STEFAN WAGGERSHAUSEN
Am 8. Februar 2019 erscheint sein 15. Studioalbum „Aus der Zeit gefallen“!

Zugleich begeht Stefan Waggershausen mit seinen „Gibson Diaries“ sein 45-jähriges Bühnenjubiläum!

 

Der Fluch des Teufels, eine laszive Gitarre (namens Gibson ES-150), die gestohlene Stimme, die totgeschlagene Zeit, das Haus am Bodensee, der türkis-blaue Gitarrenschrank, die Pickings des Knopflers, die geöffnete Pforte, die immer wieder aufflammende Liebe zum Delta, die Lust am ewigen Blues, Songwriter mit eigener Zeitzone, Fiddles der Cajuns, ein magisches Knopf-Akkordeon, Southern Comfort und Dixie-Bier, ein neues Album, Jambalaya und Louisiana-Sound, Voodoo-Puppen und Crossroads…

Yep, yep, klingt alles cool, aber lasst mal besser meine alten Gitarren-Saiten die Geschichte erzählen, schließlich war ich immer live dabei. Hi, ich bin Gibson, Gibson ES-150 und ich wurde Zeuge des Pokerspiels zwischen Waggershausen und Luzifer. Für mich begann die Geschichte in den 1930ern, als ich im Gibson-Werk bei Kalamazoo, Michigan das Licht der Welt erblickte. Da stand so’n Typ rum, der leise flüsterte, „poliert das Ahornholz, bringt den Mahagoni-Hals und die Perlmutt-Knöpfe zum Funkeln, die Gibson muss lasziv aussehen. Unten im Tiefen Süden, ja, da soll sie ihm das Genick brechen.“Luzifer hatte vor mich zu missbrauchen, er wollte dem Gitarristen Robert Johnson die Seele des Blues einpflanzen und selbige später wieder rauben. Perfide. Ich sollte Robert gehören und der würde fortan Gitarre spielen wie ein junger Gott. Und so kam es auch. Johnson spielte außerirdisch, doch nach ein paar Jahren kam der Schwarze Prinz und forderte seinen Sold. Der gute Robert starb mit ziemlich viel Schaum vor dem Mund und das lang vor seiner Zeit.

Danach – so sagt es zumindest die Legende – marschierten ganze Legionen von Gitarristen und Banjo-Spielern an den schummrigen Straßenkreuzungen der Südstaaten auf und ab und warteten auf den Pferdefuß, um übernatürliche Fähigkeiten zu erlangen. „Also wenn Du besser spielen willst als all die anderen, hey, dann nimm deine Gitarre und geh’ zu den Crossroads. Geh’ hin kurz vor Mitternacht, spiel’ irgendwas vor dich hin und warte eine Weile… Dann wird er kommen, eine finstere Gestalt – the man in the long black coat. Er wird deine Gitarre nehmen und sie stimmen, ein Lied spielen und dir die Gitarre zurückgeben und dann, dann wirst auch du spielen wie ein Teufel!“

Meines Wissens aber ging das immer schief und keiner hat mehr so gespielt wie Robert. Kein Wunder, denn ich, seine Gibson, stand viele Jahre vergessen in einem überfüllten und staubigen Gitarrenladen mit hunderten meinesgleichen irgendwo in der Baudin Street knapp außerhalb von New Orleans. Bis eines Tages, in den Neunzigern, dieser mitteleuropäische Gelegenheits-Gitarrist in den Laden kam. Er sagte zu den Jungs im Store, dass er ein Video zu seinem Album „Louisiana“ drehe und auf der Suche wäre nach einem authentischen Gitarrenteilchen, so für den coolen Look halt. Da kreuzten sich die Blicke der Cuff-Brothers, sie griffen nach mir und erzählten ihm das Blaue vom Himmel. Was für eine tolle Gitarre ich sei und wer schon alles auf mir gespielt hätte. Natürlich auch Robert! Damals gab es noch keine Handelszölle, aber mit jeder Minute wurde ich für den armen Kerl aus Europa teurer. Es war nicht zum Aushalten, aber der Squarehead Waggershausen ist drauf reingefallen. Wollte wahrscheinlich selbst spielen wie der begnadete Robert Johnson. Waggershausen ist damals über seine eigene Eitelkeit gestolpert und Luzifer hat natürlich seine Chance genutzt. Nachdem der „Sanfte Rebell“ mich dann mitgenommen hatte und wir in den 90ern die beiden Alben in Louisiana hinter uns gebracht haben, hat es dem Songwriter erst mal 14 Jahre lang die Sprache verschlagen. Keine eigene Platte, keine eigenen Songs, seine Stimme war einfach weg, vom Erdboden verschluckt, verkauft, verdealt, geraubt in einem Gitarrenladen irgendwo in New Orleans. Wahrscheinlich hat der Schwefelmann selbst mit Waggershausens Stimme über all die Jahre ein paar heiße Duette gesungen und sich irgendwo da unten von seinem House of Blues-Publikum feiern lassen. Waggershausen hatte es jedenfalls die Sprache verschlagen, der Mann war ins Leere gelaufen.

