TONY CHRISTIE
Die CD „My Life – Is This The Way To Amarillo“ (VÖ: 05.09.05) im Test von Holger Stürenburg!

Der Markt wird momentan geradezu überschwemmt die ´Best Of´ Alben von Tony Christie! Auf dieser CD sind jedoch wirklich viele große Hits drauf! 

Der Preis für das unerwartetste Comeback des Jahres geht 2005 garantiert an TONY CHRISTIE. Der als Anthony Fitzgerald geborene Brite hatte sich in der Vergangenheit recht rar gemacht. Zwar veröffentlichte er immer wieder die eine oder andere CD, aber dies wurde nur in den seltensten Fällen von der breiten Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen. Der Las-Vegas-Entertainer, ein Pop-Gentleman alter Schule, ließ sich hierzulande auf manchem Schlagerfestival blicken, wurde dort frenetisch bejubelt, seine aktuelleren Aufnahmen blieben allerdings wie Blei in den Regalen liegen. Derweil zählte der heute 62jährige Anfang der 70er Jahre gerade hierzulande zu den ganz Großen des Showgeschäfts: „I did what I did for Maria“ (1971) und „Don’t go down to Reno“ (1972) stürmten die Top 5 der deutschen Charts; der Überhit „Is this the Way to Amarillo“ konnte im Herbst 1971 sogar die Spitzenposition einnehmen und ganze 13 Wochen in den hiesigen Top 10 verweilen. Weltweit verkaufte sich das hypereingängige Epos über die große Liebe in einem kleinen texanischen Städtchen seinerzeit über vier Millionen mal.


Der Ewigkeitsohrwurm „Is this the Way to Amarillo“ – ein von Neil Sedaka und Howard Greenfield geschriebener Hymnus zwischen hochkarätigem Schlager, sympathischem Pop, ein wenig Country Sound und dem glitzernden Charme internationalen Entertainments – war es auch, der seinem Interpreten Anfang diesen Jahres eine fundamentale Rückkehr an die Spitze der britischen Hitlisten bescheren sollte. Zunächst wurde das Lied, über 30 Jahre nach seinem Entstehen, in der englischen Kult-Sitcom „Peter Kay’s Phoenix Nights“ eingesetzt, was den vortragenden Sänger dessen schnellstens betagteren Altfans und nachgewachsener Jugend unisono ins Gedächtnis zurückrief. Daraufhin entschied sich die Hilfsorganisation „Comic Relief“, die Single zu ihrem offiziellen Hymnus des Jahres auszurufen. Es verging nur eine kurze Zeit, da stand „Is this the Way to Amarillo“ auch schon auf Rang Eins der britischen Hitparaden. Sieben Wochen lang konnte der klassische Mitsing-Oldie dort verbleiben und wurde alleine auf der britischen Insel innerhalb nur weniger Monate rund eine Million mal verkauft. Galt Tony Christie zunächst nur der britischen Jugend als neuestes Kultidol, so versucht man nun, ihn darüber hinaus auch den Teenagern und jungen Popfans in Deutschland schmackhaft zu machen. Dies geschieht mittels einer – im übrigen scheußlich anzuhörenden – Ballermann-Bum-Bum-Fassung des genannten Klassikers, die Christie gemeinsam mit der unseligen „Hermes House Band“ aufnahm und als Single dem hiesigen Popmarkt zuführte. Während bundesdeutsche JungspundInnen, deren sonstiger Musikgeschmack irgendwo zwischen „Crazy Frog“ und „Schni-Schna-Schnappi“ herumirrt, den Schwarm ihrer Eltern, wenn nicht gar Großeltern, soeben neu für sich entdecken, kramen Christies frühere Plattenfirmen kräftig in ihren Archiven und befördern z.T. lange vergriffenes, über weite Strecken höchst erfreulich anzuhörendes Material des feudalen Popcrooners an die Öffentlichkeit.


Nach einigen ruhigeren Jahren, war Tony Christie Ende der 80er mit Deutschlands Spitzenproduzent Jack White zusammengekommen. Dieser hatte kurz zuvor den US-amerikanischen Frauenschwarm und Schmusestar Engelbert aus der Vergessenheit geholt, ihm ein paar locker-flockige Popschlager erster Güteklasse auf den stählernen, muskulösen Leib geschneidert und zudem mit bekannten US-Stars a’la Audrey Landers, Laura Branigan, Paul Anka oder David Hasselhoff ein paar fulminante Hits, auch und gerade in der Bundesrepublik, feiern können. Folglich setzte White damals alles daran, daß Tony Christie sein nächstes ‚Goldkind’ werden möge. Vier LPs bzw. CDs und eine Vielzahl von Singles erschienen so zwischen 1990 und 1994, für die Christie einerseits seinen betagten Klassikern durch White eine arrangementbezogene Frischzellenkur verpassen ließ, andererseits neuere und ältere Kompositionen des in Köln geborenen Popmoguls in seinem ihm typischen, oft etwas harsch tönenden, aber stets liebenswürdig wirkenden Timbre einsang.


