CHRISTIAN ANDERS
smago! Serie "Schlager-Rückblick 'vor 40 Jahren'" von Stephan Imming: Teil 5 – Christian Anders ("Wer liebt, hat keine Wahl")!

Neuzugang 30.12.1974 – Re-Entry 03.02.1975…: 

Der am 15. Januar 1945 in Bruck an der Mur (Österreich) geborene Antonio Augusto ("Gustl") Tinicolo (später erhielt er den Namen seines Stiefvaters Schinzel) zog gleich nach seiner Geburt mit seiner Familie nach Sardinien, wo er einen großen Teil seiner Kindheit (u. a. in einer italienischen Klosterschule) verbrachte. Mit zehn Jahren zog die Familie aus beruflichen Gründen zurück nach Deutschland (Frankfurt, Nürnberg und Garmisch-Partenkirchen), allerdings musste der spätere Schlagerstar aufgrund wechselnder Jobs des Stiefvaters Herbert, eines Ingenieurs, auch in Deutschland öfter die Schule wechseln.

Nach der Schule begann er eine Lehre als Elektroinstallateur bei AEG, die er abschloss. Nebenbei  spielte er in einer Band ("Christian Anders and the Tonics") Gitarre und schickte seine Aufnahmen an Plattenfirmen. Dort wurde die Agentin Ann Busse auf das junge Talent aufmerksam, die feststellte, dass Antonio Schinzel "anders" sei – eben "Christian Anders". Ein Kriegsdienstverweigerer, der Fanclubs und politische Parteien ablehnt – das war in der Tat nicht der typische Schlager-Start.

So kam es zur Zusammenarbeit mit Produzent Henry Meyer – allerdings wurde die erste Single "Als wir uns trafen" zum Flop; auch Nachfolge-Singles beim Münchener Verlag von Dr. Karl-Heinz Busse  wie "Spanischer Wein" trafen nicht den Geschmack des Publikums.

Aus diesem Grunde gründete Christian Anders in München eine Karate-Schule, die er selber auch geleitet hat.

1969 kam dann nach langer Wartezeit doch noch der große Durchbruch – seine Single-Schallplatte "Geh nicht vorbei", geschrieben und produziert von Joachim Heider, wurde ein Millionenhit und mit der Goldenen Schallplatte ausgezeichnet und erreichte Platz 1 der Musikmarkt-Verkaufscharts und war auch mehrfach in Hecks damals noch junger ZDF-Hitparade vertreten.

Fortan war Anders Spezialist des traurigen, wehmütigen Liebeslieds, was er in zahlreichen TV-Shows in den 70er Jahren mehrfach unter Beweis stellte. Er verstand es, seinem Publikum nichtssagende Plattitüden mit Pathos aufzutischen. 1970 war er Vertreter Deutschlands bei der Weltausstellung Expo in Osaka, 1971 beim Songfestival in Zoppot.

In diesem Jahr (1971) veröffentlichte Anders auch seine ersten Romane "Gobbo und der Teufel singt sein Lied" und "Blutschrei", denen zahlreiche weitere Buch-Veröffentlichungen folgen sollten. Gleichzeitig gründete Christian Anders seinen eigenen Musikverlag "Chranders", um (Zitat) folgendes zu tun: "Ich mache nur noch das, was mir Spaß macht. Was die anderen sagen, kümmert mich nicht". Den Worten lässt der Sänger Taten folgen, indem er z. B. "Musik aus Studio B."-Moderator Henning Venske im Studio stehen lässt, als dieser ihn darauf ansprach, dass sein Song "In den Augen er ander'n" dem Paul-Anka-Klassiker "Lonely Boy" sehr ähnlich sei oder Auftritte wie den beim Presseball am Starnberger See einfach platzen lässt.

In den ersten Jahren seiner Karriere hatte Christian trotz (oder gerade wegen) seiner Eigenarten, zu denen neben seinen Autos (er fuhr einen Rolls Royce und leistete sich einen Chauffeur) und seiner Kleidung (er trug gerne Pelzmäntel) auch seine ganz eigene Methode gehörte, seine Finger-Muskulatur zu stärken: Er trug stets eine massiv goldene Kugel im Wert von damals ca. 40.000 DM bei sich, Hit auf Hit. Seine Schlager wurden große Erfolge, er war Stammgast in der ZDF-Hitparade und Verkaufshitparade mit Liedern wie "Nie mehr allein", "Du gehörst zu mir", "Nur Dich will ich lieben",  "Ich lass Dich nicht gehen", "Das schönste Mädchen, das es gibt", Riesen-Hit "Es fährt ein Zug nach Nirgendwo", "Sechs Uhr früh in den Straßen", "In den Augen der ander'n", "Das Schiff der großen Illusionen", "Einsamkeit hat viele Namen" und "Ich leb' nur für Dich allein".