Es hat ziemlich lang gedauert, doch nach ein paar Jahren hat er dann kapiert. Der grau gewordene Wolf hat den Trick verstanden, die Falle, in die er getappt war. Dass er damals an seinen eigenen Crossroads falsch abgebogen war. Eines Nachts hab’ ich mal wieder in seinem Haus am Bodensee heftig gegen die Tür des türkis-blauen Gitarrenschrankes getrommelt und endlich – nach einer Ewigkeit – hat er mich gehört. Er nahm mich raus und hat damit begonnen mich zu picken. So wie wir Gibsons das lieben. Wir wurden schnell wieder ziemlich gute Buddies, der Tusitalla-Geschichtenerzähler vom Bodensee, dieser Waggershausen und ich. Ich mag den alten Wolf. Hab’ ihn schätzen gelernt über all die Jahre. Irgendwie haben wir uns zusammengerauft und gemeinsam einen Weg gefunden, sogar einen ganz besonderen Weg, eine Art Geheimgang in eine andere Zeitzone. Denn wenn er nachts am Bodensee meine Strings anschlägt, ich ihm einen Groove ausspucke und er plötzlich damit anfängt seine rauchige Gentleman-Jack Stimme drüber zu legen, dann, ja dann ist es,  als ob wir aus dem dunklen und stillen Zimmer hoch über dem Bodensee abhauen, als ob wir eine Pforte nach Louisiana öffnen und durch ein Wurmloch ans Delta des Mississippi pilgern. Wie von Geisterhand sitzen wir dann mitten unter den Cajuns, diesen französisch-kanadischen Einwanderern, in einer Jam-Session mit den andern Homeboys von da unten, umzingelt von Fiddle, Knopf-Akkordeon und Dobro. Ich und der alte Wolf, wir fallen in diesem Moment gemeinsam aus der Zeit. So wie der ganze handgemachte Sound dieser neuen Platte auch aus der Zeit fällt. Wir folgen unserer eigenen Geschwindigkeit und grooven in unsere eigene Waggerhausen’sche Timezone.

Auch in der Vergangenheit hat der Typ immer seinen eigenen Kopf gehabt. Bei all der Kritik und dem Gegenwind, den er von Plattenbossen und der Jazzpolizei gekriegt hat, hätte er eigentlich längst nur „Salut“ sagen können oder besser noch, er hätte mich einfach irgendwo in der Wüste begraben sollen. Was er dann für sein Video „Ich kenn mich aus mit dem Blues“ doch tatsächlich auch gemacht hat! Aber dazu später mehr. Mit unglaublicher Beharrlichkeit hat er sich nach all den Jahren des Schweigens wieder aufgerappelt, hat seinen eigenen Musikstil durchgezogen, so, wie er es für richtig hielt. „Kein Mainstream. Ne sagt er immer, da drängeln sich zu viele Leute immer gleichzeitig an derselben Tür, da isses zu eng.“Song für Song hat er endlich zu seiner Stimme zurückgefunden. Langsam wieder Fahrt aufgenommen. Skizze um Skizze gesammelt, Texte eingesungen und wieder und wieder musikalische Ideen realisiert. Am Bodensee, in Paris, mal in Hamburg, in Berlin oder in „Nu’Awlins“.

Einfach war‘s nicht mit ihm! Wie oft hat er gezögert, gezweifelt an seinen Songs, wie oft wollte er sie einfach nur in die Ecke schmeißen, Benzin drüber schütten und anzünden. Wie mit einem Kind musste man mit ihm reden. Rausgekommen ist pure, handgemachte und authentische Musik, mit endloser Liebe fürs Detail. Ehrlich, dieser Aufnahme- und Produktionsstress über Jahre hinweg war echt anstrengend. Nie war er zufrieden, der Sound sollte immer noch runder, noch bluesiger, noch cooler klingen. Von manchen Songs hat der Mann doch glatt fünf Versionen gemacht, vier davon verschwinden jetzt wahrscheinlich in irgendeinem Studio! Wahrscheinlich aber ist dieser alte Wolf auf seinem neuen Projekt seinem tief in ihm schlummernden Masterplan gefolgt: den Sound der Südstaaten, welchen er damals in den 1990er Jahren auf seinem Album „Louisiana“ zum Leben erweckt hatte, hier und heute mit akribischer Kreativität zu perfektionieren. Eine Menge Songs sind dabei entstanden. Welche davon er jetzt tatsächlich veröffentlicht, na ja, ich glaub‘, er weiß es bis zum letzten Moment selber noch nicht, der ewige Zweifler. Jetzt haut er also wieder ein neues Album raus. Er will’s wohl den Dämonen, die ihm seine Stimme geraubt haben, nochmal zeigen. Ist ja eh ein endloses Thema bei ihm. Silberzungenteufel, der Schwarze Prinz, Luzifer,die steh’n bei ihm ja schon seit Jahrzehnten permanent Spalier. Klar, es hat wieder unfassbar lange gedauert. Am Ende wird er es wieder auf ‘nen Voodoo-Fluch schieben. Aber ich, ich als sein Buddy, echt, ich weiß es besser. Der Typ war einfach zu lang im Tiefen Südenund er hat schlichtweg eine ziemliche eigene Art von Entspanntheit entwickelt, seine „Wolf-Idleness“. Egal, wie dem auch sei, jetzt taucht er also mit seinem 15. Studioalbum aus dem Bodensee-Nebel und der Vergessenheit wieder auf. Hat ’n paar coole Songs geschrieben. „Die Drinks sind getrunken“, das ist sicherlich der extraordinärste Titel und sowas von Aus der Zeit gefallen.

