{"id":81835,"date":"2016-01-15T00:00:00","date_gmt":"2016-01-15T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/smago.de\/ws\/?p=81835"},"modified":"-0001-11-30T00:00:00","modified_gmt":"-0001-11-29T22:00:00","slug":"JOACHIM-WITT-The-Triple-Album-C-81834","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/smago.de\/ws2\/ndw\/JOACHIM-WITT-The-Triple-Album-C-81834\/","title":{"rendered":"JOACHIM WITT <br \/>&quot;The Triple Album Collection&quot; im Test von Holger St\u00fcrenburg: &quot;Silberblick&quot; &#8211; &quot;Edelwei\u00df&quot; \u2013 &quot;M\u00e4rchenblau&quot;!"},"content":{"rendered":"<p>Ganze 6 Tage lang hat Holger St\u00fcrenburg an dieser Kolumne gearbeitet &#8230;:\u00a0 <!-more-><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit einigen Jahren hat es sich zunehmend eingeb&uuml;rgert, dass die gro&szlig;en Plattenfirmen immer h&auml;ufiger &auml;ltere Produktionen aus ihrem Katalogarchiv in Form von Dreier- oder F&uuml;nfer-CD-Sets im Pappschuber, ohne Beiheft, &bdquo;Liner Notes&ldquo; oder &bdquo;Credits&ldquo;, daf&uuml;r aber mit verkleinertem Originalcover neu auflegen, zumeist zu &auml;u&szlig;erst kulanten Preisen von zehn bis 15 Euro. Nachdem zuvorderst urs&auml;chlich internationale Katalogthemen aller popul&auml;rmusikalischer Stilistiken aus den Kellern der Companys geholt und soundtechnisch entstaubt wurden, f&uuml;hrte man nun nach und nach auch eine ganze Menge an deutschgesungenem Liedmaterial der 70er, 80er, 90er Jahre einer Wiederaufarbeitung im Pappschuber-Modus zu.<\/p>\n<p>So habe ich auf <em>smago!<\/em> ja bereits 2014 von SONY unter dem Motto &bdquo;Original Album Classics&ldquo; zusammengestellte F&uuml;nf-CD-Sets von Roland Kaiser bzw. Roger Whittaker ausf&uuml;hrlich gew&uuml;rdigt, zumal bei der Auswahl der ausgegrabenen Alben oft tats&auml;chlich nicht nur das auf dem Markt reputierlichste Schaffen eines K&uuml;nstlers zum Einsatz kam, sondern auch immer wieder die eine oder andere, lange verschollene (bzw. gar zuvor noch nie auf Silberscheibe reanimierte) Rarit&auml;t zur Freude vieler Fans f&uuml;r solche kosteng&uuml;nstigen CD-Boxen ber&uuml;cksichtigt wurde.<\/p>\n<p>Nach SONY, SPV, RHINO, Electrola\/UNIVERSAL, hat nun auch WARNER MUSIC, bei denen die meisten Rechte fr&uuml;herer WEA-, TelDec und neuerdings auch PARLOPHONE-Themen liegen (letztere wurden fr&uuml;her stets von EMI verwaltet und wanderten wohl nach der Fusion von EMI und UNIVERSAL zu WARNER), den Pappschuber-Trend f&uuml;r sich entdeckt. Gab es von der Firma aus der Hamburger Speicherstadt bislang <strong>&bdquo;The Triple ALBUM Collection&ldquo;<\/strong> genannte Drei-CD-Boxen aus dem deutschsprachigem Raum mit Bekanntem, wie Rarem, von z.B. &bdquo;Ideal&ldquo;, Georg Danzer, Nena oder Udo Lindenberg, zu kaufen, so hatte sich WARNER&nbsp; MUSIC entschieden, zum Weihnachtsgesch&auml;ft 2015 die ersten drei LPs von <strong>JOACHIM WITT<\/strong> im Rahmen dieser Serie zwecks Wiederentdeckung zu pr&auml;sentieren.<\/p>\n<p>Insgesamt vier Soloalben hatte der Hamburger Deutschrocker zwischen 1980 und 1985 bei WEA aufgenommen; die beste, zugleich bizarrste, treffsicherste (daher aber auch leider am wenigsten erfolgreichste), am seltensten aufzufindende 1985er-Scheibe &bdquo;Mit Rucksack und Harpune&ldquo; (wohl dem, der dieses Meistwerk auf einer seinerzeitigen CD-Erstpressung sein Eigen nennt; bei E-Bay oder Amazon sind die geforderten Preise, gerade f&uuml;r die CD-Ausgabe, horrend!) ist nicht dabei, daf&uuml;r aber bahnbrechende Rock-, Wave-, Synthipop-Meilensteine, mit denen der gelernte Photograph und zeitweilige Schauspieler am &bdquo;Thalia-Theater&ldquo; aus Hamburg-Eppendorf in der ersten H&auml;lfte der 80er Jahre unbestreitbar Musikgeschichte schrieb &ndash; und dies weit, weit &uuml;ber das in jenen Tagen alles beherrschende Ph&auml;nomen der Neuen Deutschen Welle (NDW) hinausgehend bzw. diese vor allem aus kommerziellen Erw&auml;gungen heraus geschaffene Schublade immer wieder brachial und gewitzt zugleich &uuml;berwindend.