumenten vollziehen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<strong>Wie w&uuml;rden Sie Ihre Zielgruppe strukturieren?<\/strong><\/p>\n<p>Unsere Zielgruppe in Alterssegmente einzuteilen, m&ouml;chte ich nicht machen. Nat&uuml;rlich ist die hr4-Gemeinde aufgrund ihrer Genese der &auml;lteren Generation zuzurechnen. Doch beobachten wir &ndash; auch Dank der neuen Wilden wie Helene Fischer, Andrea Berg, Andreas Gabalier usw. &ndash; eine steigende Fangemeinde an jungen H&ouml;rern. Schlager kann und darf mittlerweile rocken und verrucht sein. Und nehmen wir auch einmal den mittlerweile leider verstorbenen Udo J&uuml;rgens als Beispiel -&ndash; auch er hatte sich &uuml;ber &quot;Merci Cherie&quot; und &quot;17 Jahr&#39;, blondes Haar&quot; musikalisch unglaublich weiterentwickelt. Ich w&uuml;rde da fast schon von mehreren Quantenspr&uuml;ngen sprechen. Seine Songs waren immer mehr gekennzeichnet von den unterschiedlichsten Musikrichtungen, selbst manchmal innerhalb eines Titels. Am Ende kamen dann v&ouml;llig neue Kombinationen heraus, die bei einem breiten Publikum f&uuml;r eine unglaubliche Begeisterung sorgten. Ein Udo J&uuml;rgens-Konzert oder ein Konzert von James Last und seinem Orchester, war und ist immer auch ein Treffen der Generationen. Und das ist auch gut so.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<strong>Warum gibt es aber Schlager, die erfolgreicher sind als andere?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist ganz schwer zu sagen. Hits am Flie&szlig;band und das vielleicht nur aus einer Feder &ndash; das gibt es so gut wie kaum. Und das untermauert diese Aussage von mir. Ein Superhit ist einfach nicht planbar und auch nicht konstruierbar. Wir sprechen immer noch von Emotionalit&auml;t und nicht von mathematischen Formeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beispiel: Kristina Bach schreibt schon seit vielen Jahren Schlager. Der ganz gro&szlig;e Wurf ist ihr jedoch erst k&uuml;rzlich mit Helene Fischers &quot;Atemlos&quot; gegl&uuml;ckt. Gerechnet hat sie damit selbst nicht. Zumindest nicht in dieser Dimension.<\/p>\n<p>Man kann jedoch vielleicht eines sagen: M&ouml;glicherweise spricht der erfolgreichere Schlager einen Tick mehr die Gef&uuml;hle und den momentanen Zeitgeist an, ist eine Spur wiedererkennbarer, aber trotzdem einzigartig.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<strong>Abschlie&szlig;end noch die Frage: Wie sieht die Zukunft von hr4 aus?<\/strong><\/p>\n<p>Ein kluger Kopf hat einmal gesagt, dass Vorhersagen immer dann besonders schwierig sind, wenn sie die Zukunft betreffen. Das kann ich nur unterstreichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ernsthaft: Ich glaube, dass ein deutschsprachiges Musikprogramm wie hr4 auf jeden Fall sehr gute Perspektiven f&uuml;r die Zukunft hat, wenn man die immer wieder neuen Str&ouml;mungen und Bed&uuml;rfnisse der Konsumenten rechtzeitig erkennt. Wie immer das auch in einigen Jahren soundm&auml;&szlig;ig aussehen mag. Tatsache ist doch, dass unser Denken, Reden und sogar Tr&auml;umen immer noch im Deutschen abl&auml;uft und das sind doch die besten Voraussetzungen.<\/p>\n<p>hr4 (Textvorlage)<br \/>http:\/\/www.hr-online.de\/website\/radio\/hr4\/<br \/>http:\/\/www.hr-online.de\/website\/radio\/hr4\/index.jsp?rubrik=11806&#038;key=standard_document_7622498<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerhard Schilling erkl\u00e4rt die \u00b4Faszination \u00b4Schlager\u00b4 in einem faszinierenden Interview&#8230;:\u00a0 Die Musikbranche steckt ein wenig in der Krise. 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