Was hat er sich gequält mit den vielen verschiedenen Versionen von diesem Lied!  Die erste Fassung war ganz intim, hatte schon eine ganz eigene Magie. Aber nein, immer wollte er noch was anderes versuchen und hat seine Mitmusiker zur Verzweiflung getrieben. Version Nr. 5, das war dann eine Fassung, als wären die Gitarren für einen Film von Quentin Tarantino eingespielt worden.

Natürlich erinnere ich mich auch noch, dass – kurz nachdem wir uns in den Outskirts von N.O. kennengelernt haben – einer seiner neuen Louisiana-Homeboys von Hank Williamserzählt hat. Dem legendären Singer-Songwriter und der Ikone der Country-Musik der 50er Jahre. Vorbild für Bob Dylan, Johnny Cash und viele Andere. Waggershausen hat sich aufmerksam all die Stories und Legenden über Hank Williams angehört. Ich hätte aber nie damit gerechnet, dass er aus all diesen Geschichten 24 Jahre später einen eigenen Song „Hank Williams“schreibt!

„Der Rock’n’Roll ruft seine Kinder heim“, das Lied hat er für den „Club 27“ geschrieben und auf meinen Saiten komponiert!  Am Tag nachdem Amy Winehouse unseren Planeten verlassen hat und sich irgendwo da oben mit Janis Joplin, Jim Morrison, Brian Jones & Co. getroffen hat. Ich bin nur eine Gitarre und ich bin nicht immer unmittelbar in seiner Nähe, aber dennoch, ich bin nah, ganz nah an Stefan dran, und wenn ihr mich fragen würdet, was es mit Songs wie „Ich kenn mich aus mit dem Blues“, „Etwas Gutes wird kommen“, „Backstreet Girl“auf sich hat, dann würde ich mit all meinen Saiten gleichzeitig sagen: „Ey, das sind authentische, persönliche Songs.“ Der alte Wolf wird das aber nie zugeben, er hasst es, wenn man private, persönliche Sachen von ihm ausplaudert. Da ist der Mann unfassbar eigen. Einmal mehr Aus der Zeit gefallen. Ach was könnte ich noch alles an Stories erzählen, vielleicht öffne ich ja irgendwann an anderer Stelle mein Gibson-Tagebuch. Für das erste Video „Ich kenn mich aus mit dem Blues“hat er mich irgendwo draußen im Niemandsland verbuddelt. An der gottverlassensten Stelle! Tief in der staubigen Erde begraben. In totem, abgebrannten Land. Soll wohl signalisieren, dass er mich jetzt aus des Teufels finsterster Hölle aus dem Grab zurückgeholt hat. Na ja, was macht man nicht alles für seinen Buddy. Der alte Wolf hat seine Stimme wieder. Jetzt ist erst mal der charmante Singer-Songwriter, der nie in eine Schublade gepasst hat, am Start. Mal schauen wie das ausgeht, aber ich bin guter Dinge, denn Waggershausen ist am Ende doch ein echtes „Sonntagskind“. Der kriegt das hin. Solange er weiter an mir rumschraubt wird alles gut und ich hab‘ auch meinen Spaß dran. Vielleicht nimmt er mich mal wieder mit auf Tour, live spielen is’ eh das allercoolste, mal schauen, ob er das irgendwann in seinem Leben nochmal regelt. Gerade erst gestern Abend hatte ich wieder eine Session mit dem alten Wolf. Wir sind am Fluss der Zeit entlang gezogen und haben einfach nur Musik gemacht. Wer mag, soll sich die Songs jetzt einfach selbst reinziehen. Ich groove mal weiter vor mich hin, hör’ den Texten zu, relax’ meine Strings und dabei fühlt es sich an, als wär’ ich zusammen mit dem Wolf „Aus der Zeit gefallen“.

 

 

 


Textquelle/Bildquelle:
lanz unlimited communications
 (Textvorlage)

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