<\/p>\n<p>Als der introvertierte Hochbegabte seine vorherige Band &bdquo;Duesenberg&ldquo; verlie&szlig;, die 1980 soeben mit dem Deutschen Schallplattenpreis ausgezeichnet worden war, besann sich Joachim Witt, der zuvor fast ausnahmslos auf Englisch gesungen hatte, von nun an bis auf Weiteres in lyrischer Hinsicht darauf, muttersprachliche Wege beschreiten zu wollen. Gemeinsam mit seinem Ex-Kollegen von &bdquo;Duesenberg&ldquo;, Harry Gutowski, &bdquo;CAN&ldquo;-Schlagzeuger Jaki Liebezeit und Synthesizer-Experte Harald Gro&szlig;kopf, der in etwa zeitgleich die schrille NDW-Combo &bdquo;Lili Berlin&ldquo; ins Leben gerufen hatte, spielte Joachim Witt schon im Sommer 1980 seine erste deutschsprachige Solo-LP <strong>&bdquo;Silberblick&ldquo;<\/strong> ein, die zun&auml;chst allerdings wie Blei in den Regalen liegen blieb. Dies geschah solange, bis durch seinen Auftritt am 07. November 1981 im Bremer &bdquo;Musikladen &ndash; deutsch&ldquo; mit seiner Single <strong>&bdquo;Goldener Reiter&ldquo;<\/strong> ein erster realer Grundstein der (auch verkaufstr&auml;chtigen) NDW geboren wurde, obwohl diese Zuordnung dem K&uuml;nstler selbst eher missfiel, und der Song an sich weitaus mehr zu bieten hatte, als &uuml;berzeichnetes &bdquo;Hohe Berge&ldquo;-Entz&uuml;cken oder grell-schrille &bdquo;Sternenhimmel&ldquo;-Fr&ouml;hlichkeit, die sp&auml;testens ab Fr&uuml;hjahr 1982 das Label &bdquo;NDW&ldquo;, mal mehr, mal weniger gehaltvoll, kennzeichneten<\/p>\n<p>Ja, nach Joachims Aufwartung bei Manfred Sexauer, geriet der &bdquo;Goldene Reiter&ldquo; schleunigst zum allseits beliebten Top-10-Erfolg und erzielte dort als h&ouml;chsten Rang den ehrenvollen zweiten Platz. Dieser unerwartete Durchbruch des kratzb&uuml;rstigen Gitarrenrock-Epos &uuml;ber einen stadtbekannten Yuppie, der urpl&ouml;tzlich an Schizophrenie erkrankt und auf dem Weg in die geschlossene Anstalt noch einmal sein bisheriges Leben zwischen schnellem Aufstieg und ebenso rasanten Fall Revue passieren l&auml;sst, trug daf&uuml;r die Verantwortung, dass sich das bereits knapp zwei Jahre alte Solodeb&uuml;t &bdquo;Silberblick&ldquo; Anfang 1982 ebenfalls schnurstracks unter die ersten Zehn der einheimischen LP-Hitparaden mischen konnte.<\/p>\n<p>&bdquo;Silberblick&ldquo; mit seinen acht durchwegs so radikalen, wie genialen Klangdramen, stilistisch einzusortieren zwischen graziler New Wave US-amerikanischer Pr&auml;gung, lautem, eher britischen Gitarrenrock, ungew&ouml;hnlichen Synthikaskaden und lyrischer, wie klanglicher Avantgarde, wurde als erste Witt-Scheibe in die aktuelle &bdquo;Triple Album Collection&ldquo; von WARNER MUSIC eingef&uuml;gt. Hierbei handelt es sich um eine Klasse Songsammlung, so d&uuml;ster, wie ausschweifend, teils eher abgekl&auml;rter bis depressiver Natur, nicht selten zutiefst zeitgeistkritisch und, aus einer gewissen wertkonservativen Sicht heraus, anpolitisiert, wie zugleich h&auml;ufig durchaus ohrwurmtauglich, wenn dies vielleicht auch nur sehr offene, zuh&ouml;rfreudige H&ouml;rorgane von nachdenkwilligen, querdenkenden Gehirnen unter uns Musikfreunden zu erkennen verm&ouml;gen.<\/p>\n<p>Auf den &bdquo;Goldenen Reiter&ldquo;, der noch heute zu den un&uuml;bertrefflichen Tanzfl&auml;chenf&uuml;llern auf allen 80er-, Wave- und NDW-Partys dieser Republik z&auml;hlt, jahrelang vom Interpreten selbst bei Livekonzerten w&auml;hrend seiner zweiten Karriere im Dark-Wave- und Gothic-Rock-Umfeld 1998ff gemieden, und zus&auml;tzlich in den 90er Jahren zuhauf in klanglich grausamen, entstellenden Dancefloor- und Techno-Versionen verhunzt wurde, folgte als Single Numero Zwei eine &ndash; in der LP-Version &uuml;ber sechsmin&uuml;tige, im Single-Format auf 3.50 Min zusammengestutzte &ndash; geradezu diabolisch-sp&ouml;ttische Parodie auf den sich seinerzeit abzeichnenden &Auml;u&szlig;erlichkeiten- und Modewahn der jungen Generation, der heutzutage l&auml;ngst derart absurde Ausma&szlig;e angenommen hat, die vor 35 Jahren nicht einmal der kritischste Kulturpessimist, welcher politischen Ausrichtung auch immer, h&auml;tte erahnen k&ouml;nnen: <strong>&bdquo;Kosmetik (Ich bin das Gl&uuml;ck dieser Erde)&ldquo;<\/strong> verballhornte, drastisch deklamiert aus der Sicht des so selberherrlichen, wie toughen &bdquo;M&auml;dchens Kosmetik&ldquo;, dessen bei genauer Betrachtung der Fakten nur als irrational und unerreichbar zu klassifizierendes Vorhaben, einfach <em>alles <\/em>daf&uuml;r zu tun, um in der Model- und Laufstegszene ganz, ganz gro&szlig;e Karriere machen zu k&ouml;nnen und vielleicht &ndash; wenn es denn so w&auml;re &#8211; einst als &bdquo;Gl&uuml;ck dieser Erde&ldquo; in die Historie des Glitzerweltenlaufs einzugehen.<\/p>\n<p>Die sarkastische, &ouml;fters geradezu zynische Betrachtung oberfl&auml;chlicher, rein k&ouml;rperorientierter M&auml;dels und Frauen, aber auch ebenso gepolter, schrill-yuppifizierter, dummbl&ouml;der M&auml;nner, letztlich allgemein der im Laufe der 80er und 90er Jahre zunehmend kommerzgeileren Gesellschaft, zieht sich bis heute wie ein roter Faden durch nicht wenige der stets sehr gew&auml;hlt sprachlich austarierten, um die Ecke gedachten, weltanschaulich nie so recht fassbaren Texte des Joachim Witt.