15 der besten musikalischen Kooperationen zwischen Tony Christie und Jack White werden am 5. September diesen Jahres unter dem Titel „My Life – Is this the Way to Amarillo“ bei White Records auf CD wiederveröffentlicht, nachdem Christies Früh-90er-Lieder seit ewigen Zeiten nur noch im Zweite-Hand-Bereich erhältlich waren. Zwar sind sämtliche Songs vorliegender Silberscheibe im traditionellen Jack-White-Sound der 80er Jahre gehalten, nehmen ab und zu seelenlose Rhythmuscomputer und künstlich wirkende Synthistreicher überhand, dennoch setzt der Interpret den – übrigens oft typisch deutsch anmutenden – Popschlagern ein ums andere Mal seine spezifische, persönliche Note auf. Neben der unumgänglichen 91er-Neuaufnahme von „Amarillo“, vernehmen wir auf „My Life“ z.B. den discotauglichen Radiodauerbrenner „Kiss in the Night“, der im Sommer 1990 immerhin bis auf Rang 42 der deutschen Singlehitlisten klettern konnte und sich somit als erstes positives Ergebnis der Zusammenarbeit von Christie mit seinem deutschen Produzenten erweisen sollte. Die monumentale Ohrwurmballade „September Love“ war im Herbst des Wiedervereinigungsjahres der zweite Streich der beiden Vollprofis. Den schnittigen Disco-Fox „Torero“ hatte Jack White bereits 1986 für seinen damaligen Schützling Engelbert geschrieben, ein paar Jahre später interpretierte ihn auch Tony Christie. „Dancing in the Sunshine“ kennt der Schlagerfreund auf Deutsch als „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“, von White 1972 verfaßt für Schlagerbarde Jürgen Marcus, „Too young“ hieß 1980 noch „Ich zeige Dir mein Paradies“ und war ein einträglicher Hit für Kinderstar Andrea Jürgens. Ebenfalls schon einige Jahre auf dem Buckel hatte „Sweet September“, eine romantisch-melancholische Popballade mit leckeren Italopop-Anleihen, die Christie im Herbst 1980 bis auf Rang 16 der deutschen Charts führte, bevor White 1991 ein zeitnahes und -gemäßes Arrangement für den melodiösen Evergreen ersann. Neben weiteren radiotauglichen Disco-Fox-Perlen wie „Come with me to Paradise“ (1991), „Lonely Nights“ oder „My little Latin Lover“ (beide 1993), hatte White für den von ihm betreuten Weltstar jedoch auch solche seiner Kompositionen herausgesucht, die verdächtig nahe am damals aufblühenden Volkstümlichen Schlager angelehnt waren. Wenn man sich etwa bei „One Dance with you (Free like a Bird)“ oder „Moonlight and Roses“ den Gesang wegdenkt, könnte man meinen, einem Playback der „Wildecker Herzbuben“ oder des „Original Napalm Duos“ zu lauschen. Das süßlich-schenkelklopferische Melodiechen „Darling tomorrow“ vermittelt sogar den übelriechenden Eindruck, es handele sich hierbei um eine internationale Version des musikalischen Saufgelages „Herzilein“. Mit der Interpretation solch unnötiger, geradezu peinlicher Schmonzetten verkaufte sich Christie für sein deutsches Publikum weit unter Wert.


Von solchen, gottlob nur vereinzelt auftretenden kompositorischen Ausfällen abgesehen, bieten vorliegende 15 Songs jedoch eine feine, kurzweilige Unterhaltung für alle Freunde gehobener Popschlager aus sämtlichen Altersstufen. Einziges real existierendes Manko von „My Life – Is this the Way to Amarillo“: Die CD endet schon nach einer Spieldauer von gerade mal rund 56 Minuten, obwohl viele weitere Songs der überaus fruchtbaren Jahre, in denen sich Tony Christie von Jack White produzieren ließ, gar nicht bedacht wurden. Die White’sche Neufassung von Christies zweitem internationalen Evergreen, „I did what I did for Maria“, oder die peppige, prächtig tanzbare Single „Going to Havana“ hätten wir sehr gerne mal wieder zu hören bekommen. Genügend Platz für genannte Schmankerl (und noch einige mehr) wäre auf „My Life – Is this the Way to Amarillo“ auf jeden Fall vorhanden gewesen!


(Gesamtnote: 2minus)

Holger Stürenburg, 07./08. August 2005

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