{"id":79354,"date":"2016-03-22T00:00:00","date_gmt":"2016-03-22T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/smago.de\/ws\/?p=79354"},"modified":"-0001-11-30T00:00:00","modified_gmt":"-0001-11-29T22:00:00","slug":"HEINZ-RUDOLF-KUNZE-Das-Album-De-79353","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/smago.de\/ws2\/deutsch-rock\/HEINZ-RUDOLF-KUNZE-Das-Album-De-79353\/","title":{"rendered":"HEINZ RUDOLF KUNZE <br \/>Das Album &quot;Deutschland&quot; (in der 2-CD-&#39;Limited Premium Edition&#39; Variante) im Test von Holger St\u00fcrenburg!"},"content":{"rendered":"<p>Lesen Sie HIER seinen ausf\u00fchrlichen &#8222;Aufsatz&#8220; &#8230;:\u00a0 <!-more-><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit seinem geliebten, gehassten, von ihm oft bedauerten und bemitleideten Vaterland hat sich Deutschrock-Gro&szlig;meister und Chef-Zyniker vom Dienst <strong>HEINZ RUDOLF KUNZE<\/strong> seit Anbeginn seiner Karriere von jeher sehr leidenschaftlich, energisch, dabei penibel analytisch und in die Tiefe gehend, besch&auml;ftigt. In vielen seiner Lieder, Texte und Essays schilderte der Beinahe-Lehrer am Hannoveraner K&auml;the-Kollwitz-Gymnasium h&auml;ufig, &auml;u&szlig;erst qualifiziert, sprachlich brillant und von immensem geschichtlichen Hintergrundwissen beseelt, sein einerseits enges, hautnahes, sensibel-zerbrechliches, andererseits generell ambivalentes, entt&auml;uschtes Verh&auml;ltnis zu diesem unserem Lande, in dem, wie er einst einmal treffend vortrug, &bdquo;zu Haus zu sein (ein) beklemmend grelles Fest&ldquo; (Zitat) sei. Meist herrlich ideologiefrei, hintergr&uuml;ndig, kriselnd patriotisch, mit diesem Lande mit leidend, ohne jeglichen Anflug von Nationalismus und Engstirnigkeit, kosmopolitisch und doch erdverbunden, teilte der anfangs als &bdquo;oberlehrerhaft&ldquo; geschm&auml;hte Wortakrobat seinen Landsleuten ohne gehobenen Zeigefinger mit, wie er mit und in Deutschland lebe und litte &ndash; verwurzelt in der Erde seines Geburtsorts, dem Fl&uuml;chtlingslager Espelkamp, wo er 1956 als erstgeborener Sohn eines nach dem II. Weltkrieg aus Schlesien geflohenen Lehrerehepaars auf die Welt kam, und sich von nun an in einem Lande zurechtfinden musste, das zwar seine Geburts- und gedankliche Heimat war und ist, in dem er sich zwar oberfl&auml;chlich zu Hause, aber niemals von Grund auf aufgenommen f&uuml;hlte.<\/p>\n<p>So ersann er z.B. 1983, als einige konservativere CDU-Politiker, u.a. Gerhard Meyer-Vorfelder oder Alfred Dregger, nach der &bdquo;Bonner Wende&ldquo; einforderten, in den Schulen solle nun wieder vermehrt die Deutsche Nationalhymne gesungen werden, seine eigene Antwort darauf, die den Titel trug &bdquo;Deutschland Klammer auf: Verlassen von allen guten Geistern, Klammer zu&ldquo;. Damit legte er eine der stechendsten und zugleich einf&uuml;hlsamsten gesungenen Standpunkte zur nationalen Frage vor, die bis heute brennende Aktualit&auml;t in sich tr&auml;gt und weiterhin verstrahlt. In seiner &bdquo;Antwort auf &bdquo;Born in the U.S.A.