<\/p>\n<p>In musikalischer Hinsicht lebte &bdquo;Kosmetik (Ich bin das Gl&uuml;ck dieser Erde)&ldquo; in den Strophen von einem schwelgenden, sonnig-entspannten Ambiente, gepaart mit Joachims &uuml;berzeichnet &auml;tzender Stimme, welches im Bridgeteil zu brodelnden Gitarrenw&auml;llen desertiert, welchselbige dann im Refrain die im Text vermittelte, &uuml;berdrehte Dekadenz berstend und &uuml;berbordend untermalen. Auch die damalige B-Seite dieses phantastisch zugespitzten Zeitgeistzeugnisses z&auml;hlt zu den &uuml;berzeugendsten Liedbeitr&auml;gen auf &bdquo;Silberblick&ldquo;: <strong>&bdquo;Ja, ja&hellip;&ldquo;<\/strong>, erneut auf bockiger Gitarren-plus-Synthi-Basis arrangiert, ist eine weitere, diesmal eher sehr surreal gehaltene, gleicherma&szlig;en bitterb&ouml;se Anklageschrift gegen materiell-martialische Denkweisen und beginnende Technik- und Fortschrittsh&ouml;rigkeit zu Beginn der 80er Jahre. Diese wurden lyrisch umschrieben mit marschierenden Burschenschaftern, die des Lied-Ichs so m&uuml;hevoll angepflanztes Blumenbeet mit ihrem Stechschritt zermalmen, mit der niederschmetternden Feststellung, dass kaum noch Menschen in die Kirche gehen und versinnbildlicht durch eine den Blick auf das wesentliche verstellende &bdquo;s&uuml;&szlig;e Betonwand&ldquo; (Textzitat), die so gar nicht in das naturalistisch-romantische &bdquo;Traumland&ldquo; (dto.) des Protagonisten passen mag.<\/p>\n<p>Nicht weniger bei&szlig;end, scharfz&uuml;ngig und ironisch, spie&szlig;te Joachim grellen Hedonismus, unaufhaltsame &Uuml;bertechnisierung und grenzenlosen Kaufrausch (oder, wie er es ausdr&uuml;ckt: &bdquo;Konsumpsychopathie&ldquo;) im &#8211; nur vordergr&uuml;ndig (absichtlich &uuml;bertrieben) sanft, lieblich, geradezu einschmeichelnd, ert&ouml;nenden &ndash; Synthichanson <strong>&bdquo;Ich hab&lsquo; so Lust auf Industrie&ldquo;<\/strong> auf &ndash; eine Textthematik, heute aktueller denn je, die der hochtalentierte Deutschrocker z.B. 1983 bei &bdquo;H&ouml;rner in der Nacht&ldquo; (worauf noch zu kommen sein wird), und zwei Jahre sp&auml;ter im legend&auml;ren &bdquo;Zick-Zack-Zucker-Rock&ldquo; willentlich fortsetzte, um 1992 diesen flachen, geistlosen Irrsinn, f&uuml;r sich und sein eigenes Dasein, im Zuge einer sehr verdienten Selbstverliebtheit, ein f&uuml;r alle Mal mittels der dauerhaft grandiosen, gesungenen Modernisierungsverweigerung &bdquo;Restlos&ldquo; zu konterkarieren: &bdquo;Ich m&ouml;chte Restlos weg vom Tagesgeschehen \/ so richtig Restlos nie mehr Nachrichten sehen&ldquo;&hellip;<\/p>\n<p>Unzufriedenheit mit sich (&bdquo;&hellip;woran glaubst Du \/ wenn die Stunden Dich zerrei&szlig;en?&#8230;&ldquo;) und der Welt (&bdquo;&hellip; die Welt verhurt im Habenfieber&ldquo;&hellip;), belastende Selbstzweifel (&bdquo;&hellip;Taue zieh&rsquo;n an Deinen Nerven&hellip;&ldquo;), den Wunsch genau dieser unhaltbaren Situation zu entfliehen (&bdquo;&hellip;dann schreist Du \/ alles zu&hellip;&ldquo;), f&uuml;hren in dem musikalisch d&uuml;ster-ausweglos wirkenden, stimmlich zackig-abgehakt intonierten Gitarrenmelodram <strong>&bdquo;Meine Nerven&ldquo;<\/strong> die Thematik der eben geschilderten Lieder in diesem Falle philosophisch-psychologisch, auf eine andere, konsequent pers&ouml;nliche Ebene. Der fetzige Gitarrenrocker <strong>&bdquo;Mein Schatten (Na, na, na, Du Bandit, Du)&ldquo;<\/strong> hingegen parodiert, beseelt von feinem Spott, durchaus h&auml;misch und glei&szlig;end, den (angeblichen) &bdquo;Orwell-Staat&ldquo;, ein als bedrohlich empfundenes &Uuml;berwachungswesen, vor dem in den 80er Jahren oft in den hysterischsten T&ouml;nen gewarnt wurde (der zwar in dieser Form niemals eintrat, aber heutzutage, sicherlich anders gewichtet, vielleicht n&ouml;tiger ist, denn je).<\/p>\n<p>F&uuml;r die sph&auml;rische, weitschweifige Ballade <strong>&bdquo;Der Weg in die Ferne&ldquo;<\/strong> lieh sich Joachim Witt den ungemein intimen, (nur) auf den ersten Blick sehr friedvollen und entspannten, vielmehr jedoch &auml;u&szlig;erst vieldeutigen und (lyrisch) verschachtelten 1979er-Klassiker &bdquo;Heaven&ldquo; der brillanten New Yorker New-Wave-Band &bdquo;Talking Heads&ldquo; aus und gestaltete aus dieser fragilen Wave-Pop-Elegie eine verschn&ouml;rkelte Ode auf eine imagin&auml;re Bar namens &bdquo;Heaven&ldquo;, die als &bdquo;Weg in die Ferne&ldquo; hinab\/hinein\/hinauff&uuml;hrt &bdquo;zur endlos kalten W&auml;rme&ldquo; (Textzitat) &ndash; was immer dies auch sein mag! Mit der