TONY MARSHALL
Die Geschichte hinter den Schlager-Hits – Teil 2: Tony Marshall – "Der Star" (1976)!

Warum dieser Titel für den „Stimmungsmacher der Nation“ Segen und Fluch zugleich wurde, verrät Ihnen HIER Stephan Imming …: 

1972 komponierte der damals 22-jährige Keyboarder der Hamburger Coverband „Tornados“, aus denen später die sehr erfolgreiche Band „Lake“ hervorging, ein Chanson namens „Der Star“. Das Lied wurde im November des Jahres bei der BASF mit der israelischen, in München (damals Hamburg) lebenden Sängerin Nizza Thobi aufgenommen. Es war vorgesehen, mit der jungen Interpretin, die im Mai 1972 bereits eine Single bei der BASF veröffentlicht hatte  („Morgen ist auch noch ein Tag“), eine LP zu produzieren.

Es wurden Studioaufnahmen mit ihr getätigt, um eine aus 15 Liedern bestehende LP herausbringen zu können. Unter anderem arrangierte der Hamburger Arrangeur Horst Lubitz das von Detlef Petersen geschriebene Stück „Der Star“, wofür er DM 250,00 erhielt. Produziert wurde das Lied (ausgerechnet!) mit Musikern des Hessischen Rundfunks – der Sendeanstalt, die damals die Federführung für die Vorentscheidungen zum Grand Prix innehatte.

Entgegen der eigentlichen Verabredung erschien die LP mit Nizza Thobi nicht. Die Sache ging vor Gericht und endete mit einem Vergleich, nach dem alle Rechte für räumliche, sachliche und zeitliche Verwertung der Lieder (auch des „Stars“) bei Frau Thobi verbleiben sollten – so war es damals in der Zeitung zu lesen. Das Lied wurde ordnungsgemäß 1973 bei der GEMA angemeldet.

Am 1. Dezember 1975 berichtete das Branchenblatt „Der Musikmarkt“, dass für den Grand Prix im Folgejahr ein Lied gesucht werde. Die genauen vom „SPIDEM“ (Spitzenverband Deutscher Musiker) aufgestellten Regeln wurden am 15. Dezember im gleichen Blatt veröffentlicht. Für die Musikindustrie war erst mal folgende Regel heikel:

IV. Einsendeschluss und Einzahlungstermin – 10. Der Tag für Einsendeschluss und Einzahlungstermin ist Samstag, der 3. Januar 1976 (Datum des Poststempels). – Wohlgemerkt: Die Ausschreibung startete im Dezember – für die komplette Produktion einzureichender Lieder verblieb den Produzenten gerade mal ein Monat.

Ganz entscheidend war aber folgender Passus:

II. Anzahl und Art der zugelassenen Kompositionen und Texte – 5. Weder Komposition noch Text dürfen veröffentlicht sein (d. h. weder öffentlich aufgeführt noch gesendet, noch gedruckt oder auf andere Weise vervielfältigt oder verarbeitet).

Vor dem Hintergrund dieser und anderer Regeln bat der Peer Musikverlag dem Produzenten Jack White das Lied „Der Star“, das sich als eins von 12 aus 388 eingereichten Liedern durchsetzen konnte,  an. Der zuständige Mitarbeiter dieses Verlages, Holger Voss, wusste zwar, dass das Lied seit 1973 bei der GEMA angemeldet war, ging aber davon aus, dass es nie öffentlich aufgeführt worden war, weil aus den Abrechnungen keine Zahlung an den Verlag  ersichtlich war. Jack White wusste nichts davon, dass er ein altes Stück zur Begutachtung bekam und benannte Tony Marshall als Interpreten für den Song. Man war damals auf dem Weg, Tony wieder etwas mehr in die Chanson-Ecke zu bringen. Auch sollte seine gute ausgebildete Stimme mehr zum Tragen kommen. Dazu schien nach Meinung Jack Whites „Der Star“ gut geeignet zu sein.