&ldquo;&ldquo; (Zitat), bekannte sich HRK 1985 dazu, selbst ein &bdquo;Vertriebener&ldquo; (Songtitel) zu sein, &bdquo;ein nirgendwo Gebliebener&ldquo; (Textzitat), der nur dort &bdquo;zu Hause ist, wo man mich h&ouml;rt&ldquo; (dto.). Auf dem Cover seiner im Herbst vor 30 Jahren vorgelegten Erfolgs-LP &bdquo;Wunderkinder&ldquo; &ndash; im Titelsong zeichnete er pfiffig und souver&auml;n die deutsche Nachkriegsgeschichte von den wirtschaftsaufschwingenden, seligen 50ern bis in die von Kriegs- und Atomangst &uuml;berfluteten 80er Jahre so eindringlich, wie s&uuml;ffisant nach &ndash; erstrahlte eine riesengro&szlig;e. schwarzrotgoldene Nationalfahne &ndash; f&uuml;r einen K&uuml;nstler, der im Allgemeinen eher in linksintellektuellen Kreisen seine Zuh&ouml;rerschaft fand, fraglos ein provokantes Wagnis in jenen Tagen. Im 1994 auf der CD &bdquo;Kunze: Macht Musik&ldquo; enthaltenen Brachialrocker &bdquo;Hereinspaziert&ldquo; spie&szlig;te der &uuml;ber den Machtfaktor Musik Verf&uuml;gende die seinerzeit, 1992\/93, hochkochende &nbsp;(erste) Asylkrise und die nicht selten &uuml;berspannt hysterischen Reaktionen des einheimischen Kulturmainstreams darauf spitzz&uuml;ngig und absichtlich verbal &uuml;berzeichnet auf, um 1999 mit dem sanften, aber trotzdem energiegeladenen Live-Dauerbrenner &bdquo;Alle Herren L&auml;nder&ldquo; ein ehrliches, ungek&uuml;nsteltes, herzliches weil eben nicht angreifendes oder belehrendes, wom&ouml;glich gar &uuml;berbetroffenes Zeichen gegen Rassismus in allen Ausformungen zu setzen.<\/p>\n<p>&bdquo;Deutschland&ldquo; als solches l&auml;sst den einstigen &bdquo;Niedermacher&ldquo; Kunze also bis heute nicht los. So ist es rundheraus nachvollziehbar, dass der knapp 60j&auml;hrige Verbalanarchist seine aktuelle Albumproduktion eben nach diesem bedeutsamen Bet&auml;tigungsfeld seiner lyrischen Gedanken benannte: <strong>&bdquo;DEUTSCHLAND&ldquo;<\/strong> (RCA\/SONY) hei&szlig;t also das neue Opus von <strong>HEINZ RUDOLF KUNZE<\/strong>, welches im puren Bandkontext, ohne Bl&auml;ser, Streicher und andere Gastmusiker entstand. Einzig der langj&auml;hrige Kunze-Freund, Gitarrist und Pedal-Steel-Experte Martin Huch, wurde zu den Aufnahmen hinzugeladen. Als Produzent fungierte Starschlagzeuger Jens Carstens, der bislang u.a. f&uuml;r Udo Lindenberg, &bdquo;Rosenstolz&ldquo;, Howard Carpendale, oder gar Helene Fischer spielte. &bdquo;Deutschland&ldquo; beinhaltet 14 neue, selbstredend abermals von HRK g&auml;nzlich eigenst&auml;ndig gedichtete, bis auf drei Ausnahmen auch selbstkomponierte Lieder, die stilistisch sehr unterschiedlich ausgefallen sind und dennoch bereits beim ersten Anh&ouml;ren, trotz mancher Qualit&auml;tsabweichungen, wie aus einem Guss wirken.<\/p>\n<p>Das sehr gelungene Coverphoto zeigt eine klassische, teutonische Vorstadtstra&szlig;e, sehr b&uuml;rgerlich, eine gewisse Ruhe und Gem&auml;chlichkeit verstrahlend, an deren Beginn &uuml;berdeutlich Hinweise auf eine Baustelle erkennbar sind. Dies ist vielleicht dahingehend interpretierbar, dass in dieses einst so gem&uuml;tliche, ruhige Deutschland, in dem HRK in den 50er und 60er Jahren wohlbeh&uuml;tet aufwuchs, in dieser Auspr&auml;gung l&auml;ngst nicht mehr besteht, sondern dieses Land derzeit &bdquo;die