neun(!)min&uuml;tigen, sich hemmungslos auswachsenden, nahezu alles andere &uuml;berflutenden Synthesizer-Arie <strong>&bdquo;Sonne hat sie gesagt&ldquo;<\/strong>, deren endlos erscheinende, sph&auml;rische Keyboard-Schwaden, die so zur&uuml;ckhaltende und gleichf&ouml;rmig gehackte Rhythmik, sowie das volumin&ouml;s-futuristische Flair insgesamt, an so manche, stilistisch &auml;hnlich ausgerichtete Klangspielerei auf der ersten und zweiten LP von &bdquo;Ultravox&ldquo; <em>MIT<\/em> Midge Ure oder gar an einige verschrobene Beitr&auml;ge aus der &bdquo;Berlin-Trilogie&ldquo; von David Bowie gemahnen, endet ein vom ersten bis zum letzten Takt schier perfektes Album ohne jeglichen Durchh&auml;nger, das immer wieder zum Nachdenken, Sinnieren, Hoffen und Nachempfinden anregt; auch (und insbesondere) 35 Jahre nach Erstver&ouml;ffentlichung, zumal nun vieles, was in den acht Liedern so satirisch, wie warnend, aufbereitet wurde, l&auml;ngst &ndash; meist bedauerlicherweise &#8211; eingetreten ist. <strong>&bdquo;Silberblick&ldquo;<\/strong> ist, was die Jahre 1980\/81 betrifft, in Sachen &bdquo;Zeitgeist(kritik) in Liedform&ldquo; mit derselben zeitgeschichtlichen Relevanz zu bedenken, wie &bdquo;Monarchie &amp; Alltag&ldquo; von &bdquo;Fehlfarben&ldquo; oder (nat&uuml;rlich in divergierendem musikalischen Umfeld) &bdquo;Udopia&ldquo; von Udo Lindenberg.<\/p>\n<p>Als der so unvermutete, wie in diesem Ausma&szlig; &uuml;beraus erstaunliche Erfolg von &bdquo;Silberblick&ldquo;, der, wie beschrieben, erst zur Jahreswende 1981\/82 einsetzte, noch am Kochen war, entschied sich die WEA im M&auml;rz 1982, das &ndash; inhaltlich kaum weniger famose, aber weitaus diffizilere &#8211; Folgewerk <strong>&bdquo;EdelweISS&ldquo;<\/strong> ins Rennen zu senden. Diese &uuml;berwiegend schwarzhumorige, teils (nicht nur) verdeckt depressive, weltschmerzende, wiederum au&szlig;erordentlich nachdenkliche und quergedachte LP war von Joachim Witt und fast denselben Begleitmusikern, wie bei &bdquo;Silberblick&ldquo;, bereits im Oktober 1981 fertiggestellt worden und wurde bis zum Zeitpunkt des Durchbruchs des &bdquo;Goldenen Reiters&ldquo; seitens der Firma zur&uuml;ckgehalten. Zehn als sehr maschinell, unterk&uuml;hlt auffallende und eindrucksvoll synthesizerlastige Kompositionen beherbergt &bdquo;Edelwei&szlig;&ldquo;, betreffend dessen Betitelung Joachim vor ein paar Jahren zu Protokoll gab, diese erg&auml;be &uuml;berhaupt keinen Sinn, st&uuml;nde auch nicht in Verbindung zu Songmaterial und Textaussagen, sondern sei ihm einfach so eingefallen. F&uuml;r ihn hie&szlig; sein zweites Soloalbum &bdquo;Edelwei&szlig;&ldquo; &#8211; also wurde es auch offiziell so betitelt Punkt!<\/p>\n<p>Bekanntester Song aus diesem technoiden, dabei meist klirrend kalten und trotzdem gef&uuml;hlsbetonten und ungewohnt pers&ouml;nlichen, weniger aus reinen Rollenliedern bestehenden Songzyklus war zweifelsohne die erste und einzige Singleauskoppelung <strong>&bdquo;Herbergsvater (Tri Tra Trullala)&ldquo;<\/strong>. Diese wurde als Kleine Schwarze allerdings erst im Mai 1982 ver&ouml;ffentlicht und drei Monate sp&auml;ter, am 21. August desselben Jahres, in der deutschen Ausgabe des &bdquo;Musikladen&ldquo; vorgestellt. Der gewollt penetrant und schablonen- wie phrasenhaft ausgearbeitete, rasierklingenscharfe Elektro-Ohrwurm ist, laut des Interpreten &bdquo;ein Spottlied auf sogenannte Autorit&auml;ten&ldquo;, die nun mal &bdquo;penetrant seien&ldquo;, weshalb &bdquo;Herbergsvater&ldquo; auch in genau diesem Sinne klanglich aufgestellt sei.<\/p>\n<p>Er&ouml;ffnet wird &bdquo;Edelwei&szlig;&ldquo; durch den mit Marschmusik-&auml;hnlicher Rhythmik &uuml;berzeichneten, treibenden New-Wave-Rocker <strong>&bdquo;Inflation im Paradies&ldquo;<\/strong>, der zickig und &uuml;berkandidelt &uuml;ber eilige Weltflucht auf der Balance von Traum und Wirklichkeit bzw. bizarres Reisefieber, ausschlie&szlig;lich per TV und Photos ausgelebt, gr&uuml;belt. Eine &auml;hnliche Thematik, jedoch in emotionaler bzw. zwischenmenschlicher Betrachtungsweise, liegt dem mit vollster Absicht monoton und schematisch gehaltenen, instrumental eher zur&uuml;ckhaltend ausgekleideten, trotzigen Wunsch nach Ausbruch aus der Zivilisation, <strong>&bdquo;Ich fahr&lsquo; nach Afrika&ldquo;<\/strong>, zugrunde. Hier beschlie&szlig;t das Lied-Ich aufgrund der Tatsache, dass ihn seine Angebetete nicht erh&ouml;ren mag, sei es aus Entt&auml;uschung, aus Minderwertigkeitsgef&uuml;hlen gegen&uuml;ber der unerreichbaren Frau heraus, aus Angst vor den f&uuml;rchterlichen seelischen Folgen der Ablehnung: &bdquo;Es ist das Beste \/ ich fahr&lsquo; nach Afrika&ldquo; (Textzitat).