Bereits am 31. Januar (zwischen 22.05 und 22.50 Uhr) und am 1. Februar 1976 (13.45 bis 14.30 Uhr) (also an zwei Terminen) wurden die Grand-Prix-Kandidaten vorgestellt, so auch das Lied „Der Star“ in der Interpretation von Tony Marshall. Die aus den damals großen Namen Franz Grothe, Friedel Berlipp, Miriam Frances, Ernst Bader, Erni Bilkenroth, Liselotte Bornemann, Klaus Büttner und Peter Dykhoff bestehende Jury wählte den Petersen-Song aus.

Erstaunlicherweise gab es weder von Nizza Thobi (, die angeblich zu der Zeit in New York verweilte,) noch von Arrangeur Horst Lubitz noch von Komponist Detlef Petersen (, der angeblich gar nicht wusste, dass sein Lied vom Verlag zum Grand Prix eingereicht wurde,) einen Hinweis, dass das Lied ein „alter Hut“ sein könnte.

Erst, nachdem am Mittwoch, den 18. Februar 1976 die Ergebnisse verkündet wurden und mit großem Abstand „Der Star“ in der Interpretation von Tony Marshall mit 118.250 Postkarten als Sieger hervorging, meldete sich Nizza Thobi zu Wort.

Auch wenn unstrittig „Der Star“ vorher nicht auf Tonträger veröffentlicht wurde, so war er doch bereits bei der Gema gemeldet. Und – schlimmer noch für Tony Marshall – er wurde lt. Nizza Thobi mehrfach öffentlich vorgetragen. Beispielsweise habe sie das Lied in der Zeit vom 21. März bis 9. Mai 1973 öffentlich vorgetragen. – Auch Arrangeur Horst Lubitz gab zu Protokoll, das Lied mit seiner Big Band mehrfach öffentlich zu Gehör gebracht zu haben: „Ich habe den Song von Tony Marshall erst Mittwoch Abend im Fernsehen gehört. Ich fiel bald vom Hocker. Es war genau dasselbe Lied mit der gleichen Orchesterbesetzung, das ich damals für die BASF arrangiert hatte.“

Besonders pikant ist in dem Zusammenhang ein Schreiben des Vertreters des PEER-Musikverlages Holger Voss an Herrn Stegemann, den Ehemann Nizza Thobis vom 15. Mai 1975, in dem er wörtlich schreibt: „Die 19cm Kopie der Aufnahme unseres Titels Der Star (D. Petersen) erlauben wir uns für Archivierungszwecke zu behalten; versichern jedoch, dass wir dieselbe nicht irgendwie verwenden werden.“

Ob es vor dem Hintergrund dieses Schreibens sonderlich geschickt war, das Lied für die Eurovision einzureichen – insbesondere, wo es schon längst bei der GEMA angemeldet war, möge jeder für sich entscheiden. Zu bedenken ist außerdem, dass Frau Thobi ja offensichtlich als nicht zimperlich in Sachen juristischer Auseinandersetzungen war, wie ihr Vergleich mit der BASF belegt.

Es kam, wie es kommen musste – am Tag nach der Bekanntgabe des Sieges Tony Marshalls meldete sich Nizza Thobi zu Wort und gab kurz darauf eine eidesstattliche Erklärung ab, den „Star“ mehrfach bereits öffentlich gesungen zu haben. Auch konnte sie lt. Zeitungsartikeln das Playbackband vorlegen, das sie für ihre Auftritte verwendete.

Spannend ist übrigens, dass nach meiner Kenntnis ein kleines Gegenargument nicht gebracht wurde. Der von Tony Marshall gesungene Text weicht minimal von Thobis Text ab. Man könnte ja nun argumentieren, dass damit ein neues, eigenes Werk vorliege. So hätte man vielleicht den Kopf aus der Schlinge ziehen können.

Thobi sang nämlich:

„Er ist kein Held und kein König
kein Bettler und kein Scharlatan.
Von allem ist er nur ein wenig
ja, du weißt, er ist ein Star.“

Tony hingegen:

„Er ist kein Held und kein König
kein Bettler und kein Scharlatan.
Von allem ist er nur ein wenig,
drum bist Du in seinem Bann!“

 

Nizza singt:

„Wunderbar, Wunderbar, Wunderbar singt er die Lieder
nur für dich hast du geglaubt (…)"

 

Tony hingegen:

„Wunderbar, Wunderbar, Wunderbar singt er die Lieder
nur für dich – so scheint es Dir (…)“

 

Nizza singt:

„Eine Rose hältst du in den Händen
und du dankst ihm für seinen Gruß“

 

Tony hingegen:

„Eine Rose hältst du in den Händen
und du fühlst Dich mit ihm per Du.“

 

Wie dem auch sei – man fragt sich nun, worin die Motivation in Thobis Verhalten lag, die ja aus Tonys Disqualifikation (abgesehen von Publicity) keinen persönlichen Vorteil ziehen konnte.  Einen Ansatz lieferte der Hamburger Jürgen Otterstein, der kurz mit ihr zusammenarbeitete und ihre Fähigkeit, „Publicity zu machen“ hervorhob. Beispielsweise habe sie Interviews in einem Hamburger Hotel gegeben und dort mit Selbstmordabsichten gedroht.

Wie auch immer die Motivation Nizza Thobis war – sie erreichte ihr Ziel, „Der Star“ wurde disqualifiziert, Tony Marshall durfte mit seinem (tollen) Song nicht antreten –und es rückten die Les Humphries Singers mit ihrem „Sing Sang Song“ nach – ein Lied, das von Ralph Siegel komponiert wurde. Spannend: Einige Jahre später, 1982, nahm Siegel Nizza Thobi bei seinem Jupiter-Label unter Vertrag. Ein Schelm, der Böses dabei denkt..

Am 20. Februar 1976 teilte Prof. Dr. Erich Schulze, Generaldirektor der GEMA und Vorsitzender der SPIDEM-Kommission, per Fernschreiben bekannt: „Der Titel ‚Der Star’ hat disqualifiziert werden müssen, weil die SPIDEM-Teilnahmebedingungen für den Grand Prix Eurovision ’76 vorschreiben, dass weder Komposition noch Text veröffentlicht sein dürfen, und gegen diese Bestimmung verstoßen worden ist. Damit rückt an seine Stelle der Titel „Sing Sang Song“ von Ralph Siegel und Kurt Hertha, gesungen von Les Humphries Singers, nach.“ Doppelt bitter für Tony Marshall und sein Team: Gegen die Entscheidung des Musikverbandes war kein Rechtsmittel möglich.

Die vom Branchenblatt Musikmarkt formulierte Bilanz dürfte treffend sein: „Düpierte Fernsehzuschauer, ein mit Sicherheit saurer Hessischer Rundfunk, für Les Humphries eine Ehre, die keine ist, wieder mal ein ins Schussfeld geratener Vorentscheid und die Zufriedenheit über ein paar Schlagzeilen bei einer Sängerin, die sonst wohl kaum in die Zeitung gekommen wäre…“.

Wie tief der Stachel beim Interpreten Tony Marshall saß, der ja gar nichts für die ganze Entwicklung konnte, erkennt man an dessen Verhalten, als er am 24. Februar 1976 gemeinsam mit Nizza seinen „Star“ in der ZDF-„Drehscheibe“ singen sollte – offensichtlich sollte das Publikum beurteilen, wer das Lied besser interpretiere. Als Tony das mitbekam, verließ er lt. Aussage Nizza Thobis das Wiesbadener Studio und fuhr davon. So gab nur Thobi ihre Version des Liedes zu Gehör.

Auch Wochen nach seiner Disqualifikation war es Tony wichtig, seinen Anwalt Meyer-Woelden noch mal klarstellen zu lassen: „Nicht Tony Marshall ist von Spidem disqualifiziert worden, sondern der Titel“.

Genutzt hat das alles Nizza Thobi wenig – sie hatte nie einen Hit, auch ihre von Robert Puschmann produzierte Single „Der Star“ ist nur in Kleinstauflage erschienen. Der Karriere Detlef Petersens hat das Ganze hingegen nicht geschadet, er entwickelte sich zum erfolgreichen Film-Komponisten.

Für Tony Marshall war es eine Lehre – er nahm danach nie wieder an der Eurovision teil. Seine Fans bescheinigen ihm aber bis heute, dass „Der Star“ eine der schönsten, wenn nicht die schönste Aufnahme ist, die er je herausgebracht hat.

 

Quelle u. a.: http://www.nizza-thobi.com/Grand_Prix_Eurovision_1976.htm

 

 

 

Stephan Imming, 10.02.2016

http://www.tony-marshall.de/

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