kriesengesch&uuml;tteltste Zeit&hellip; nicht nur seit der Wende, sondern seit dem zweiten Weltkrieg, durchmachen muss&ldquo; (Zitat: HRK), weshalb nicht wenige, tiefergehende Baustellen hierzulande offenstehen, die derzeit mutma&szlig;lich brachliegen, weil offenbar niemand &ndash; kein Politiker, kein Kulturschaffender, und noch weniger der staunende Bundesb&uuml;rger am Rande des Geschehens &#8211; in der Lage ist, diese jauchenden Wunden in Form der dargestellten &bdquo;Baustellen&ldquo; konstruktiv zu schlie&szlig;en und auf einen effektiven Heilprozess zu schicken.<\/p>\n<p>Die musikalische &bdquo;Deutschland-Tour&ldquo;, die HRK &#8211; nach 36j&auml;hriger aktiver T&auml;tigkeit im Spanungsbogen zwischen Liedermachertum, muttersprachlicher Rockmusik, dem Verfassen von Gedichtb&auml;nden und Kinderb&uuml;chern, Musical&uuml;bersetzungen und immer wieder dem gen&uuml;sslichen Hineinstechen in den oft wund&auml;hnlich jauchenden Zeitgeist eben dieses umstrittenen &bdquo;Deutschlands&ldquo; &#8211; in diesem Jahr mittels vorliegenden, neuen Albums durchf&uuml;hren mag, startet mit dem so trockenen, wie unisono hei&szlig;bl&uuml;tigen, inhaltlich augenzwinkernd autobiographischen Bluesrocker <strong>&bdquo;Es ist in mir drin&ldquo;<\/strong>. Dieser erweist sich als irgendwo angesiedelt in der N&auml;he der Traditionalisten dieser Musikgattung a la Muddy Waters oder John Lee Hooker, wenn auch nicht ganz so staubtrocken bzw. erdig-herb umgesetzt, vielmehr mit einem unterschwelligen Pop-Appeal gespickt. HRK erz&auml;hlt in diesem kessen, aufmunternden Gitarrenblues davon, dass er sein k&uuml;nstlerisches Talent offenbar schon fr&uuml;h entdeckte, sein Vater die Entfaltung dessen voll und ganz unterst&uuml;tzte, w&auml;hrend seine Frau Mama einer angestrebten Karriere in diesem Metier eher skeptisch gegen&uuml;bersteht &#8211; doch all diese brodelnde und gl&uuml;hende Musikalit&auml;t ist &bdquo;in ihm&ldquo;, also dem Interpreten, nun mal feste drin &ndash; &bdquo;also muss es heraus&ldquo;.<\/p>\n<p>Von Albert Camus&lsquo; 1947er-Romanklassiker &bdquo;Die Pest&ldquo; inspiriert ist der daran anschlie&szlig;ende, musikalisch eher zur&uuml;ckhaltende, gitarrenbetonte, zweifelsfrei etwas mystisch-wehend-flie&szlig;end ausgefallene, aus der Sicht eines &bdquo;merkw&uuml;rdigen Mediziners in einer merkw&uuml;rdigen W&uuml;stenstadt&ldquo; (HRK) gesungene Pop-Rocker <strong>&bdquo;Zu fr&uuml;h f&uuml;r den Regen&ldquo;<\/strong>. Die irische Blues-Folk-Legende Van Morrison hingegen stand Pate f&uuml;r das &bdquo;Heimatlied&ldquo; (HRK) <strong>&bdquo;In der alten Piccardie&ldquo;<\/strong>. Das zaghafte, vertr&auml;umte, sp&auml;ter durchaus latent aufbrausende, dabei aber durchwegs eine gewisse Idylle, l&auml;ndliche Naivit&auml;t und rustikale Seelenruhe verbreitende Pianochanson &ndash; auch Tom Waits (&bdquo;In the Neighborhood&ldquo;) und einwenig Jacques Brel sind musikalisch entfernt herauszuh&ouml;ren &ndash; berichtet &uuml;ber ein kleines Bauerndorf gleichen Namens an der holl&auml;ndischen Grenze, gelegen im Kreis Bad Bentheim, nahe Nordhorn, das 1974 in die Gemeinde Osterwald eingemeindet wurde. Dort hat der junge HRK die Zeit zwischen seinem dritten und sechsten Lebensjahr verbracht, da sein Vater an der Dorfschule &bdquo;in der alten Piccardie&ldquo; seine erste Lehrerstelle in &bdquo;Deutschland&ldquo; antrat, weshalb seinem Sohnemann das nicht allt&auml;gliche Schicksal zuteilwurde, von seinem Herrn Papa ad Personam in dessen Klasse eingeschult zu werden.