<\/p>\n<p>Daran anschlie&szlig;end zog es Joachim Witt ohne Umwege ins <strong>&bdquo;Exil&ldquo;<\/strong> (Songtitel): Ob mit dieser explizit flotten, voranstrebenden, sachtest frohsinnigeren Wave-Explosion die verworrenen Empfindungen eines Demenzkranken aus dessen Sicht erz&auml;hlt werden, oder ob das Lied-Ich vielmehr in ein selbstgew&auml;hltes, inneres &bdquo;Exil&ldquo; einzukehren gedenkt, ist nicht so einfach zu eruieren. Dies bleibt dem H&ouml;rer &uuml;berlassen. &bdquo;Exil&ldquo; ist zumindest einer der poplastigeren Titel auf &bdquo;Edelwei&szlig;&ldquo;, der auf jeden Fall eine hoffnungsvolle Singleauskoppelung abgegeben h&auml;tte, zumal eine gewisse stilbezogene Verwandtschaft betreffs musikalischer Umsetzung, Rhythmus und instrumentaler Darbietung mit dem legend&auml;ren &bdquo;Goldenen Reiter&ldquo; un&uuml;berh&ouml;rbar ist. <strong>&bdquo;Mutter Natur (oder: Das Echo von Euskirchen)&ldquo;<\/strong> wirkt dagegen wie eine pikant-derbe Persiflage auf neue deutsche Heimatverbundenheit im Sinne von Frl. Menkes &bdquo;Hohen Bergen&ldquo;, die zwar zum Zeitpunkt der Produktion von &bdquo;Edelwei&szlig;&ldquo; noch gar nicht ver&ouml;ffentlicht worden waren, hinter denen aber Ex-&bdquo;Duesenberg&ldquo;-Harry Gutowski als Songwriter steckte, dessen Einfluss auf Joachim Witts deutschgesungene Fr&uuml;hwerke keinesfalls als unerheblich zu bezeichnen ist.<\/p>\n<p><strong>&bdquo;Ich bin der Deutsche Neger&ldquo; <\/strong>ist eine fulminante Mixtur aus knalligem Maschinen-Beat a la &bdquo;D.A.F.&ldquo;, hitzigem Gitarren-Funk der Sorte &bdquo;Talking Heads&ldquo; aus der Fr&uuml;hphase vor Brian Eno und verzerrt pseudo-schlagerhaftem Liebesges&auml;usel in zickiger Reinkultur. F&uuml;r die kauzig-unnahbaren emotionalen Verh&auml;ltnisse, Denk- und F&uuml;hlweisen eines meist vergeistigt und antihedonistisch wirkenden K&uuml;nstlers, wie Joachim Witt zweifelsohne einer ist, kann der diesmal hochmelodische Pop\/Rock-Verschnitt <strong>&bdquo;Warten auf das gro&szlig;e Gl&uuml;ck&ldquo;<\/strong> tats&auml;chlich als reale, offene und erwartungsvolle Liebeserkl&auml;rung, als geradezu lustvolle Ode auf die holde Weiblichkeit bezeichnet werden, selbst wenn diese immer wieder als widerspenstig, st&ouml;rrisch und eigensinnig um die Ecke gedacht aus den Lautsprechern flie&szlig;t und sprie&szlig;t. Diese soeben dargebotene, drastische Gl&uuml;ckseligkeit konterkariert sogleich der n&auml;chste &bdquo;Edelwei&szlig;&ldquo;-Beitrag, der da hei&szlig;t <strong>&bdquo;Denn ich bin so einsam&ldquo;<\/strong>, klanglich erneut an David Byrne und die Seinen ebenso gemahnt, wie bez&uuml;glich Schlagzeug- und Bassarbeit an den tiefschwarzen Gruftrock-Klassiker &bdquo;A Forest&ldquo; von &bdquo;The Cure&ldquo; oder in seinem Gitarrensound an manche Depri-Arien der grandiosen &bdquo;Joy Division&ldquo;, die zur Dekadenwende 70er\/80er das melancholische, d&uuml;stere, tr&uuml;bsinnige und verzagte Element in die angesagte New-Wave- und New Romantic-Szenerie jener Musik&auml;ra einbrachten. Percussiv, fast ausschlie&szlig;lich aus draller, nerv&ouml;ser Rhythmik bestehend, ohne jegliche Melodie und Harmonie, w&uuml;nscht sich Joachim Witt nun &bdquo;so weit, so weit&ldquo;&hellip; nach <strong>&bdquo;Kuwait&ldquo;<\/strong> (Songtitel) zu emigrieren, bevor das offenbar sadistisch veranlagte (und doch so gro&szlig;herzige und f&uuml;rsorgliche) <strong>&bdquo;Strenge M&auml;dchen&ldquo;<\/strong> (Songtitel) zu peitschenden Rhythmen und (unter)griffigen Keyboard-Akkorden untert&auml;nigst glorifiziert wird.<\/p>\n<p><strong>&bdquo;Edelwei&szlig;&ldquo;<\/strong> ist in Anbetracht seiner Intensit&auml;t, seines Charme, seiner Dichte, kaum weniger elektrisierend und anziehend ausgefallen, als der Vorg&auml;nger &bdquo;Silberblick&ldquo;. Es fehlen allerdings zeitkritische, wom&ouml;glich politische Anspielungen, die das Deb&uuml;t nicht nur kenn-, sondern auch besonders auszeichneten. Musikalisch standen f&uuml;r &bdquo;Edelwei&szlig;&ldquo;, neben den unvermeidlichen &bdquo;Talking Heads&ldquo;, un&uuml;berh&ouml;rbar kommerzfreie NDW-Projekte, wie &bdquo;D.A.F.&ldquo; oder &bdquo;Der Plan&ldquo;, Pate, was insbesondere die von denen begr&uuml;ndeten Formen von Minimalismus, provokativer Eint&ouml;nigkeit und arrangementbezogener Schlichtheit betrifft. &bdquo;Edelwei&szlig;&ldquo; scheint inhaltlich weitaus pers&ouml;nlicher, intimer, tiefer im Leben des Joachim Witt selbst verwurzelt zu sein, als der Vorg&auml;nger, zumal hier Rollenlieder zumeist gegen aus eigener Sicht des K&uuml;nstlers dargebotene Reime ausgetauscht wurden. &bdquo;Edelwei&szlig;&ldquo; ist ohne Frage ein sehr schwieriges, alles andere als leicht zug&auml;ngliches Opus, dessen ausgepr&auml;gte Qualit&auml;t und Vielseitigkeit sich erst nach mehrfachem H&ouml;ren zu offenbaren vermag.