Wenngleich Christian Anders im "TOP-Schlagertextheft" angab, keine Hobbys zu haben, war die Musik schon seine Passion – auch als Musik-Theoretiker hat er Talent, so ist er in der Lage, seine Lieder in Arrangements auch zu notieren. Wohl auch deshalb hat er 1972 das Bedürfnis gehabt, eine Instrumental-LP zu produzieren ("Einsamer Sonntag"), die auf seinem "Chranders-Records"-Label erschien.

Ein Jahr später, im Jahre 1973, veröffentlichte Anders eine viel beachtete, später sogar zum Kult erhobene, LP namens "Der Untergang von Taro Torssay". Mit dieser 24 Songs enthaltenden Doppel-LP erfüllte er sich den Wunsch, ein Album mit durchlaufender Handlung herauszubringen. Eingespielt wurde das 110.000-DM-Projekt in Berlin mit 100 Musikern der Berliner Philharmoniker und der Streichergruppe Hans-Georg Arlt.

Der von Friedrich Schütter gesprochene Prolog umschreibt die Handlung dieser Konzept-LP: "Er wuchs auf in den Elendsvierteln von Chicago und wurde reich und berühmt – ein Star. Aber sein Leben blieb leer und sinnlos, denn es war ohne Liebe" – LP-Held Taro Torssay war ein vom Automatenknacker zum Boss einer Gang "aufgestiegene" Star, der dem Gangstermädchen Jane zum Start in eine Sängerinnen-Karriere verhalf. – Das Konzept dieser LP überzeugte RTL-Programmdirektor Frank Elstner so sehr, dass er ihr zu einer einstündigen Sondersendung in seinem Programm verhalf.

Textzeilen wie "Oh Baby tu es doch, mir ist danach zumut'" inspirierten niemand geringeren als Quatsch-Comedy-Club-Moderator und ESC-Experten Thomas Hermanns dazu, aus diesem Konzept ein "Trashical" in den 90er Jahren das Album im Vollplayback recht erfolgreich auf die Bühne zu bringen.

1974 startete Christian Anders eine Tournée, die mangels Erfolgs vorzeitig abgebrochen werden musste. Der Veranstalter, die Konzertdirektion Weht, ging an dieser 60-Tage-Tour Pleite, weil sie die Hallen nicht voll bekam. Obwohl er schon nach 30 Konzerttagen seinen Konkurs anmeldete, bestand Anders zum Leidwesen des Veranstalters Wehts, der deshalb angeblich sogar ein Reihenhaus verkaufen musste, darauf, bis zum 51. Konzerttermin durchzuspielen.

Zu dieser Zeit begann eine Liaison mit Dunja Rajter, die einherging mit dem Suizid seiner langjährigen Verlegerin und Mentorin Ann Busse – gerüchteweise wurden seinerzeit sogar kausale Zusammenhänge vermutet.

Zu allem Überfluss bekam Christian Anders 1974 von einer Fachjury die "Goldene Distel" für "Arroganz, Widerspenstigkeit, Starallüren und Sich-selber-zu-wichtig-nehmen" Ende November überreicht. Augenzeugen hatten den Eindruck, dass Anders den Preis nicht ohne Stolz in Berlin entgegennahm. Umgekehrt verlieh Anders in dem Jahr seinen Studiomusikern "Goldene Schnecken" (Markenzeichen seines Verlages) für deren Verdienste um seine Produktionen und für zwei Millionen verkaufte Anders-Schallplatten zwischen Mai 1972 und Mai 1974.

All diese Umstände sind nicht gerade die besten Voraussetzungen für einen Hit – dennoch gelang es Christian Anders auch 1975 erneut, seinen Song "Wer liebt, hat keine Wahl" für insgesamt fünf Wochen in die Verkaufshitparaden zu katapultieren. Nach dem Chart-Entry am 30.12.1974 brauchte es allerdings eine gewisse "Anlauf-Zeit", bis am 05.02.1975 der Song erneut als Re-Entry die damaligen Verkaufshitparaden stürmen konnte.

Über die weitere Karriere des 2014er smago! Award-Preisträgers wird noch zu berichten sein.

Stephan Imming, 27.01.2015
http://www.suessmatz.eu
http://www.christiananders.com/

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