<\/p>\n<p>Das tr&uuml;be, bluesige und dennoch vers&ouml;hnliche Abschiedslied an eine verlassene Liebe <strong>&bdquo;Nur eine Photographie<\/strong>&ldquo; legt einen sehr intimen, innigen, mal wieder &auml;u&szlig;erst feingliedrigen HRK an den Tag, der beim Betrachten eines alten Bildes wohlige Erinnerungen an eine mutma&szlig;liche Traumfrau auslebt, &uuml;ber die schon vor l&auml;ngerer Zeit zu Ende gegangene Beziehung zu derselben gef&uuml;hlvoll sinniert und sich hierbei sehr besonnen, g&uuml;tlich, und scheinbar immer noch vollkommen von dieser Frau bet&ouml;rt, gibt.<\/p>\n<p>Betont, wenn nicht gar ma&szlig;los und unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig poppig-radioorientiert, fast selbstparodistisch disco-lastig, &bdquo;n&auml;chtlich-atemlos&ldquo;, pr&auml;sentiert sich die ungewohnt neumodisch ausgekleidete, aktuelle Radiosingle aus &bdquo;Deutschland&ldquo;. <strong>&bdquo;Das Paradies ist hier<\/strong>&ldquo;, komponiert von Produzent\/Schlagzeuger Jens Carstens und Gitarrist Alex Grube, entbl&ouml;&szlig;t sich als zwar nett gemeinter, aber weitgehend substanzloser, wie dahingeschludert aufscheinender Rockschlager, ausschlie&szlig;lich created for Formatradio. Der belanglose Mid-Tempo-Poprocker besitzt weder den Biss fr&uuml;herer, ausdr&uuml;cklich als Singleaspiranten konzipierter Kunze-Ohrw&uuml;rmer &ndash; wie z.B. &bdquo;Hunderttausend Rosen&ldquo;, &bdquo;Die Welt ist Pop&ldquo; oder &bdquo;Hallo Himmel&ldquo; -, noch vernimmt man eine bleibende, ein ums andere Mal wiedererkennbare Melodie bzw. versp&uuml;rt man eine tragf&auml;hige und nachhaltige Atmosph&auml;re. Das ganze riecht sch&auml;ndlich nach Kommerz, nach v&ouml;llig &uuml;berfl&uuml;ssiger, klanglicher Zeitgeistanbiederung, und ist daher als einer der schw&auml;chsten, weil nur langweilig vor sich hin blubbernden und rhythmisch unn&ouml;tig bumsenden Beitr&auml;ge auf vorliegender CD einzustufen.<\/p>\n<p>&Uuml;ber den &sbquo;frommen Wunsch&lsquo;, die Religion, alle religi&ouml;sen Empfindungen dieser Welt, zu privatisieren, in die eigenen vier W&auml;nde zu verfrachten, ohne dass der Glaube f&uuml;r Kriege, Hass und Gewalt missbraucht werden kann, handelt die klanglich, wie textlich, nun neuerlich weitaus anspruchsvollere, zugleich provokativ quergedachte Einforderung <strong>&bdquo;Jeder bete f&uuml;r sich allein&ldquo;<\/strong>. Dieses dunkle, hoch philosophische Rockdrama, diesmal (zum&nbsp; Gl&uuml;ck und anschaulich vernehmbar) abermals von Heinz selbst komponiert, l&auml;sst die expressive Bissigkeit vergangener Kunze-Kampfansagen an Mainstream-Denken und niveaulose Mittelm&auml;&szlig;igkeit in bester Manier hochleben, regt zum &Uuml;berlegen und Reflektieren ein. Den ebenfalls au&szlig;erordentlich sympathischen, erfrischend-herzlichen &bdquo;Eagles- bzw. &bdquo;Poco&ldquo;-angelehnten Westcoast-Countrypop-Verschnitt <strong>&bdquo;Setz&lsquo; Dich her&ldquo;<\/strong> nennt das Deutschrock-Urgestein mit Wohnsitz Hannover selbst ein &bdquo;besch&auml;digtes Liebeslied&ldquo;, in dem der Protagonist einer lieben Person, der es nicht so gut geht, helfen m&ouml;chte, er diese zu unterst&uuml;tzen und zu st&auml;rken gedenkt.