<\/p>\n<p>Am Anschluss an eine ausgiebige Deutschlandtournee, die im Norden der Republik sehr positiv aufgenommen wurde, im S&uuml;den jedoch oft Kopfsch&uuml;tteln bis Reserviertheit bei den Zuschauern auf den Plan rief, zog sich Joachim Witt nach den letzten Ausl&auml;ufern des Hitparadenerfolges von &bdquo;Herbergsvater (Tri Tra Trullala)&ldquo; vorerst aus der &Ouml;ffentlichkeit zur&uuml;ck, um zwischen M&auml;rz und September 1983 das aufrichtig traumhafte, dritte Soloalbum <strong>&bdquo;M&auml;rchenblau&ldquo;<\/strong> einzuspielen, das vorliegendes CD-Set &bdquo;The Triple Album Collection&ldquo; komplettiert &ndash; und vermutlich den Hauptgrund daf&uuml;r darstellen d&uuml;rfte, dass sich gerade eingefleischte Witt-Freaks diesen Pappschuber zulegen. Denn &bdquo;M&auml;rchenblau&ldquo; ist bislang nur einmal &ndash; und dies nur f&uuml;r ganz kurze Zeit -, es d&uuml;rfte 1990\/91 gewesen sein, vom einstigen Hamburger Blues- und Rocklabel &bdquo;LINE Records&ldquo; auf Silberscheibe neu aufgelegt worden; seitdem war dieses ewig untersch&auml;tzte Meisterst&uuml;ck &ndash; neudeutsch gesagt &ndash; &bdquo;out of Print&ldquo;. So taten die Verantwortlichen von WARNER MUSIC den ganz besonders Interessierten, Chronisten, 80er-Kindern, NDW-Analytikern und Sammlern einen f&uuml;rstlichen Gefallen, indem sie &bdquo;M&auml;rchenblau&ldquo; nun der &bdquo;Triple Album Collection&ldquo;, sozusagen als &bdquo;Sahneh&auml;ubchen&ldquo;, beif&uuml;gten.<\/p>\n<p>Es sei sogleich und von vornherein angemerkt, dass es sich bei &bdquo;M&auml;rchenblau&ldquo; seit jeher um mein un&uuml;bertreffliches Lieblingsalbum von Joachim Witt handelt, welches ich mir damals, im Herbst 1983, auf blauem (!) Vinyl, bei &bdquo;Karstadt&ldquo;\/Osterstra&szlig;e zulegte und seitdem nicht mehr missen mag. Obschon der kommerzielle Erfolg der neun Titel dieses bahnbrechenden Werks sehr zu w&uuml;nschen &uuml;brig lie&szlig;, sich trotz guter Fernsehpr&auml;senz die drei daraus ausgekoppelten Singles gar nicht in den Verkaufshitparaden wiederfinden konnten, so traf gerade diese Produktion den missmutigen Zeitgeist jener Periode, zwischen Kriegsangst, Sorge vor dem &bdquo;Orwell-Staat&ldquo;, und dennoch vorhandenen, gewissen Hoffnungen auf den langsam aufkeimenden Wirtschaftsaufschwung nach einem Jahr &bdquo;geistig moralischer Wende&ldquo;-Regierung, in pr&auml;gnantester Ausformung mitten ins Herz.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu &bdquo;Silberblick&ldquo; und &bdquo;Edelwei&szlig;&ldquo;, zeigte sich LP\/CD Numero Drei von Joachim Witt als &uuml;berraschend romantisch, warm, &uuml;berwiegend deutlich melodisch, vertr&auml;umt, beschaulich, idyllisch. Der zickige, h&auml;ufig eine gewisse Gejagtheit, Eile oder Ungem&uuml;tlichkeit ausstrahlende, gitarrenbetonte New-Wave-Rock-Modus der beiden ersten Scheiben, war nun weichen, gef&uuml;hlvollen, teils elegischen, gar schmachtenden Keyboard- und Synthesizerb&ouml;gen in einem charakteristischen New-Romantic-Kontext gewichen.<\/p>\n<p>Dies sp&uuml;rt man sofort beim Titelsong, der diese wundersch&ouml;ne Liedsammlung wohlig-sp&auml;therbstlich-urban einleitet. <strong>&bdquo;M&auml;rchenblau&ldquo;<\/strong> wurde als erste Single ausgekoppelt und am 30. Oktober 1983 bei &bdquo;Formel Eins&ldquo; vorgestellt. Bei diesem Geheimtipp f&uuml;r die Ewigkeit handelt es sich um eine einf&uuml;hlsame, abgefederte Melodie auf Synthesizerbasis, die umgehend ins Ohr geht und stilistisch mit &auml;hnlich fragil inszeniertem, britischen Synthipop a la &bdquo;O.M.D.&ldquo;, &bdquo;China Crisis&ldquo; oder &bdquo;Fiction Factory&ldquo; vergleichbar ist. In der ersten Strophe besingt Joachim ein nur allzu allt&auml;gliches Erlebnis: Ein junger Mann f&auml;hrt im Fahrstuhl eines Kaufhauses in h&ouml;here Stockwerke; eine bildh&uuml;bsche, blutjunge und gleicherma&szlig;en utopisch entfernte Frau besteigt denselben, gefolgt von ihren Eltern. Der so charmante, wie einnehmende Blick ihrer <em>&bdquo;m&auml;rchenblauen&ldquo;<\/em> Augen streift ihn nur ganz sacht und er hat daraufhin nur den einen einzigen Wunsch, sie m&ouml;ge ihm sagen, wer sie sei und wo sie wohne&hellip;Seine sehns&uuml;chtigen Tr&auml;ume und Illusionen hinsichtlich des M&auml;dchens nehmen in Strophe 2 surreale, phantasievolle, ausufernde Z&uuml;ge an, so dass dieses sanfte Liebeslied, verfeinert durch ein n&auml;chtlich-schw&uuml;les Saxophon, letztlich auf zwei Ebenen &ndash; der fassbaren und der ertr&auml;umten &ndash; spielt, welche dem per se hittauglichen Titel ein ganz individuelles Flair verabreichen.<\/p>\n<p><strong>&bdquo;Einmal werd ich ganz ber&uuml;hmt&ldquo;<\/strong> ist eine &ndash; musikalisch diesmal ebenfalls weitaus lieblicher und weniger grell ausgefallene &ndash; Fortsetzung von &bdquo;Kosmetik (Ich bin das Gl&uuml;ck dieser Erde)&ldquo;. In diesem temporeichen, durchaus tanzbaren, wehenden Synthiohrwurm begibt sich Joachim wieder mal in die Rolle des <em>&bdquo;M&auml;dchens Kosmetik&ldquo;<\/em>, das diesmal aber weit weniger berechnend, arrogant, m&auml;nnermordend, grenzenlos zielstrebig auftritt, denn tr&auml;umerisch, hoffend, nicht nur von &auml;u&szlig;erlicher Sch&ouml;nheit, sondern auch von innerer Herzlichkeit erf&uuml;llt, &nbsp;durchzogen von einer s&uuml;&szlig;en Form kindlicher Naivit&auml;t und Zuversicht, eines sch&ouml;nen Tages ganz oben auf der Leiter von Jet-Set und In-Szene zu stehen, ohne dieses mit brutalstm&ouml;glichen Mitteln zwanghaft erreichen zu m&uuml;ssen.<\/p>\n<p>Es folgt das so unterk&uuml;hlte, wie hei&szlig;bl&uuml;tige, von bissigen, spitzen Formulierungen durchsetzte Synthi-Rock-Dance-Gebr&auml;u <strong>&bdquo;Rhythmus im Blut&ldquo;<\/strong>, das &ndash; im wahrsten Sinne des Wortes &ndash; den &sbquo;Rhythmus der Stadt&lsquo; an einem verregneten Herbsttag gl&auml;nzend, drall, inklusive eines regelrechten Feuerwerks an Wortspielereien und Skizzen des urbanen Alltags, g&ouml;ttlich persifliert. Daran schlie&szlig;t ein wahres, tiefgehendes, echtes Liebeslied namens <strong>&bdquo;Halt mich&ldquo;<\/strong> an, das einen zwar von der Sch&ouml;nheit der Liebe hingerissenen, fast besessenen, aber zugleich &ndash; was selten genug vorkommt &ndash; enorm zufriedenen, ruhigen und bedachten Joachim Witt an den Tag legt. Diese gef&uuml;hlsbezogene Gelassenheit, Wonne und Erf&uuml;llung, setzen sich, geradezu sinnesfreudig und gen&uuml;sslich, in der vertrackten, sensiblen, hintergr&uuml;ndig einwenig jazzorientierten Synthipop-Ballade <strong>&bdquo;Wie ein wilder Stier&ldquo;<\/strong> kongenial, exzessiv und leidenschaftlich fort.<\/p>\n<p>Das ultraeing&auml;ngige Synthi-Epos <strong>&bdquo;H&ouml;rner in der Nacht&ldquo;<\/strong>, Ende November 1983 als zweite Single aus &bdquo;M&auml;rchenblau&ldquo; ausgekoppelt, hatte ich in einer fr&uuml;heren Analyse als &ldquo;das sanfteste Lied &uuml;ber eine t&ouml;dliche Umweltkatastrophe, das in Deutschland jemals geschrieben wurde&ldquo; bezeichnet. Dieser beachtenswert zur&uuml;ckhaltend, sanftm&uuml;tig und dezent arrangierte Ohrenschmaus, erz&auml;hlt von einer ausgelassenen Partynacht in irgendeinem Industriest&auml;dtchen; alle singen, tanzen, genie&szlig;en die Stimmung, niemand merkt, was sich w&auml;hrenddessen oben am Himmel zusammenbraut&hellip; und sanft erklingen pl&ouml;tzlich die &bdquo;H&ouml;rner in der Nacht&ldquo;, denn die giftige Chlorgaswolke aus irgendeiner &ouml;rtlichen Chemiefabrik hat sich &sbquo;mal wieder&lsquo; unsichtbar und doch so vernichtend den Weg durch die Stra&szlig;en gebahnt, so dass der lautstarke Fetenl&auml;rm bald von Krankenwagensirenen, hilflos durch die Stra&szlig;en irrenden Menschen und Polizei-Tat&uuml;-Tata unerbittlich und erbarmungslos &uuml;bert&ouml;nt und letztlich abget&ouml;tet wird &ndash; und all dies geschieht zu einer absichtlich &uuml;berzuckerten, lieblichen, schnittigen, fast kinderliedartigen Melodie, die den ernsthaften, bedrohlichen Inhalt des Textes, der niemals zeigefingerschwenkend, vielmehr mitf&uuml;hlend, verst&auml;ndnisvoll, aufscheint, auf hinterlistige, nahezu diabolische Art und Weise konsequent ad absurdum f&uuml;hrt.