<\/p>\n<p>Der mit einem spa&szlig;igen Liebestext voller am&uuml;santer Wortspielereien, delikat ironisiertem Schweren&ouml;tertum und einer interessanten, lyrischen Wendung am Schluss versehene, frech-gewitzte Popfetzer <strong>&bdquo;Mund zu Mund Beatmung&ldquo;<\/strong> kam HRK in den Sinn, nachdem er am 3. Mai letzten Jahres im &bdquo;ZDF Fernsehgarten&ldquo;, solo am Piano, seinen Evergreen &bdquo;Dein ist mein ganzes Herz&ldquo; vorgetragen hatte. Kurz darauf, musste er die niederschmetternde Erfahrung &uuml;ber sich ergehen lassen, wie bei dem Auftritt einer Band nach ihm, die einen knalligen Basedrum-Titel im Programm hatte, das zahlreich anwesende Publikum dieser allj&auml;hrlichen, sommerlichen Sonntagvormittag-TV-Attraktion vollkommen aus dem H&auml;uschen geriet, mittanzte, johlte und gr&ouml;lte. Daraufhin beschloss er, schnellstm&ouml;glich ebenfalls ein solches tanzbares Schmankerl aufzunehmen. Jens Carsten schrieb die (diesmal wirklich vortrefflich zeitgem&auml;&szlig;-aktuelle) Musik; Heinz fand dazu die nahezu entz&uuml;ckenden, aparten Reime &ndash; fertig war eine moderne, rasante, fr&ouml;hliche Nummer mit sprachlichen Widerhaken und voller k&ouml;stlichen Humors.<\/p>\n<p><strong>&bdquo;Immer noch besser als arbeiten&ldquo;<\/strong> persifliert gekonnt, kritisch, sarkastisch, aber niemals belehrend oder gar verletzend, im Sinne der lakonischen, typisch britischen Ironie von Kunze-Vorbild Ray Davies jr. (&bdquo;The Kinks&ldquo;), die allgemeine Verflachung von Politik und Kultur, die Grundsatz- und &Uuml;berzeugungslosigkeit vieler Zeitgenossen, die sich, nur aus reinen Karrieregr&uuml;nden, bis zur Unkenntlichkeit verbiegen, auf der Basis eines drastisch rifflastigen, temporeichen, forsch &uuml;berkandidelten Rock&rsquo;n&rsquo;Roll-Hymnus, letztlich einer Art &bdquo;Where have all the good Times gone?&ldquo; anno Domini 2016.<\/p>\n<p>Das wirklich furiose, klanglich, wie textlich und gesanglich richtiggehend ph&auml;nomenal und hochqualitativ ausformulierte, ausgearbeitete und austarierte, einen nicht geringen Teil des Repertoires dieser ohnehin &uuml;ber weite Strecken hochwertigen CD noch in den Schatten stellende Titellied, das im Entstehungsprozess von <strong>&bdquo;Deutschland&ldquo;<\/strong> erst ganz an dessen Ende zum Vorschein kam, setzt stilistisch auf basslastigen, scheppernd-schleppenden, zickig sprudelnden Funk-Rock in mittlerer Geschwindigkeit. Sachbezogen bietet das so vielschichtige, facettenreiche, wie komplexe und verzwickte Lied &ndash; d&uuml;rfen wir auch in diesem Falle von einem &bdquo;gesch&auml;digten Liebeslied&ldquo; (s.o.) sprechen?? &ndash; eine intensive, vertraute Reflexion, einen (selbst)kritischen, gr&uuml;blerischen