<\/p>\n<p><strong>&bdquo;Night and Day&ldquo;<\/strong> ist ein 1932 entstandener Jazz-Standard, der zun&auml;chst von Fred Astaire, sp&auml;ter von Frank Sinatra oder Bing Crosby, zum weltumfassenden Evergreen ausgestaltet wurde. Bevor er hierzulande als Werbung f&uuml;r gleichnamige Kaffeesorte verschandelt wurde, spann Joachim mit seiner so eigenwilligen, wie sympathischen Interpretation dieses Dauerbrenners aus dem &bdquo;Great American Songbook&ldquo; den stilistischen Bogen, von New Wave &uuml;ber Synthipop und New Romantic, hin zur New-Jazz-Bewegung, die 1984\/85 mittels (damals) aktueller Acts, wie &bdquo;Sade&ldquo;, &bdquo;Matt Bianco&ldquo;, &bdquo;Working Week&ldquo; oder &bdquo;Shakatak&ldquo;, ein kleines, aber feines, von Gro&szlig;britannien herkommendes Swing\/Jazz\/Bossa-Nova-Revival auch in unseren Breitengraden einl&auml;utete. Zwischen Chanson, Electropop, mittels sachtem Percussion, leisen, dunklen Keyboardw&auml;llen, schwebendem Barsaxophon und softem Synthi-Bass ph&auml;nomenal arrangiert, kreierte Joachim Witt aus der zun&auml;chst typisch US-amerikanischen Musicalmelodie einen verregnet-abendlichen, sehr britisch anmutenden Edelpopsong erster G&uuml;teklasse, der bereits 1983 erahnen lie&szlig;, dass sich der Experimentierer und Stilmischer aus Hamburg drei Jahre sp&auml;ter f&uuml;r ein gesamtes Album lang (&bdquo;Moonlight Nights&ldquo;, 1986) g&auml;nzlich englischgesungenem Jazz-Pop-Funk verschreiben k&ouml;nnte&hellip;<\/p>\n<p>Das konzeptionslose Rhythmus-Geblubber der sinnfrei daherkommenden Synthesizer-Orgie <strong>&bdquo;I know &ndash; You know (she knows Kino)&ldquo;<\/strong> kann man getrost &uuml;berspringen; nicht wenige Joachim Witt-Fans fragen sich, weshalb dieses uninspirierte N&uuml;mmerchen &uuml;berhaupt den Weg auf eine Langspielplatte hatte finden k&ouml;nnen. Doch der vorz&uuml;gliche Abschluss von &bdquo;M&auml;rchenblau&ldquo;, macht dieses einzige Manko der LP\/CD schnell wieder wett: <strong>&bdquo;Wieder bin ich nicht geflogen&ldquo;<\/strong>, im Februar 1984 dritte und letzte (g&auml;nzlich unbeachtete) Singleauskoppelung, k&ouml;nnte rein musikalisch bzw. bez&uuml;glich Phrasierung gut und gerne als deutsche Deutung des New-Wave-Meilensteins &bdquo;Vienna&ldquo; von &bdquo;Ultravox&ldquo; angesehen werden. Dieses so entt&auml;uschte, wie doch niemals alle Hoffnung aufgebende Synthi-Chanson beendet diejenige Produktion des Joachim Witt, die ob ihrer Warmherzigkeit, Romantik und Ruhe einen absoluten H&ouml;hepunkt im kreativen Schaffen eines noch heute enorm aktiven, immer noch polarisierenden, gewaltig untersch&auml;tzten, oft missverstandenen K&uuml;nstlers, der sich weiterhin und immer wieder in keine Schublade pressen lassen mag.<\/p>\n<p><strong>&bdquo;The Triple Album Collection&ldquo;<\/strong> fasst auf bestem Preisniveau das bis heute imponierende, begeisternde Fr&uuml;hwerk des Joachim Witt gro&szlig;artig und exzellent zusammen. Viele Lieder der drei hier ber&uuml;cksichtigten Alben haben auch und besonders a.D. 2016 eine tiefgreifende, lyrische Bedeutung, haben einiges vorausgesehen, was heutzutage (leider) Gang und G&auml;be geworden zu sein scheint.<\/p>\n<p>Nachgeborenen, die Herrn Witt vielleicht erst durch seine &bdquo;Bayreuth&ldquo;-Trilogie zur Jahrtausendwende so richtig kennengelernt und ins Herz geschlossen haben, sei diese &bdquo;Triple Album Collection&ldquo; ebenso aus ganzem Herzen an dasselbe gelegt, wie Musik- und Zeitgeistforschern, Zeitzeugen und Analysten aus &sbquo;unserer Zeit&lsquo;, die (noch) einmal aus erster Hand &ndash; noch dazu in bestem New Wave- Gitarrenrock und Synthipop-Klangbild &ndash; vermittelt bekommen wollen, wie es in diesem, unseren Lande Ende der 70er, Anfang der 80er gesellschaftlich, politisch und kulturell so aussah, wie dies k&uuml;nstlerisch-kreativ kommentiert, verballhornt und mitgestaltet in einem wurde. Die in der <strong>&bdquo;Triple Album Collection&ldquo;<\/strong> von <strong>Joachim Witt<\/strong> zusammengefassten drei CDs bieten die allerbeste M&ouml;glichkeit dazu!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"https:\/\/smago.de\/fotos\/pics\/images\/witt_back.jpg\" style=\"width: 500px; height: 500px;\" \/><\/p>\n<p>Holger St\u00fcrenburg, 09.bis 14. Januar 2016<br \/>http:\/\/www.warnermusic.de<br \/>http:\/\/www.joachimwitt.de\/<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganze 6 Tage lang hat Holger St\u00fcrenburg an dieser Kolumne gearbeitet &#8230;:\u00a0 Seit einigen Jahren hat es sich zunehmend eingeb&uuml;rgert,<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":81836,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":"","_FSMCFIC_featured_image_hide":""},"categories":[22],"tags":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81835"}],"collection":[{"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=81835"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81835\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/media\/81836"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=81835"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=81835"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=81835"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}