Denkprozess eines in diesem Land lebenden, geborenen, so gut wie nie scheuklappenhafteten, multifunktionalen K&uuml;nstlers, der sich, trotz aller Missst&auml;nde, Fehlentwicklungen, Absurdit&auml;ten und Irrationalit&auml;ten, mit ganz viel Hirn, Herz und Bauch, vielleicht manchmal durchaus gleicherma&szlig;en mit noch viel mehr Kopf-, Herz- und Bauchschmerzen, irgendwie dann doch zu seinem vielgeschundenen Vaterlande bekennt &ndash; ohne hierbei jedoch in dumpfe Volkst&uuml;melei oder zeitgeistkompatiblen Hurrapatriotismus zu verfallen: Ein gro&szlig;es, reifes Werk eines phantastischen, wie immer enorm wortgewandten Liedschreibers, Zeitbeobachters, und &ndash;kritikers, das genau dort anschlie&szlig;t, wo 1983 eingangs erw&auml;hnte &bdquo;Antipode&ldquo; zu &bdquo;Deutschland, Deutschland &uuml;ber alles&ldquo;, &bdquo;Deutschland (verlassen von allen guten Geistern)&ldquo;, aufh&ouml;rte.<\/p>\n<p><strong>&bdquo;Die Letzten unserer Art&ldquo;<\/strong> ist ein zun&auml;chst teils atonal anmutender, dann andererseits sehr harmonischer, schwelgender Pianoschleicher, der sich Zug um Zug zu einem hymnischen, edel-anmutigen Popmelodram ausw&auml;chst. Zu einem &bdquo;Mann des vorigen Jahrhunderts&ldquo; hatte sich Heinz bereits in einem Liveprogramm kurz nach dem Millennium &ndash; ich glaube, es war die Tour zu &bdquo;Wasser bis zum Hals steht mir&ldquo;, Anfang 2002 &ndash; ausgerufen. Damals blaffte er (NAT&Uuml;RLICH NUR (&hellip;) ganz im Sinne eines &bdquo;Rollenliedes&ldquo;!!!&#8230;) gegen die &sbquo;erb&auml;rmliche Jugend von heute&lsquo; &ndash; 2016 bezeichnet er sich und seine Generation, die sich einst irgendwo zwischen Hippietum und Punk einfand, mutig f&uuml;r ihre Ideale k&auml;mpfte, vieles davon, aber bei weitem nicht genug, erreichte, im Sinne eines Fazits als &sbquo;die Letzten ihrer Art&lsquo;, von deren so attraktiver, wie schrulliger, l&auml;ngst historisierter Ausf&uuml;hrung heutzutage keine Modelle mehr nachgebaut werden.<\/p>\n<p>Der flotte, sehr melodische, im positivsten Sinne des Wortes schlagerhaft-wiegende Lobgesang <strong>&bdquo;Auf meine Mutter&ldquo;<\/strong> ist ein einmal wieder liebenswert ironischer, versiert und punktgenau &uuml;berzeichnender, ab und zu nachgerade widerspenstiger Lobgesang auf alle M&uuml;tter dieser Welt, w&auml;hrend der zackige, vertrackte Gitarrenrocker <strong>&bdquo;Ich m&ouml;chte anders sein&ldquo;<\/strong> auf ein weiteres autobiographisch auf die Kleinstadtjugend des damals ca. 15j&auml;hrigen HRK, rund um 1969 herum, eingeht, als dieser in der Schule als sch&uuml;chterner, verkopfter Streber galt, im privaten Bereich sich hingegen unverhohlen fast nur noch Rock- und Beatmusik hingab &ndash; und, sozusagen als deutschsprachige Antwort auf den &bdquo;Kinks&ldquo;-Klassiker &bdquo;I&rsquo;m not like everybody else&ldquo;, schon in seiner fr&uuml;hen Jugend erkannt hatte, niemals so (eint&ouml;nig, langweilig, unkreativ, vorgefertigt etc.) zu sein, wie sein n&auml;heres Umfeld im &ouml;den, kleinb&uuml;rgerlichen Osnabr&uuml;ck.<\/p>\n<p>Das nur am Piano, ohne jegliche Bandbegleitung eingespielte Couplet <strong>&bdquo;Ein fauler Trick&ldquo;<\/strong>, das ein Thema des 2013er-&bdquo;Perfect Popsongs&ldquo; &bdquo;The Old Magician&ldquo; der britischen New Wave-Band &bdquo;Prefab Sprout&ldquo; kongenial aufgreift und auf &auml;hnlicher harmonischer Grundlage ins Deutsche transferiert, beschlie&szlig;t den offiziellen Teil der 2016er-Stellungnahme von <strong>HEINZ RUDOLF KUNZE<\/strong>.<\/p>\n<p>Als Bonustitel wurden der &bdquo;Limited Premium Edition&ldquo; der erneut strikt gitarrenbetonte, regelrecht aufbrausende Hardrocker <strong>&bdquo;Das Ja-Wort&ldquo;<\/strong> und die sympathisch schr&auml;ge, philosophisch-skurrile Pianokaskade <strong>&bdquo;Der gro&szlig;e Kakadu&ldquo;<\/strong> hinzugekoppelt, dessen epische Reime, ausufernde Wortspielereien und verschn&ouml;rkelte Aussagen an den fr&uuml;hen, eher deprimiert-verschlossenen (daher aber nicht selten lyrisch am &uuml;berzeugendsten) HRK der &bdquo;Schwere Mut&ldquo;-&Auml;ra in den hereinbrechenden 80ern &nbsp;&ndash; auf sehr positive Weise &ndash; erinnern lassen.<\/p>\n<p>Desweiteren finden sich auf CD-02 der Limitierten Sonderausgabe (ich glaube, diese Bezeichnung der Doppel-CD w&auml;re dem &sbquo;Sprachfetischisten&lsquo; Kunze deutlich lieber gewesen, als diese musikszenetypischen Anglizismen von &sbquo;Limidett&ldquo; bis &bdquo;Edischnnn&ldquo;!) acht Livemitschnitte aus dem aktuellen Solorepertoire &bdquo;Einstimmig&ldquo;, mit dem HRK, nur mit Piano und\/oder Akustik-Gitarre plus Dylan-m&auml;&szlig;iger Mundharmonika in entsprechender Halterung &sbquo;bewaffnet&lsquo;, seit einiger Zeit erfolgreich durch die Lande tourt. Hier w&auml;ren z.B. entschlackte, nur aufs N&ouml;tigste minimierte Auslegungen der bitter-hoffnungslosen F&uuml;hrung durch ein Irrenhaus <strong>&bdquo;Folgen Sie mir weiter&ldquo;<\/strong> (1982), der wortreichen, apokalyptischen &sbquo;R&uuml;cknahme der Sch&ouml;pfung in sieben Tagen&lsquo; <strong>&bdquo;Das Ultimatum&ldquo;<\/strong> (dto.) oder der lauschig-erholsamen 1994er-Hitballade <strong>&bdquo;Leg nicht auf&ldquo;<\/strong> zu nennen. Der blumige Schmachtblues <strong>&bdquo;Alles gelogen&ldquo;<\/strong> (1991), die aus demselben Jahr stammende, zutiefst pers&ouml;nliche Revue durch des K&uuml;nstlers Adoleszenz, <strong>&bdquo;Brille<\/strong>&ldquo;, das r&uuml;ckblickend-sentimentale, gesungene Beziehungsende <strong>&bdquo;Abschied muss man &uuml;ben&ldquo; <\/strong>(2001) und die heimelige 2009er-Liebeserkl&auml;rung <strong>&bdquo;Elixier&ldquo;<\/strong> finden in diesem behaglich-privaten Ambiente &uuml;beraus knisternd, nah und innig zu neuer Bl&uuml;te.<\/p>\n<p><strong>&bdquo;Deutschland&ldquo;<\/strong> ist keine von vorne bis hinten schier umwerfende, aber trotzdem generell sehr ansprechende, vor allem immens stilvielf&auml;ltige Liedkollektion geworden. Insbesondere die musikalischen &Ouml;ffnungen hin zu klassischem, quietschenden Blues, 70er-Jahre-seligem Hippie-Country-Pop US-amerikanischer Machart, gerne auch mal in Richtung einer z&uuml;nftigen Basedrum-Pop-Parodie, f&uuml;hren dem geneigten Zuh&ouml;rer die unb&auml;ndige Experimentierfreudigkeit, kreative Klischeeferne und k&uuml;nstlerische Offenheit des Multitalents HRK unverbr&uuml;chlich vor Augen. Nur ein allzu plumpes Einschmeicheln beim streng nach Verk&auml;uflichkeit ausbaldowerten Mainstream-Pop des Heute und Hier &ndash; man kann nicht jedem Menschen, der gerne mal (wie wohl <em>alle<\/em> Leser und Autoren von SMAGO!) Deutsche Schlager h&ouml;rt, &bdquo;Fahrerlaubnis und Wahlrecht entziehen&ldquo; wollen (HRK im Januar 2015) und dann, so geschehen eben bei &bdquo;Das Paradies ist hier&ldquo;, selbst in den (hier wirklich untersten) Schubladen des zuvor so gescholtenen Metiers wildern &ndash; ist ineffizient, wirkt gek&uuml;nstelt, unecht und berufsjugendlich auf Teufel komm raus.<\/p>\n<p>In puncto Lyrik zeigt sich Kunze allerdings wie gewohnt musterg&uuml;ltig, wagemutig und exemplarisch. Er verzichtet jedoch auf allzu deftige Herausforderungen des politischen Klimas. Solche libert&auml;ren, oder wie ich es gerne nenne: anarchokonservativen Provokationen sorgten zuletzt hinsichtlich der (wie ich finde) &uuml;berhaupt nicht mehrdeutigen, sondern im Gegenteil sehr zielgerichteten Abhandlung &bdquo;Willkommen Ihr M&ouml;rder&ldquo; bei Freund und Feind f&uuml;r die eine oder andere Irritation, zumal die nachtr&auml;gliche (Um-?)Deutung des Textes durch dessen Sch&ouml;pfer selbst bisweilen weit hergeholt, &auml;ngstlich, wenn nicht gar feige erschien.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz ist <strong>&bdquo;DEUTSCHLAND&ldquo;<\/strong>, das neue Album von <strong>HEINZ RUDOLF KUNZE<\/strong>,&nbsp; ein mehrheitlich profundes, solides, entschlossenes und immer wieder spannungsreiches, aber auch h&auml;ufig widerspr&uuml;chliches Werk geworden, das, neben wenigem, schn&ouml;den Allgemeingut, mit z.B. &bdquo;Zu fr&uuml;h in den Regen&ldquo;; In der alten Piccardie&ldquo;, &bdquo;Nur eine Photographie&ldquo; oder &bdquo;Mund zu Mund Beatmung&ldquo; tats&auml;chlich und unwiderlegbar einige kleine, aber prickelnd feine, zukunftstr&auml;chtige Meisterwerke ohne jegliches Ablaufdatum aufweist!<\/p>\n<p>Holger St\u00fcrenburg, 17. bis 21. M\u00e4rz 2016<br \/>http:\/\/www.rcadeutschland.de\/<br \/>http:\/\/heinzrudolfkunze.de\/steinvomherzen_website\/<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lesen Sie HIER seinen ausf\u00fchrlichen &#8222;Aufsatz&#8220; &#8230;:\u00a0 Mit seinem geliebten, gehassten, von ihm oft bedauerten und bemitleideten Vaterland hat sich<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":79355,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":"","_FSMCFIC_featured_image_hide":""},"categories":[5],"tags":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79354"}],"collection":[{"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79354"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79354\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/media\/79355"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79354"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79354"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/smago.de\/ws2\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79354"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}